Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-12-28 · Heft 101 (28.12.1891) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 101 (28.12.1891)
Date
1891-12-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448216--33364-2481253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1900 und Direktor stets entgegen getreten find, ein volles Lob verdienen (Bravo); ich thue es als Bürger und als Vertreter der Gemeinde in der Stadtverordnetenversammlung, deren Mitglieder alle stets darin einig sind, daß alle geheime und offene Mißachtung und Mißhandlung von Mitbürgern wegen der Konfesfion aufs Schärfste zn verurtheilen seien; ich thue es als Mensch und Christ, der jedem Versuch, die religiöse Toleranz zu verletzen, mit allen Kräften, die ihm zu Gebote stehen, entgegenzuarbeiten fest entschlossen ist. (Bravo.) Meine Herren Antisemiten! Ich will Ihnen sagen, wie sehr wir uns darüber gewundert haben, daß in der Hauptstadt des deutschen Reiches, wo doch angeblich alle Intelligenz und Bildung zusammenströmt, eine solche Geistesrichtung platzgreifen konnte, die ein Hohn auf den modernen Fortschritt ist. Erröthen Sie bei Ihrer intoleranten Gesinnung nicht, wenn Sie das Standbild Friedrichs des Großen unter den Linden sehen, der schon ein großer Mann sein würde, wenn er blos das Wort ausgesprochen hätte: In meinen Staaten kann Jede*- nach seiner Fa<M selig werden?! (Bravo!) Rufen Sie mit mir: Es lebe die religiöse Toleranz, es lebe dagleiche Gesetz für alle Preußen ohne Unterschied des Glaubens und der Rassel es lebe die echte christliche Nächstenliebe, die man nicht blos im Munde führen, sondern auch im praktischen Leben zu bethätigen hat." Mit lebhaftem Beifall stimmte die Versammlung in das Hoch ein. A«S Eisenach. Am 15. d. M. feierten die M. Grünstein'schen Eheleute dahier iher goldene Hochzeit. Denselben wurde die Ehre zu Theil, daß Sr. Königliche Hoheit, der Großherzog, ihnen zu dieser Feier durch den Landrabbiner, Herrn Dr. Salzer in Stadtlengsfeld, der eigens zu diesem Zwecke hierher gekommen war, ein gnädiges Gratulationsschreiben und ein schönes Kaffeeservice überreichen ließ. Außerdem war die Theilnahme an diesem Familienereignisse, sowohl Seitens der Mitglieder der hiesigen Synagogengemeinde, als auch vieler christlicher Einwohner hiesiger Stadt, so wie der vielen auswärtigen Freunde und Bekannten eine recht große. Die etngegangenen schönen Geschenke, die vielen Gratulationskarten und das persönliche Erscheinen so Vieler gab hiervon ehrendes Zeugniß. Möge es dem geehrten Ehepaare gegönnt sein, sich des ungetrübten Verlaufes ihres Lebensabends noch recht lange zusammen zu erfreuen! Rußland. Der neuesten Nummer von „Darkest Russia" entnehmen wir Folgendes über die geheime Geschichte des Rundschreibens, welches der Minister des Innern jüngst wegen der Judenfrage an die Presse gerichtet hat: Ein jüdischer Schriftsteller hatte über dieser Frage eine Broschüre geschrieben und dieselbe verschiedenen hervorragenden Russen zugesandt. Die Briefe derselben an den Verfasser wurden gedruckt und der Broschüre augehängt, allein der Censor hielt diese Veröffentlichung für gefährlich und unterbreitete die Broschüre dem Miuistercomit« mit dem Vorschläge, alle Exemplare verbrennen zu lassen. Das Ministercomite war im Begriff, sein Einverständniß hiermit zu erklären, als der Präsident des Finanz-Departements im Reichsrath, Abasa, erklärte: „Ich habe nichts dagegen, daß die Broschüre verbrannt wird. Dieselbe würde in der That die Polemik über die Judenfrage wieder beleben und das ist nicht wünschenswerth, aber ich kann nicht umhin, gleichzeitig zu bemerken, daß wenn wir alles, was zur Vertheidigung der Juden gesagt wird, unterdrücken, wir Denjenigen, welche sie angreifen, nicht volle Freiheit gestatten sollten." Der Gehilfe des Ministers des Innern, Herr Plehwe (welcher den Minister Darnowo vertrat), glaubte in diesen Bemerkungen einen Angriff gegen sein Departement zu erkennen und da er sich seiner Unterstützung des Haupthetzblattes gegen die Juden bewußt war, suchte er sich zu vertheidigen. „Wenn wir die „Nowoje Wremja" verbieten," sagte er, „so werden wir nur die philo-semitische Presse haben." — „Ich weiß nicht, was Sie thun sollten/' antwortete Abasa, „allein ich meine, daß das Ministerium des Innern genügende Macht hat, die Presse zu reguliren." Herr Ss o l s ki, Präsident des Departements für Gesetzgebung und Codifikation im Reichsrath, unterstützte Herrn Abasa, während derjenige, dessen Meinung kennen zu lernen besonders interessant gewesen wäre, bewegungslos dasaß. Herr Pobedonoßzew sagte kein Wort. Infolge dieses Gedankenaustausches im Ministercomitö versandte der Minister des Innern ein Cirkular an die Presse, in welchem derselben verboten wurde, erbitternde Diskussionen über die Judenfrage anzuregen, allein das Rundschreiben war in solchen Ausdrücken abgefaßt, daß die judenhetzerischen Redakteure dieselben so anslegen konnten: „Fahrt fort im Beschimpfen der Juden, Ihr braucht Niemanden zu fürchten." Im Ministcr-ComttL kann sich übrigens dieser Vorfall nicht ereignet haben, denn die erwähnten Personen gehören diesem Comits nicht an. Wahrscheinlich liegt eine Verwechslung mit dem Reichsrath vor. Schweiz. Et. Gallen. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß doch Thierschutz und Agitation gegen das Schächten nicht so identisch sind, als man vielfach glaubt. Die Bewegung gegen das Schächten ist selbst innerhalb der Thierschutz-Vereine, von ursprünglich wenigen Agitatoren künstlich gezüchtet worden und ging von Leuten aus, die anfänglich bona flde gehandelt haben mögen. Aber es ist nicht Jedermanns Sache einen Jrrthum, den man nachgerade eingesehen hat, auch als solchen einzugestehen. Bei Menschen gewöhnlichen Schlags hat die Einsicht eines Jrrthums meistens das Gegentheil zur Folge, daß man sich nämlich erst recht an ihn klammert und ihn ä tont prix zu retten sucht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.