Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 101 (28.12.1891)
- Date
- 1891-12-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1897 „Erzähle weiter-. Er betrat das Zimmer —" „Nein, er tänzelte und stolperte herein, in einem Reitkosiüm, ungezogen wie ein Geck, in den grellsten Farben schillernd. Der röthliche Flaum auf seiner Oberlippe förmlich triefend von Pomaden. Die Diener, Soldaten und Kammerherren neigen sich bis zum Boden vor dem kaum dreiundzwanzigjährigen, jungen Manne, auch der Premierminister verneigte sich, Iwan aber warf stolz den Kopf zurück, lächelte hochmüthig und grüßte nicht wieder." „Das ist kindisch und ungezogen." „Höre weiter. Sporenklirrend durchmaß er den Saal, an dem Premierminister vorübergehend. Dieser verneigte sich wieder bis zur Erde. Da bleibt Oststoue stehen und mit spöttischem Grinsen reicht er ihm den kleinen Finger seiner linken Hand." „Der Mensch muß an Größenwahn leiden. Was thut Gmatoffd" „Ginatoff stutzt, Ginatoff erfaßt den kleinen Finger, der Premierminister Ginatoff, der Beherrscher Rußlands, fällt auf beide Kniee nieder und küßt inbrünstig den kleinen Finger, — den kleinen Finger der linken Hand vom Günstling des Czaren!" Eine kurze Pause entstand, in der man das beschleunigte Alhemholen der beiden Freunde hören konnte; erregt fuhr der Fürst fon: „Das ist der Mann, der Rußland beherrscht, und den alle Regierungsbeamten sich zum Muster zu nehmen haben, dessen Gefallen jeder höhere Angestellte unbedingt erringen muß, will cr weiter avanciren. Wenn es nun dem Czaren einfallen sollte, seine Gunst auf eine Kuh zu werfen, bei Gott, wir werden die Kuh anbeten müssen." „O Rußland, heiliges Rußland!" „Sprich, welches Ziel wäre hoch genug, daß es eine solche Entwürdigung des Menschen rechtfertigte?" „Die Byzantiner sind übermeistert", seufzte Afka. „Kannst Du noch von mir verlangen, Staatsdienste zu nehmend" „Aber das arme Volk, was kann cs dafür?" „Ein Volk, das in solchen Verhältnissen lebt, verdient sie nicht besser; wir sind nicht berufen, für es einzutreten. Wie die Umstände sind, gibt es keinen Volksbefrcier, als den Czaren oder das Volk." „Und Du?! Was soll aus Dir werden und all' dem Großen, was in Dir veranlagt ist? Was willst Du nun beginnen?" fragte Afka. Fürst Michail stand hochaufgerichtet da, während cs leidvoll und schmerzlich um seine Mundwinkel zuckte. „Ich will mich auf's Sopha legen und die Welt belächeln. Das ist der seligste Zustand auf Erden," rief er mit bitterer Lustigkeit. Den Worten ließ er die That folgen, warf sich auf den Diwan und preßte die beiden Hände vor die Augen. Auch Afka vermochte nicht zu reden, so tief war er erschüttert. Michail setzte das herniedergefallene Glas wieder auf die Nase und fuhr fort: „Die Frucht und der ganze Endzweck unserer gesellschaftlichen Erziehung besteht darin, daß wir unser Unglück mit Eleganz tragen. „Der russische Winter läßt unsere Gefühle er. frieren, freuen wir uns über die Resignation, manch' andren Landeskindern bleibt nur die Verzweiflung. Luft zu athmen und Brot zu essen, was kann ein Russe mehr verlangend Wir müssen froh 'sein, wenn uns Väterchen das Leben läßt." So viel auf einmal und so erregt hatte Fürst Michail seit langer Zeit nicht gesprochen; als bedauere er diesen Aufwand von Kraft, preßte er nun die Lippen krampfhaft zusammen und legte ermattet sein Haupt in die Kiffen des Diwans zurück. Afka ging mit schnellen Schritten im Zimmer hin und wieder. „Armes Vaterland!" seufzte er, „der niedrige Eigennutz triumphirt und Deine guten Engel ziehen sich von Dir zurück. — Es ist merkwürdig, daß wir Russen von einem Vatcrlande reden, da es doch nur ein Land des Väterchens giebt." Michail lächelte und wandte ihm das Gesicht wieder zu. „Sage mir", fuhr Afka plötzlich auf, „weßhalb liebt der Czar seinen Günstling?" „Man weiß es nicht!" erwiederte Michail gähnend. „Ist er schön?" „Er hat ein überaus interessantes Gesicht und in seinem ganzen Wesen liegt etwas prickelndes und pikantes. Manche halten ihn für hervorragend schön." „Ich habe eine furchtbare Vermuthung!" flüsterte Afka dem Fürsten zu. „Nein, nein" entgegnete jener, „Du irrst ganz sicher, Du kennst den Czaren nicht, wenn Du das vermntheft. Nichts liegt ihm ferner als dieses. — Ich bitte Dich, laß uns von Anderem reden — dock nein, ich muß jetzt gehen." Der Fürst zog eine kleine, silberne Uhr hervor, die er ohne Kette in der Westentasche trug; er stand auf. „Auf Wiedersehen!". Michail reichte seinem Freunde die Hand, plötzlich ging ein mattes Lächeln über seine Züge und er frug, ohne die Hand loszulaffen; „Du schilft mich träge, Afka, doch was thust Du, um glücklich zu sein?"