Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-12-28 · Heft 101 (28.12.1891) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 101 (28.12.1891)
Date
1891-12-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448216--33358-2481247
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1894 diese Opfer alle bedeuten, im Vergleich mit denjenigen, welche unsere heimathloS umherirrenden Brüder und Schwestern mit jedem Schritt, mit jedem Athemzug bringen, wie winzig erscheinen sie im Vergleich zu der großen Sache, der sie dienen. — Unsere nichtjüdischen Brüder in allen Ländern der Erde spenden alljährlich ungezählte Hunderttausende für ihre Mtssionsbestrebungen, deren Werth im eigenen Kreise doch als sehr diskutirbar gilt. Und wenn die über den Ocean getriebenen russischen Flüchtlinge nichts als unsere Missionäre wären, wie müßten wir wetteifern an opferfreudiger Hingebung, um nicht durch die Leistungen unserer nichtjüdischen Brüder beschämt zu werden. Und sie sind doch keine Seelenfänger, sie wollen nur ihre Seelen dem Judenthum erhalten, wollen es in ihrem bescheidenen Kreise zur Ehre und Achtung bringen und damit unsere heiligsten Anliegen durch die trübe Gegenwart hindurch für eine lichtere Zukunft retten. — Es möge jedem überlassen bleiben, diesen Gedanken weiter auszuspinnen. Seine bloße Anregung aber ist geeignet uns diese schwere Calamität, als die Wehen einer Neugeburt begreifen zu lassen, deren lichte Größe wir ans der schmerzvollen Entsagung ahnen mögen, unter welcher die gesammte Judenheit heute leidet, bis Gott selber die Thräne von jedem Antlitz trocknet und die Schmach seinem Volke abnimmt._ Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 21. Dez. Vor dem Schöffengericht fand heute in 7stündiger Verhandlung der Prozeß de8 Redaktenrs Marx gegen den verantwortlichen Redakteur der „Freisinnigen Zeitung" statt. Als Marx nach 3jähriger Thätigkeit von der „Vossischen Ztg." entlassen worden war, nach seiner Darstellung, weil man erfahren hat, daß er Jude sei, brachte die „Freis. Ztg." eine Briefkastennotiz, worin erklärt wurde, daß er wegen Unfähigkeit entlassen sei. Marx klagte infolgedessen gegen die „Freis. Ztg." wegen Beleidigung, hat aber hauptsächlich wohl die Absicht gehabt, durch die Zeugenvernehmung die wahren Gründe seiner Entlassung öffentlich festzustellen. Der angeklagte Redakteur produzirte in der heutigen Verhandlung durch seinen Vertheidiger einen Brief des Besitzers der „Voss. Ztg.", der damalsaufeine Anfrage über die Gründe der Entlasfuug des Marx geantwortet hatte, er sei nicht wegen seines Judenthums, sondern wegen Unfähigkeit entlassen worden und machte geltend, daß die „Freis. Ztg." bona fide und in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt habe, weil die freisinnige Partei unter dem Vorwurf gelitten habe, daß eines ihrer hervorragendsten Blätter einen Redakteur entlassen habe, Weiler Jude sei. In der heutigen Verhandlung sagte der Besitzer der „Voss. Ztg." Geheimrath Lessing aus, daß Marx's Fähigkeiten sich für die „Voss. Ztg." nicht geeignet hätten, für eine andere Zeitung möge er befähigt sein, und daß er deßhalb entlassen worden ist. Es ging aber aus der langen Verhandlung hervor, daß erst kurz vor der Entlassung bekannt geworden ist, daß Marx Jude ist und das wohl den letzten Anstoß zur Entlassung gegeben hat. Lessing und Stephany sagten aus, daß die „Voss. Ztg." einen Juden als Redakteur beschäftigt, daß sie aber als ein Blatt, welches ungefähr auf dem Standpunkt des Protestantenvereins stehe, keinen Juden als Leitenden oder auch nur als Stellvertreter desselben dulden könne. Der Redakteur der „Freis. Ztg." wurde freigesprochen. Ans Baden. Im Interesse meiner badischen Kollegen möchte ich darauf aufmerksam machen, daß das, was in der jüngsten Korrespondenz aus Bockenheim von den Religionslehrern in Preußen gesagt ist, auch in Baden seine Gültigkeit hat. Einer unserer Kollegen, der eine bad. Reltgionsschulstelle (Hochhausen) bekleidete, wurde — obwohl in Bayern als Kandidat entlassen — zur 3 jährigen Dienstzeit herangezogen. Es ist das ein großer Uebelftand. Könnten da keine Schritte zur Abhilfe gethan werdend — Wir haben doch hier in Baden einen „Großherzogl. Oberrath der Israeliten" mit einem Ministerialkommissär zu Seite! Soviel ich erfahren habe, gewährt man den in badischen Seminarien ausgebildeten isr. Lehrern, die zur Zeit eine Religionschule, also noch keine staatliche Stellung bekleiden, die Vergünstigung der 10 wöchentlichen Dienstzeit. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Pesth. Der „Bud. Hirlap" veröffentlicht folgende faftunglaubliche Geschichte: In einem Dorfe Ungarns lebten einmal ein schmucker Bursche und ein schönes Judenmädchen. Der Bursche liebte das Mädchen, da er aber römisch-katholischen Glaubens war, wollte seine Familie von der Verbindung nichts wissen. Eines Tages waren die Beiden verschwunden. Niemand wußte wohin, seither blieb jede Spur von ihnen verloren. Das Liebespaar war in die weite Welt gegangen und es fand eine Zuflucht bei den Glaubensgenossen des Mädchens, vor denen er sich auch als Jude ausgab. Damit war sein Schicksal entschieden. Er wurde ein Talmudjünger, studirte fleißig und als man in Vinna einen Rabbi suchte, bewarb er sich um die Stelle und erhielt sie. Der neue Rabbi und seine junge Frau (übersiedelten nach Vinna und er kam seinen Pflichten zur Zufriedenheit seiner Gemeinde nach. Vor Kurzem starb er — doch sein Geheimniß konnte er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.