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Der Israelit · 1892-01-07 · Heft 2 (7.1.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 2 (7.1.1892)
Date
1892-01-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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binifchem Judenthum-in dem Sinne gelehrt, als ob Beide sich gegensätzlich gegenüberftünden und einer das andere aufhebe. Besonders den Schulchan Aruch haben sie als Ausbund aller Erstarrung und Verknöcherung, als Ertödtung des Geistes der Thora und als ein Sammelsurium hohler, denk- und lichtscheuer Formgläubigkeit hingestellt. Sich selbst aber feierten sie als die Befreier von dem geistigen Joch, das ein Rabbi Josef Karo und ein Rabbi Mosche Jsserlcs der ganzen Diaspora auferlegt habe. Diese Stigmatisirung gelang ihnen leider so sehr, daß heute fast ein gewisser Muth dazu gehört, einer Würdigung des Schulchan Aruch das Wort zu reden. Und nun sehen wir heute die merkwürdige Erscheinung, daß, während man in großen jüdischen Kreisen vom Schulchan Aruch kaum mehr als den Namen kennt, uns unsere Feinde die Kenntniß und Vertrautheit mit demselben zum Vorwurf machen! Das ist doppelt beschämend. Wenn unser Religionscodex von uns selber nicht gewürdigt, ja nicht einmal gekannt und geradezu verkannt wird, so dürfen wir über die Verkennung und Herabwürdigung, die derselbe von unseren Gegnern erfährt, uns nicht beklagen. In der That ist aber die Herabwürdigung, die wir mit unseren heiligsten Anliegen durch unsere Feinde erfahren, bei weitem nicht so schmerzlich, als die kränkende Mißachtung, die sich in unserem eigenen heimischen Kreise geltend macht. Sie steigert sich noch, wenn man die Steine mustert, die von draußen auf unser Heiligthum geschleudert werden, und findet, daß sie sämmtlich von bundesbrüchigen Bruderhänden erst hinausgereicht wurden. Alle Feinde der Jndenheit zusammen haben uns nicht so viel geschadet, als die Feinde des Judenthums in unserer eigenen Mitte, welche das überkommene heilige Vätererbe durch ihre pietätlose Geringschätzung der Verachtung der eigenen Brüder preisgegeben. Unser herrliches, einziges Schriftthum war bis auf die allerneueste Zeit unser Licht und unser Trost, unsere Kraft und unsere Stütze, war uns die Feuersäule, welche uns Bahn weisend durch alle Wüsteneien voranleucbtete, bot uns reichen Ersatz für alle Bitternisse des Lebens, für alles, was eine ganze Welt uns vorsagte. Und heute? Heute haben cs die Verächter unseres Lebensgesctzes dahin gebracht, daß seine Kenntniß aus unserer Mitte täglich mehr und mehr schwindet, daß Viele aus Unkenntniß den Verdächtigungen und Verleumdungen unserer heiligen Schriften selber Gehör und Glauben schenken und nicht die Einsicht und den Muth haben für ihr angegriffenes Heiligthum in die Bresche zu treten. Während sonst die heilige Lade ihre Träger trug, drohen heute die Träger unter der Last zu erliegen, die auf ihren Schultern ruht. Jede Wendung zum Bessern muß daher mit uns selber, muß mit einer richtigen Würdigung der hehren Geistesschätze beginnen, die heute verachtet und entwürdigt in der Ecke liegen. Der instinktive Haß gegen die praktischen Aeußeruugen des jüdischen Pflichtenlebens hat sich naturgemäß in erster Reihe dem Werke zugeweudet, das dieselben codisicirt enthält, dem Schulchan Aruch. JnWirklichkeit wendet sich dieserHaß an eine falsche Adresse, da der Schulchan Aruch lediglich die bereits in Bibel und Talmud zerstreuten Gesetzesbestimmungen systematisch geordnet enthält. Nur in der relativ getreuen Wiedergabe und Codifictrung dieser Bestimmungen beruht die Autorität des Schulchan Aruch. Wo die Wiedergabe nicht dem Original entspricht, hört diese Autorität auf. Sobald der Nachweis erbracht wird, daß eine Bestimmung des Schulchan Aruch mit den maßgebenden Quellenschriften in Wtdersprnch steht, sind diese und nicht er maßgebend. Dieser Nachweis ist von vielen jüdischen Gelehrten im Laufe der Jahrhunderte in zahllosen Fällen erbracht worden, und kann noch heute von jedem Kenner der einschlägigen Literatur täglich geliefert werden. Diese kritischen Bemerkungen, Ergänzungen und Glossen jeder Art sind im Laufe der Zeit zu ganzen Werken angewachsen, von welchen die bedeutendsten den Schulchan-Aruch-Ausgaben beigcdruckt werden, und im gewissen Sinne mit ihm ein Ganzes bilden. Es versteht sich, daß die sämmtlichen Glossatoren des Schulchan Aruch mit dem Verfasser desselben, was die rückhaltlose Verbindlichkeit der einzelnen Bestimmungen betrifft, vollständig überall übereinstimmen, und daß Kritiker, welche diese Verbindlichkeit in Abrede stellen, für die ihrem subjectiven Belieben entsprechenden Streichungen und Aenderungen aus der Existenz jener Glossatoren keinerlei Berechtigung für ihr Vorgehen ableiten können. Tragen somit die Verantwortlichkeit für den Inhalt des Schulchan Aruch lediglich die Quellenschriften, denen er entlehnt ist, so beschränkt sich das, was dem Schulchan Aruch eigenthümlich ist, auf die Gruppirung, Sichtung und systematische Anordnung des ungeheuren, weitschichtigen Materials. Derselbe beginnt mit den Pflichten, die sich an das tägliche Erwachen am Morgen knüpfen und sein zweiter Baud schließt mit den Bestimmungen für die Zeit, in der wir uns zur ewigen Ruhe niederlegen. Vom eisten Erwachen bis zum letzten Athemzuge finden wir hier die Pflichten gelehrt, welche täglich und bei besonderen Veranlassungen an den jüdischen Menschen herantreten.

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