Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1892)
- Date
- 1892-01-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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11 die alte Stadtgemeinde im Gottesdienste Reformen einführte, gründete er die Gemeinde Chisuk Emunah, und unterstützte dieselbe sehr reichlich. Sie liebt er wie kein zweiter; so lange seine Gesundheit es ihm erlaubte, versäumte er keinen Gottesdienst. Er hat es erlebt, zu sehen, daß sein Lieblings- Werk blüht und gedeiht. Vier Kinder, hervorragende Bürger unserer Stadt, darunter Frau Wiesenseld, deren philantropisches Wirken hier weit bekannt ist, und Herr Professor Dr. Friedenwald, der berühmte Augenarzt, der an der Spitze vieler Wohlthätigkeits- Vereine steht, sowie 38 Enkel, 34 Urenkel und ein Ur-Ur-Enkel bilden die köstlichen Zweige des Gefeierten. Möge der Allmächtige ihn uns noch lange erhalten, und sein musterhaftes Leben Alt und Jung stets begeistern. Vermischtes. Frankfurt a. M. Zum Besten unserer so schwer bedrängten Brüder in Nnßlaiid veranstaltete der hiesige Litterarische Lesclnind am 28. November a. c. in der Loge Earl eine theatralische Anffiihrnng unter gütiger Mitwirkung des Frl. Bertha Gans, l Schülerin unseres beliebten Schauspielers Herrn Zadcmack) der Herren Mar Bing (Opernsänger) Sternberg und Wolpcrt sowie des Vereins Plnlharmonia. Ter Abend verlief zu allgemeiner Zufriedenheit. Der Ueberschnf; von Mk. 400 wurde dem Lassirer des Hilssevinick's, Herrn B. H. Goldschmidt von dem Vertreter des Vereins, Herrn Z. Schloß zur Weiterbeförderung übergeben. Aus Baden. Tie früher in Gailingen, im badischen Sbcrlande mib jetzt in Heidelberg wohnhaften nnd allgemein geachteten Barnch Si a n f m a n u'schen Eheleute, haben am 10. Dezember ihre goldene Hochzeit gefeiert. Der Großherzog verlieh dem Jubelpaar die gestiftete silberne Erinnerungsmedaille, welche von dem Amtsvorftande, Herrn Geh. Regiernngs-Rath Pfister mit der llcberbringung der Gliickivünsche nnscrers edlen Fürsten überreicht wurde. Zn gleicher Zeit brachten Herr Bürgermeister Tr. Walz die Glückwünsche der Stadgemeinde, nnd Herr Netter, Vorsteher, die der israelitischen Gemeinde znm Ausdruck. F e ii i 1 l e ton. Die Schindmähre. Ern Allegorie. Bearbeitet und ins Deutsche übertragen von S. H o r o w i tz. (Fortsetzung.) Als Wir uns im Walde gelagert hatten, verfiel ich in ein Hinbrütcn und seufzte mehrmals. „Du denkst zu viel an mich", rief plötzlich die Schindmähre, „Du bist sehr gerührt, besser Du schläfst und ruhst etwas aus." „Ich soll schlafen", antwortete ich heftig, „während Du leidest, während Du stöhnst und jeder Knochen Dich schmerzt! Ich soll schlafen, während Du der Hilfe bedarfst, Dich allein vom Flecke nicht rühren kannst und jemanden benöthigst, der Dir helfe, Dich zu erheben, um auf dem Fuße zu stehen? „Es ist wahr, ich kann Dir in Deiner schweren Noth wenig helfen, denn was bedeutet meine ganze Kraft! „Aber höre, was ich im Herzen trage, was ich bereits gethan und noch zu thun gedenke." Ich suchte einige Sekunden in der Busentasche, zog mehrere Papiere hervor und einen Bogen entfaltend, sagte ich mit ernster Miene: „Das wird Dir beweisen, daß mir Dein Leid zu Gemüth geht, daß ich mich nicht wie andere auf bloßes Reden beschränke, sondern auch handle. Hier dies ist die Eopie des Briefes, den ich ans Comite des „Thierschutzvereins" gerichtet habe, nachdem ich von Deiner traurigen Lage Kenntmß erhielt." Die Mähre spitzte die Ohren und ich las ihr den Inhalt des Briefes mit sonorer Stimme vor: „Das edle Gefühl der Barmherzigkeit hat in unseren Zeiten solche Fortschritte gemacht, daß selbes sich nicht mehr bloß auf die Menschen beschränkt, die sich gegenseitig ohne Rücksicht des Stammes, der Religion und der Nationalität nur Liebe erweisen und sich wie Brüder betrachten, sondern sich auch auf die Thiere erstreckt. Auch sie werden wie göttliche Geschöpfe behandelt, man bestrebt sich auch ihr Loos zu erleichtern, mit Recht also nennt sich unser Jahrhundert „das Zeitalter der Humanität." „Poesie, lauter Poesie!" fiel mir die Mähre spöttisch ins Wort. „Schöne Humanität das! Du wirst wohl die rapiden Fortschritte der Waffenkenutniß gemeint haben! Denn wahrlich die jetzigen Karabiner und Geschütze befördern sehr leicht und schnell ganze Colonnen ins Jenseits." „Bitte, mich nicht zu unterbrechen", schrie ich erregt, „höre ruhig weiter zu" und ich fuhr fort: „Mit Recht verdient unsere Zeit das „Jahrhundert der Humanität" genannt zu werden und das in erster Rei e infolge der Biedermänner und jener Wohlthäter der Menschheit, die den Thierschutzverein gründeten, ihr Mitgliedernetz über Stadt und Land ausbreiten, und sich angelegen sein lassen, daß niemand verkürzt oder beleidigt werde. Und da ich die Ehre und das Glück habe, ein Mitglied Ihres so ersprießlichen Vereins zu sein, fühle ich mich gedrungen Ihre Aufmerksamkeit auf ein phänomenales Geschöpf zu lenken. Ich bin wahrlich in Verlegenheit, indem ich daran gehe, cs näher zu bezeichnen, da ich unschlüssig bin, wie ich dieses Phänomen benennen soll: Mensch oder Schindmähre! Ich bitte nicht zu lachen, denn die Sache ist ernst genug.