Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1891)
- Date
- 1891-12-24
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1887 geblieben, nichts als die Erinnerung. Und diese Erinnerung — sie treibt ihnen die Thronen in die Augen, und als Käthe nach beendetem Spiel sich erhob und zu den Eltern zurückkehrte, fand sie dieselben weinend vor. Sie ging zu ihnen hin, küßte sie auf die Stirn und fragte schmeichelnd: „Nicht wahr, ich kann mit dem Rabbiner gehen?" „Wir gehen mit, mein Kind," sprachen die Eltern wie aus einem Munde und Käthe umarmte sie zärtlich. Die vom Rabbiner festgesetzte Stunde war gekommen und pünktlich hatte sich derselbe eingestellt. Er war freudig überrascht, als er erfuhr, daß er anstatt einer Begleiterin, drei Begleiter haben sollte. Das mit zwei feurigen Pferden bespannte elegante Gefährt des Arztes brachte sie trotz des elenden Wetters rasch und wohlbehalten an ihr Ziel. Die Baracken, welche die Stadt den Exilirten zum Unterkommen angewiesen hatte, waren ein Ueüerbleibsel aus den glorreichen Jahren 1870 71. Dort hatten damals die Gefangenen der großen Nation kampirt, bis man sie in ihre Heimath zurückschickte: da kampirtcn heute die Flüchtlinge der heiligen Nation, denen man die Heimath geraubt. Es war ein trauriger Aufenthalt. Düster lagen die niedrigen Holzbaue auf einem freien Felde vor der Sradt; wer nicht an ihnen Vorbeigehen mußte, der mied ihre Nähe. Doch was ist das? Wo sonst tiefe Finsterniß herrschte, da strahlte heute heller Lichterglanz und anstatt Weinen und Stöhnen, empfängt die Besucher freudiger Gesang! Sie treten rasch ein und hören stehend die Hymne mit an, die auch ihnen so wohlbekannt. Aber die Menschen, die hier singen, find das Bettler, Unglückliche, denen das Leben zur Last gemacht worden? Strahlt aus ihrem Antlitz nicht heiteres Gluck oder eine Wehmuth, die auch ein Glück genannt zu werden verdient? Was ists, das sie in ihrcin Unglück so erhebt, so tröstet und stärkt? Der Gedanke, daß sie für das höchste menschliche Gut leiden, daß aus diesem Leid einst Freude erstehen wird. Es sind wohl zweihundert Personen in dem Raum, Männer, Frauen und Kinder. Zu je sechs brennen Lichtchen vor den einzelnen Gruppen und erhellen den ganzen Raum. Vor diesen Lichtchen sitzen die Sänger auf den wenigen .Habseligkeiten, die noch ihr Eigenthum sind. Und die Lichtchen selbst, sind verschieden wie die Gruppen, vor denen sie stehen. Hier lagert eine zahlreiche Familie, deren Angehörige, Mann und Frau und sechs Kinder hohlwangig und bleich aussehen. Vor ihnen brennen in drei Gruppen je sechs Lichtlcin Der Vater und die zwei Knaben haben sie entzündet. Und die Lichtlein! Es sind Opfer der Armuth. Nußschalen mit Del gefüllt, in feuchten Saud auf einen Ziegelstein gestellt, der Docht, ein Stück alten Bindfaden — und doch verbreiten sie freundliche Helle und sind das Entzücken der Kleinen! Dort sitzt ein Greis, gebeugt von der Zahl der Jahre; er starrt in die Flammen der dünnen Wachskerzlein, während sein zahnloser Mund das Chanukkahlied mitsingt. An seinem Geiste zieht jene Zeit vorüber, da er im Kreise feiner Familie freudig dieses Fest gefeiert. Von seiner Familie ist er allein übrig geblieben; feine Frau und seine Kinder deckt schon längst die kühle Erde, sie sind längst in die ewige Heimath eingegangen, nach der auch er sich sehnt; aber ihm hat Gott es anders bestimmt; er weiß nicht, wo seine müden Glieder einst zur ewigen Ruhe gebettet werden! Und hier, dieses junge Paar! Kaum hat des Priesters Wort sie vereint, so treibt der grausame Befehl sie aus der Heimath, raubt ihnen Hab und Gut und eine sorgenfreie Existenz. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt! So bietet jede Gruppe, jede einzelne Person dem Menschenfreund Gelegenheit, die Grausamkeit und Hartherzigkeit einer barbarischen Regierungsmaßregel zu erkennen und die armen Betroffenen zu bedauern. — Nun hat der Gesang sein Ende erreicht. Seufzer entringen sich den Lippen der meisten und ihre Blicke richten sich nach dem Eingang, woselbst der Rabbiner mit seinen Begleitern das Ende des Gesanges abgewartet hatte. Sie kennen ihn, den Mann mit dem freundlichen Gesichte, den sie erst einmal gesehen, dessen Lippen Worte des Trostes und der Hoffnung entströmen. Freudig blitzen die Augen, ein Diener des Herrn weilt unter ihnen, und obschon der Hunger sie guält, der Durst sie plagt, vergessen sie jede körperliche Pein. Ihre Seele dürstet, sie verlangen nach geistiger Nahrung und der Ruf ertönt: „Eine Drösche,**) Rabbi, laßt eine Drösche hören." Und er läßt sie nicht umsonst bitten. Er tritt in die Mitte des Raumes, um ihn schaaren sich die Männer, aber auch Frauen und Kinder treten in den Kreis und lauschen aufmerksam den Worten des Rabbi. Und die Baracken sind im Nu in ein Lehrhaus, in ein Gotteshaus verwandelt, in welchem hundert nach Erquickung lechzende Seelen das lebendige Wort Gottes vernehmen und sich daran laben. Und der Redner versteht es, Trost und Hoffnung in die Herzen seiner Zuhörer zu träufeln und mit dem Balsam des Gotreswortes ihre wunden Seelen erfrischen. Er führt ihnen an der Hand de: eben verhallten Liedes all die Verfolgungen vor, die unsere Voreltern schon erduldet, all die furchtbaren Leiden, die des Glaubens halber unser Volk schon getroffen. „Aber", fuhr er fort, „immer war Gott unsere Hilfe, der Herr unser Schild. Seit Jahrtausenden strahlt das Chanukkahlicht als ewiger Zeuge dessen, sein mildes Licht in die dunkle Nacht hinaus; seit Jahrtausenden sammeln sich die Zerstreuten Israels um die heilige Flamme, welche das Gottesvolk seinem Gotte entzündet. Diese Flamme ist unser Erbtheil, sie ist am Lichte der Thora entzündet und hat ihren Quell am Sinai. Wir müssen sie hinaustragen in die Nacht des Un- und Aberglaubens, sie da entzünden, wo ein Volk sündigetaus Jrrthnm. Nach und nach, wiedieLichtleindes Chanukkahfcstes, wird das Licht der Thora allen Völkern leuchten, und Israel ist der Schammes, der sie entzünden wird. Ja, der Schammes ist ein Bild unseres Volkes. Er bat die Bestimmung die einzelnen Lichtlein gu. entzünden — Israels Aufgabe ist, den einzelnen Völkern das Licht der Thora zu bringen; ersteht, wenn er seine Aufgabe erfüllt hat, einsam und allein vor der Reihe der Lichtlein; er wird nicht mitgerechnet in deren Zahl — auch Israel steht einsam und allein außerhalb der Völkerreihe, denen es das Licht der Thora bringen soll; abgesondert und getrennt, vermischt es sich nicht mit ihnen **) Rede, Predigt, Schrifterklärung.