Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 101 (28.12.1891)
- Date
- 1891-12-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1902 «WM & Der Hunkling des Gzaren. Eine Erzählung au4 Rußland. Bon Jon. Lehmann, Di-. Ml. (Fortsetzung.) „Sie erhört Dich?" frug er in so geschäftsmäßigem, rein sachlichen Tone, als ob er damit die ganze Gewöhnlichkeit eines solchen Vorgangs ausdrücken wollte; nach seiner Ansicht war es ein Unrecht von den Dichtern, die Liebe als etwas Besonderes, Erhabenes, Poetisches zu schildern, da sie doch die allergewöhnlichste Sache sei, die jedem Menschen ein oder mehreremal im Leben zustieß. Aska beachtete in seiner Erregung den fast spöttischen Ton des Freundes nicht. „Erhören?" rief er den Kopf erhebend und den Arm an sich ziehend, „sie weiß es, sie ahnt e8 noch nicht und darf es vielleicht auch nie erfahren, wenn ich die Ruhe ihres Gemüthes und den Frieden ihrer realen Existenz nicht untergraben will, denn ungeheuere Schwierigkeiten sind zwischen uns gethürmt. Ach, und ich darf nicht einmal rütteln an diesen Hindernissen, ohne das heißgeliebte Mädchen aufs Schwerste zu verletzen." „Wie, ist sie keine Jüdin?" ,.O gewiß, gewiß, orthodox, wie ich selbst, nach denselben Grundsätzen erzogen, wie ich selbst, ja sogar in meiner Familie, in unserem Hause ausgewachsen, seit frühster Kindheit mit mir vereint, — doch als ich sie jetzt nach der Trennung wiedersah — so hold erblüht — so süß, so lieb und so gut, so herzensgut und so klug, so charakterfest — Michail, wie, Du erräthst noch nicht —?" „Dann müßte ich sehr begriffsstutzig sein", erwiederte Fürst Gutesow lachend. „Also die kleine Jüdin — Pardon — das kleine Mädchen wollte ich sagen, das Deine Eltern seinerzeit in's Hans nahmen, weil Deine Mutter sich nach einer Tochter sehnte —- daS arme Waisenkind, die Tochter eines früh verstorbenen Vetters — Du hast mir ja auch in Heidelberg stets viel von ihr gesprochen; nun, bei Gott, das Kind ist schön, wäre auch mein Geschmack — wie heißt sie doch —" „Rosa!" „Ganz recht; auch klug und sicherlich gut, das reine Engelchen —" „Du kennst sie nicht, wie ich!" unterbrach Aska heftig — eS war ihm unangenehm, sie von einem Anderen loben zu hören, da er dies viel lieber selbst besorgte — „sie ist nicht ein Mädchen, wie andere —" Fürst Michail lächelte, aber Aska bemerkte dies nicht. „Sie ist das Meisterwerk der Schöpfung, schön wie sie, lebte nie ein Weib, aber das ist die geringste ihrer Eigenschaft, so ideal, so selbstlos, so gut, so dankbar, so herrlich groß und so kindlich süß in ihrer Reinheit, geschaffen, um augebetet zu werden, himmlisch und heilig —" Aska brach plötzlich ab und stürzte mit heftigem Schluchzen dem Fürsten um den Hals, der freundlich lächelnd auf ihn niedersah. „Deine Thränen sagen mehr als Deine Worte" sprach er sanft, den jungen Mann aufrichtend und ihn zum Diwan geleitend. Hier stürzte Aska nieder, verbarg sein Gesicht in den Kiffen und weinte und schluchzte herzzerbrechend. Der Freund stand vor ihm; trotz seiner äußeren Ruhe, trotz seiner kühlen, vhilosophischen Ansichten schien sich ein eigenartiges Gefühl in ihm zu regen. War es der Schmerz seines Freundes, oder beschlich ihn ein Gedanke, den er stets mit solcher Strenge von sich zu weisen pflegte — ein leiser, ihm selbst kaum bewußter Gedanke an die Fürstin Lydia Petrowna, die Tochter des Gouverneurs? Michail Wasiljewitsch nahm mit der linken Hand das Glas von der Nase, preßte die Augenlider zusammen und drückte Daumen und Zeigefinger seiner Rechten fest in die Augenwinkel, wie er zu thun pflegte, wenn er sein Gesicht zu sehr angestrengt hatte. „Es ist ein sehr angenehmes Gefühl zum ersten Male zu lieben" sagte er weich. Schnell aber faßte er sich wieder und in seinem gewöhnlichen Tone fuhr er fort: „Warum weinen? Man muß einen Rath ersinnen. Ich halte Deine Sache nicht für aussichtslos, obgleich Deine Geliebte arm ist. Dein Vater, ein kluger, guter Mann wird sich dem Glücke seines Kindes nicht widersetzen und Deine Mutter, nun Du — und Dein Vater, und Rosa nicht zum Wenigsten, werden ihren Sinn schon erweichen. Sie ist allerdings ehrgeizig, Deine Mutter, möchte wohl lieber eine vornehme Parthie für Dich haben, etwa die Tochter des Finanzbarons Halbthal oder dergleichen, doch ist sie ja herzensgut und schwach — ich bitte Dich, hör' endlich auf zu schluchzen, daS macht tnich nervös. Ich habe mich schon verplaudert und meine Verabredung versäumt —, so kann ich Dich aber doch nicht verlassen. Ist es möglich, daß ich Dir hierin einen Dienst erweise, Du weißt. Du kannst auf mich zählen. Nun, jetzt lachst Du