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Der Israelit · 1891-12-28 · Heft 101 (28.12.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 101 (28.12.1891)
Date
1891-12-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1896 zu helfen oder zu nützen, mit Freuden möchte ich jede Qual für dieses edle Werk ertragen. Leider aber ist eine solche Möglichkeit für mich ausgeschlossen. Du indessen vereinigst mit einem edlen Herzen eine stolze, freie Gesinnung. Du vereinigst in Dir mehr juristische und psychologische Kenntnisse, als der ganze Senat in Petersburg sein eigen nennt, Du wärst der Mann, das Vaterland zu befreien, den Czaren auf den Weg der Gerechtigkeit, der Milde und des Wohlwollens zu leiten. Und der Pfad zu solch' hoher Stellung steht Dir offen, denn Dein Geschlecht ist eines der vornehmsten in Rußland. Oheime und Vettern von Dir finden sich in jedem Regierungskadinet, Du brauchst nur die Hand auszustrecken und was Du wünschst, fällt Dir in den Schooß." „Du sprichst wie ein Kind, Du schwärmst." „Laß mich schwärmen, damit ich Dich zur That aufstachle. Solche Köpfe, wie der Deinige, dürfen nicht feiern. Und wenn Du auch nichts erreichen würdest, so schöner Wille allein wäre genügend, Dir zur ewigen Seligkeit zu verhelfen. Wenn Du auch nur zehn Unglückliche vor dem äußersten Elend, das sie bedroht, bewahren könuteft, Du hättest für ein Menschenleben genug gethan!" „Laß ab, mich zu drängen!" „Erinnere Dich der schönen Zeit, die wir in Heidelberg verlebten und was wir da Alles geplant und für die Zukunft besprochen haben. Soll ich Dir in's Gedächtnis zurückrufen, wie wir Arm in Arm zu den Vorlesungen des großen Philosophen gingen, wie wir uns gemeinsam bemühten, die erhabenen Gedanken zu erfassen, die er uns vorgetragen hatte, wie wir freudig errötheten und uns das Herz höher schlug, bei feinen Lehren von der menschlichen Freiheit und der Würde der Person. Weißt Du es noch, wie wir auf meinem Zimmerchen saßen und weinten über daS heilige Rußland und uns die Hände drückten, uns zuschwörcnd, daß wir unsere ganze Kraft aufbieten wollten, unseren armen Brüdern zu helfen?!" „Kindliche Träume!" „Fürwahr, Du hast es vergessen, sonst vermöchtest Du nicht so zu reden. Denke daran, wie wir einmal bei dem geistvollen Interpreten der Philosophie eingeladen waren und dort über Rußland sprachen. In seiner scharfen, klaren Art zu denken, traf er, wie stets, den Nagel auf den Kopf und wir erzitterten vor Freude, als wir seine Reden hörten und nahmen uns vor, nach seinen Worten zu handeln." „Und wir aßen seine delikaten Speisen und tranken seine köstlichen Weine." „Du! Ich nicht!" rief Afka in laut ausbrechendem Unwillen, sprang vom Stuhle aus und trat zum Fenster. Auch Michail verließ sein bequemes Lager und ging zu dem Freunde. „Verzeihe mir", sagte er, ihm die Hand auf die Schulter legend, „ich wollte Dich nicht kränkenindessen, glaube mir, ich denke noch heute mit Rührung an den herrlichen Champagner, den ich bei ihm getrunken. In der That, er hatte durchaus recht, in dem, was er sagte und Du hast auch recht — aber ich — ich habe eben auch recht." Afka wandte ihm sein Gesicht zu, in dem der Zorn noch seine Spuren zurückgelasseu. „Höre mir ruhig zu, mein Afka", frchr'der junge Fürst fort „und ich will Dir erzählen, was ich noch keinem Menschen mitgetheilt habe. Du weißt, ich bin im Pagencorps zu Petersburg erzogen. Was ich während meiner Pagenöienfte am Hofe im Winterpalais gehört und gesehen habe, — es empört mir heute noch mein Blut, wenn ich dessen gedenke. „Nun kehrte ich nach langer Abwesenheit zurück, nun dachte ich, es sei vielleicht etwas besser geworden." Der junge Fürst ließ das Augenglas fallen und seufzte tief. „Vor vierzehn Tagen ward ich zu Hofe nach Petersburg gezogen, um dem Kaiser vorgestellt zu werden. Ich kam zu früh, und barg mich in einer Fensternische; was ich aber da erlebt — nein, mein Freund — es spottet jeder Beschreibung, ich will Dir nur soviel sagen — bei meiner Ehre habe ich geschworen, niemals Dienste beim Kaiser zu nehmen, niemals." „Erzähle!" rief Afka erregt. „Nun denn, Deiner Verschwiegenheit bin ich ohnedies sicher. Der Erste, der in das Vorzimmer kam, war Ginatoff, der Premierminister." „Der allmächtigste Mann in Rußland!" ries Afka. „Derselbe", entgegnete Michail mit höhnischem Lächeln. „Man mag über seine Politik denken, wie man will, der Mann hat doch viele Verdienste, er hat Schweiß vergossen und Kälte ertragen für das Vaterland, und dafür gebührt ihm Ehre." „Ich gestehe es zu, trotzdem ich ihn seiner egoistischen Politik wegen hasse." „Wohl also! Kurz nach ihm betritt das Zimmer Iwan Alexandrowitsch Oststone, Du weißt: Der Günstling des Czaren!" „Nichts weiß ich von ihm! Nur die tollsten, verworrensten Gerüchte sind mir zu Ohren gekommen. Was hat es für eine Bewanduiß mit ihm?" „Das weiß kein Mensch, der Czar und ihn selbst ausgenommen. Er ist ein L'vländer, wie man seinem Aussehen nach annimmt; vor wenigen Monaten erst kam er nach Petersburg und ist — nun er ist eben — der Günstling des Czaren."

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