Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1892)
- Date
- 1892-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 ist was hier gesagt ist, er sah die Agaloth, die Josef, nicht die Pharao gesandt hatte." Wir brauchen auf die Schwierigkeit dieser Erklärung nicht erst aufmerksam zu machen, die sich vielleicht durch folgende Erwägung lösen dürfte. — Als Jakob seinen Sohn Josef zu den Brüdern schickte, mochten Vater und Sohn wohl eine Ahnung haben, von dem schweren, verhängnißvollen Gang, um den cs sich handelte. Wenn der Vater sein Kind beruhigen wollte, über das was ihm möglicherweise bevorftand, so konnte er es nicht besser thun, als indem er es mit der Parscha von Egla Arufa vertraut machte. Dieselbe handelt von dem Opfer, das Gottes Gesetz den Aeltesten der Stadt vorschreibt, in deren Gebiet ein Gemordeter gefunden wurde, chne daß der Mörder entdeckt worden. Vielleicht nirgends sonst wird uns der liebende, über jede einzelne Menschensecle wachende Gottesernst so eindringlich zum Bewußsein gebracht, als in dieser Veranstaltung. Von ihrer Bedeutung durchdrungen, sind Vater und Sohn sich bewußt, was auch das Zusammentreffen mit den feindlich gesinnten Brüdern zur Folge haben möge, es wird auf Gottes Erde kein Tropfen Menschenblut vergossen, worüber nicht der Vater der Menschheit als Richter und Rächer wacht. Mit dieser Lehre der Parschat Egla Arufa trennen sich Vater und Sohn, und nach 22jähriger Trennung läßt nun dos todt geglaubte Kind dem Vater als ersten Gruß sagen, wie sich in seinem ganzen Geschick die Egla-Arufa-Lehre bewahrheitet habe. — Das läßt Vater Jakob wieder anflcben, das giebt auch uns den Muth und die Hoffnung Angesichts der ungezählten Tausende von verkümmerten Existenzen, die der Vater der Menschheit hinaus unter die feindlichen Brüder gesandt hat, zuversichtlich der Verheißung entgegen zu harren: npys rctp Nb nr: ons. Er gedenkt auch ihrer, er vergißt nicht den Aufschrei der Gedrückten." Betrübender als das Vorgehen unserer äußeren Feinde, bleibt jedoch allezeit der weitschichtige Abfall von dcm angestammten Väterglaubeu, wie er sich in unseren eigenen Reihen vollzieht. Für diesen giebt cs keinen Trost; in vielen Kreisen fehlt sogar noch jedcs Verftändniß dafür. Den Druck, der auf der Judenheit lastet, empfinden alle, aber von der Verkümmerung des Judenthums, für dieKlage, die täglich vom Horeb über die kränkende Mißachtung der Tbora ausgcht, haben viele nicht einmal ein Ohr. Giebt cs doch große jüdische Gemeinden, in welchen die Mißachtung des Judenthums und seiner Gesetze so eingerissen ist, daß sowohl das Gemeindewie das Privatleben in trauriger Weise dafür zeugt. Selbst da, wo die unerläßlichen jüd. Gcmeindeinstitulionen vorhanden sind, tragen sie so offenkundig das Gepräge des Abfalls und der Entfremdung vom überlieferten Judenthum an sich, daß sie den Beobachter mit unsäglichem Schmerz erfüllen. Und dabei wächst bereits eine dritte Generation in völliger Unkenntniß des Judenthums und seinerPflichten heran, welcher dieser ganze Jammer durch irreführende Prediger und Lehrer von der Kanzel und dem Katheder herab, als erstrebenswerther Fortschritt angepriescn wird! Aber es fehlt auch hier nicht an Zeichen der Zeit, welche den aufmerksamen Beobachter belehren, daß dieser Abfall, den das Reformjudenthum angebahnt, seinen Höhepunkt doch bereits überschritten hat. Man hat von Seiten des sich täglich mehr abwirthschaftenden Reformjudenthums die Parole ausgegeben, das Judenthum sei ein Hemmschuh und Hinderniß für die volle Gleichberechtigung des Judenheit, wären erst die religiösen Schranken beseitigt, so würden die sozialen von allein fallen. Darauf hin hat man ein Stück des Judenthums nach dem andern Preis gegeben, hat die jüdischen Gotteshäuser und ihren Gottesdienst kirchlich und geistlich zugestutzt, und glaubte nun die Erlösung gekommen. Und was ist das Ende? — Au allen Ecken und Enden erhebt der Judenhaß sein Haupt, vorzüglich aber in den Großstädten, in denen das moderne Judenthum seine Hochburgen hat, und in allen Variationen rufen die Judenfeinde in die Welt hinaus: „Nicht den orthodoxen, denReformjnden gilt unser Kampf!" Wir haben bereits im verflossenen Jahrgang wiederholt betont, wie verlogen diese Behauptung ist. Aber daß sie auch nur als Vorwand von unseren Gegnern im Munde geführt wird, das ist ein Umstand, von dcm unsere abgcfallenen Brüder vieles lernen könnten und — wie wir hier gern anerkennen wollen — auch schon manches beherzigt haben. Es fehlt, wie gesagt, nicht an Zeichen in den Aeußerungcn der Organe im reformjüdischen Lager, daß die Anfänge einer Wendung zum Besseren sich unverkennbar geltend machen. Wir werden, so Gott will, Gelegenheit haben auf diese erfreulichen Symptome bei späterem Anlaß eingehend zurückzukommen. Wir constatiren noch, daß innerhalb der gesctzcstreuen deutschen Judenheit, die Anstalten zur Pflege des Thorastudiums durch Eröffnung einer Jeschiba in Frankfurt a. M. bereichert wurden und leben der Hoffnung, daß die junge Anstalt die Erwartungen rechtfertigen werde, die jeder wackere Jehudi an dieselbe knüpft. Diese Pflanzstätten der Thora, wie sie bereits in den Scminarien zu Berlin, Würzburg und Cöln, für die gediegene Ausbildung von Rabbinern und Lehrern seit Jahrzehnten