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Der Israelit · 1891-12-31 · Heft 102 (31.12.1891) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 102 (31.12.1891)
Date
1891-12-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Man begeht eine Unterlassungssünde, indem man müßig der Verbreitung jener rraditionsfeindlichen Geschichts- und Literaturwerke zusieht, anstatt deren schädlichen Einfluß nach Kräften zu paralysiren. Die objektive und darum traditionsfreundliche Bearbeitung unser Geschichte und Literatur wird von jedem wahren Jehudi mit Freuden begrüß! und eine neue Quelle religiöser Verjüngung werden. Oder sollte es jemand bezweifeln, daß dieGeschtchtskenntniß das religiöse Leben zu befördern vermag? Gibt es eine eindringlichere Lehre über die rwn® niwn, unter welcher Israel steht, als die durch die Erfahrung bestätigte geschichtliche Wahrheit, daß dem jüd. Volke stets ein Retter in der Noth erschien, daß die bedeutenden Charaktere in unserer Geschichte, welche ihrer Zeit Richtung und Gestaltung gegeben, gerade in solchen Momenten erschienen sind, da ihr Erscheinen eine geschichtliche Nothwendigkeit geworden, daß ferner wie im Winter die Naturkräfte zu schlummern scheinen, indessen sie für den kommenden Frühling schaffen, ebenso in all jenen Geschichts- und Literaturepochen Israels, die scheinbar dem blüthe- und früchtelosen Winter gleichen, unserem Blick entzogen Alles blüthe und sproßte, um alsbald in verjüngter Kraft auftretend die staunende Mitwelt und die bewundernde Nachwelt zu überzeugen, daß: ,,^-w idw?" Und tritt uns diese Erscheinung nicht schon in der Geschichte des ersten Exils entgegen? Der traurige religiöse Zustand des jüd. Volkes vor dem Exile machte, sollte er seine weltgeschichtliche Mission erfüllen, seine Exilirung zur geschichtlichen Nothwendigkeit. Die Eroberung Jerusalems wirkte gewaltig auf das jüd. Volk, es wurde aus seinem Leichtsinn aufgerüttelt und durch die Erfüllung der Vorherverkündigungen Jirmijahs demselben das betrübende Bewußtsein beigebracht, daß sein Unglück Folge der Nichtbeachtung des göttlichen Willens sei, und so erzeugte gerade die traurige Katastrophe der Exilirung Empfänglichkeit in den Herzeu des Volkes. Dies bewies es als die Häupter desselben den Antrag der Samaritaner, an dem nach der Rückkehr begonnenen Tempelbau sich bethetligen zu wollen, aus dem Grunde abgelehnt, damit das Judenthum den heidnischen Einflüssen nicht wieder ausgesetzt sei. Da aber bei alldem die beabsichj tigte geistige Verjüngung des Volkes nicht recht von ' Statten ging, da in Folge der Verdächtigungen der Samaritaner bei den persischen Beamten, als strebten die Juden durch den Wiederaufbau des Tempels ihre politische Unabhängigkeit an, der Bau eingestellt werden mußte und als Dürre und Mißwuchs, von welchen die junge Colonie in den ersten Jahren heimgesucht wurde, die traurige Gegenwart im gewalttgen Tontraste zu den Verkündigungen Jirmijahs über die glänzende Wiederherstellung des Tempels erscheinen ließ, trotz der Ermahnungen der nachexilischen Propheten die Begeisterung und den Eifer der Juden für ihre Religion erkalten ließ, — in diesem Momente, als in Jerusalem alles in Stockung gerieth, zieht plötzlich über die im persischen Reiche weilenden Juden ein Gewitter herauf, erzeugt durch die Feindschaft Haman's, die sie mit dem völligen Untergange bedrohte. Es scheint auf allen Gefilden Juda's eifriger Winter zu herrschen, der alle Regungen de- Volkslebens im Keime erstickt. In Wirklichkeit aber war jenes Gewitter der Vorbote eines wonnigen Frühlings. Durch göttliche Fügung zog das Gewitter über das Haupt Israelis hinweg, erzeugte aber im Herzen desselben die Geneigtheit ein Land zu verlassen, in welchen man nicht immer auf die warme Fürsprache einer Esther rechnen kann und nach Palästina auszuwandern. Ein von Begeisterung für das Judenthum getragener Mann stellt sich an Spitze der Treuen und nachdem auf dessen Veranlassung eine große Schaar ausgewandert, langte er in Jerusalem gerade in dem Momente an, als sein Erscheinen nothwendig geworden und er wie gerufen auf die Bühne der jüdischen Geschichte tritt. Durch die unnachsichtliche Entfernung aller ftemden Elemente vom Volke, die Einsetzung gesetzeskundiger Richter, seine Sorge für die Verbreitung der Thorakenntniß unter dem Volke, vorzüglich aber durch die wahrscheinlich von ihm in's Leben gerufene Institution der großen Synagoge, zeigte Esra seinem Volke jene Bahn, auf welcher es fortschreitend sein ihm gestecktes Ziel erreichen kann. Die strenge Sonderung Jsrael's von den Heiden stachelte aber die Feindschaft dieser auf's Neue auf. Hätte nun Esra seine Kraft in der Bekämpfung der Feinde vergeuden müssen, er würde kaum die hohe Aufgabe, die er sich gestellt, die religiöse Besserung des jüd. Volkes durchzuführen, erfüllt haben. Da erscheint wieder, als es gerade nöthig war, Nechemja, der durch sein Wirken nach Außen es Esra ermöglichte, seine ganze Kraft der religiösen Verjüngung des Volkes mit solchem Nachdrucke zu weihen, daß alles Große, was in den späteren Jahrhunderten die großen Geister Jsrael's geschaffen, nur die Fortsetzung des von Esra begonnenen Werkes war. Und die Kenntniß der Geschichte sollte nicht von hoher Bedeutung für das traditionelle Judenthum, kein Quell der religiösen Belebung sein, und die Führer der Orthodoxie keine große Verantwortlichkeit treffen, daß sie das so dankbare Gebiet ihren Gegnern zum Tummelplätze überlassen? Mögen sie nur in allen Kreisen, die nochthatsächlich auf dem Boden der jüdischen Geschichte

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