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Der Israelit · 1891-12-31 · Heft 102 (31.12.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 102 (31.12.1891)
Date
1891-12-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1908 sämmtllche Parteien und Schattlrungenfich gruppiren können und daS geeignetste Mittel, um dem Jndifferentismus der dem sogenannten Fortschritte reete religiösen Nihilismus huldigenden Juden den Boden zu entziehen. Diesem Jndifferentismus, welcher in der krassen Unkenntniß unserer Geschichte und Literatur wurzelt, müssen genannte Vereine in erster Reihe durch Veranstaltung von populären Vorträgen über unsere geschichtliche Vergangenheit zu steuern suchen. Durch die Gründung einer jüd. Bibliothek kann dieser Zweck nicht erreicht werden. Eine jüd. Bibliothek, mag sie auch die trefflichsten Werke enthalten und Jedermann zur Verfügung stehen, würde von all jenen, die durch ostentative Hinwegsetzung über alles Jüdische ihr Gebildet- und Aufgeklärtsein zur Schau tragen wollen, aus dem einfachen Grunde nicht benutzt werden, weil sie eine jüdische Bibliothek ist. Ist ja die Antipathie unserer eigenen der berüchtigten Aufklärung huldigenden Glaubensbrüder gegen das jüdische Schriftthum nicht geringer, als die Vorurtheile unserer Gegner gegen die Judenheit I Soll der erschreckende Jndifferentismus, den die eigenen Anhänger dem Judenthum entgegenbringen schwinden, so muß das lebendige Wort eingreifen. Die lebendige Charakterisirung der herrlichen Geschichtsepochen unseres Volkes, seiner ausgezeichneten Persönlichkeiten und deren hervorragenden Geistcserzcugniffe auf allen Gebieten der Weltliteratur, die an der Sonne des Judenthums die höchsten Blüthen gereift, wird von nachhaltigstem Eindruck auf die Hörer sein. Die lebendige Schilderung der spanischen Periode unserer Geschichte mit ihren Dichtern und Denkern, diesen klassischen Beweisen, daß das Judenthum mit der Wissenschaft und Zeitkultur sich wohl vereinigen lassen, daß man in die moderne Cultur aufgehen kann, ohne darum dem überlieferten Judenthum treulos werden zu müssen, ja schon der Vortragende selbst, der bei der Vorführung der geschichtlichen und literarischen Erscheinungen jenes goldenen Zeitalters des Judenthums unwillkürlich für sein Thema in Begeisterung erglühen muß, — wird die Sehnsucht der Hörer nach der Kenntniß einer Literatur wecken, die trotz des alles nivellirenden Materialismus der Zeit und der Fülle moderner Literaturerzeugnisse, nicht allein dem auf dem Niveau derZeitbildung Stehenden Interesse abzugewinnen vermag, sondern ihn sogar zu ihrem begeisterten Anwälte zu machen. Ist nun die Sehnsucht nach der jüd. Literatur einmal geweckt, dann wird sie nach Befriedigung streben und erst dann kann eine jüd. Bibliothek, die die besten Literaturerzeugnisse enthält, schöne Resultate erzielen. Vor dem warmen Geisteswehen unserer Literatur wird das Eis des Jndifferentismus schmelzen und das erwachte Interesse für unser Geistesleben mit der Zeit zur Begeisterung für unsere göttliche Thora, der Quelle desselben sich steigern. Diese Voraussetzung ist durchaus keine Illusion, sie erwies sich auch in unserer Gemeinde als vollständig berechtigt. Nach kaum einem Jahre, seit der Gründung des „Choreb-Vereins zur Beförderung der Geschichts- und Literaturkenntniß" zählt derselbe wett über hundert Mitglieder und wird unsere jüd. Bibliothek selbst von solchen Familien mit Vorliebe benutzt, die bis vor Kurzem die jüd. Literatur kaum dem Namen nach kannten, und was das Wesentliche ist, ein gesteigertes Interesse für's Judenthum ist schon jetzt selbst in solchen Kreisen zu konstatiren, die früher den jüd. Interessen wenig Sympathie entgegen gebracht. Ist aber der Jndifferentismus von Seiten unserer fortschrittlichen Glaubensgenossen gegen das Judenthum nur durch das lebendige Wort und die Gründung einer jüd. Bibliothek zu entwurzeln, so müssen wir umsomehr unserem Bedauern über die traurige Thatsache Ausdruck geben, daß wir einen auffallenden Mangel haben an solchen Geschichts- und Literaturwerken, die im Geiste des traditionellen Judenthums geschrieben sind, und die das wahre Judenthum in sich abspiegelnd geeignet wären sowohl die objektive Kenntniß unserer Geschichte und Literatur wie auch die Anhänglichkeit an das überlieferte Judenthum zu befördern. Will man ein ausführliches Geschichtsbuch lesen, so ist man auf das Graetz'sche angewiesen, welches durch seine pietätslose Behandlung der Bibel, seine statt aus objective Forschung der Quellen auf willkührliche Hypothesen beruhenden Darstellung, seine Leugnung der Göttlichkeit der Tradition, der Verdunklung ihrer Träger und der absichtlichen Entstellung der geschichtlichen Wahrheit, jeden echten Jehudi tief verletzt, während er durch eine unleugbar gewinnende Sprache dem Uneingeweihten Sand in die Augen und in unschuldige Herzen den Keim des Unglaubens streut. Angesichts dieser höchst traurigen Erscheinung sollten die dem orth. Judenthum huldigenden Rabbiner ihre Zeit und ihr Können weniger der rein wissenschaftlichen für das Volk unbrauchbaren, und mehr der populären für das Volk berechneten Geschichts- und Literaturproduktion weihen. Wie seiner Zeit eine orth. Bibelanstalt zur korrekten Herausgabe der Bibel ins Leben gerufen wurde, so müßte jetzt Aehnliches geschaffen werden zur objektiven und im Geiste des überlieferten Judenthums gehaltenen Bearbeitung und Veröffentlichung der jüdischen Geschichte und Literatur, damit der Durst nach Kenntniß derselben aus reiner unungetrübter Quelle gestillt werden kann.

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