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Der Israelit · 1891-12-24 · Heft 100 (24.12.1891) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 100 (24.12.1891)
Date
1891-12-24
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1886 V \ ■ ■S l 's •( e als sie ihm mit feuchten Augen die lieblose Aeußerung jener adeligen alten Jungfer mittheilte, rief er aus: „Bei Gott dem Allmächtigen, wenn einer Anspruch auf unser Mitleid, auf unsere .Hilfe hat, sind es jene Armen. Bei ihnen muß es gerade die Religion sein, die auch den Nichtjuden zur Hilfe veranlassen sollte. Haben bei allgemeinen Nothständen, bei Ueberschwemmungen und sonstigen Unglücksfällen die zahlreichen jüdischen Spender gefragt, ob die vom Unglücke Betroffenen auch Juden seien? Es waren unglückliche Menschen, hilfsbedürftige Brüder, denen sich das jüdische terz erschloß, die jüdische Hand öffnete und nun — ottlob denken nicht alle Nichtjuden so, wie jene Dame." „Kann ich die Unglücklichen nicht einmal besuchen?" fragte Käthe. „Gewiß, mein Fräulein! Paßt es Ihnen heute oder morgen Abend?" „Des Abends? Warum denn am Abend? Geht es nicht des Mittags?" „Nein, mein Fräulein, Sie sollen sehen, wie jene russischen Flüchtlinge, jene verachteten polnischen Juden das Unglück, welches sie betroffen hat, tragen. Sie sollen sehen, wie unsere heilige Religion ihnen die Kraft gibt, Unmenschliches zu erdulden und dabei sich an den Lehren und Geboten unseres Gottes zu erfreuen." „Wie ist das möglich?" „Sie sollen es sehen. Ich will Sie morgen gegen Abend abholen und Sie werden keine Bettler, sondern Könige in Lumpen gehüllt in den Baracken antreffen." „Aber ich begreife nicht." „Sie werden es begreifen lernen. Israel feiert in diesen Tagen das Chanukkahfest, das Lichterseft, das Fest der Wiedereinweihung des Tempels. Sie kennen dieses Fest und dessen Veranlassung nicht?" „Doch; der selige Großvater Zündete, wie ich glaube, immer Lichtchen an." — „Ganz richtig. Zum Andenken an die glorreichen Siegesthaten der Makkabäer, zur Erinnerung an die wunderbare göttliche Hilfe, die unfern Vätern zur Zeit der Noth und Verfolgung geworden, feiern wir das Chanukkahfest. Wenn der Abend anbricht, erleuchten Tausende von Lichtlein das jüdische Haus, dringen tausende heller Strahlen in das jüdische Herz; tröstend und erhebend sagen sie: Gott hat den Vätern einst geholfen, Gott hilft auch uns, Gott wird auch unfern Nachkommen helfend zur Seite stehen, sie schützen und schirmen zur Zeit der Noth und Gefahr, ein Retter Israels bleiben für und für!" Käthe blickte erstaunt in das von Begeisterung entflammte Antlitz des Rabbiners und verglich damit in Gedanken das milde Antlitz ihres Freundes, des Pfarrers. Dieses schien zur Ruhe, zur Selbstbetrachtung, zur Behaglichkeit einzuladen, während erfteres mit sich fortriß, begeisternd, erhebend, zur That ermunternd. Sie fühlte sich von den Worten des Rabbiners ergriffen, fortgerissen, und ihm die Hand entgegenstreckend sagte sie: „Gut, Herr Dr., ich erwarte Sie morgen Abend." Das Geburtstagsfest verlief programmmäßig. Bis früh am Morgen war die Gesellschaft beisammen geblieben, tanzend, spielend, musizirend. Käthe hatte durch den Besuch" beim Rabbiner ihre frohe Laune wiedererlangt und war besonders lustig gewesen. Am andern Morgen war sie schon sehr frühe wieder zu Gange und die Eltern waren darob nicht wenig erstaunt. Sie besprachen den gestrigen Tag und warfen der schönen Tochter die seltsame Schrulle vor, mit der sie gestern alle überrascht hatte. — „Aber Papa und Mama, ich sage Euch, es ist keine Schrulle, es ist das tiefste Mitleid mit den armen Unglücklichen! Ich habe noch mehr gethan. Ich habe dem Herrn Rabbiner noch gestern den Ertrag meiner Sammlung überbracht und mit ihm verabredet, heute Abend den Armen einen Besuch abzustatten." „Du überschreitest in diesem Falle die Grenze dessen, was sich für ein junges Mädchen schickt", entgegnete die Mutter ärgerlich. „Nein, Mama, das thue ich nicht. War ich nicht unzähligem«! des Abends bei Weihnachtsbescheerungen für arme Kinder? Nun, auch jene Armen feiern jetzt ein Fest, welches wir nie feiern, das mir aber, als der selige Großvater noch lebte, stets eine große Freude brachte. Noch sehe ich die Lichtlcin, die er alljährlich entzündete, noch erinnere ich mich der herrlichen, einfachen Melodie, in welcher er sein hebräisches Lied sang, ja ich glaube, ich kann diese Melodie noch aus dem Gedächtnisse spielen." Die Eltern erwiederten nichts. Käthe erhob sich, schritt zu dem prachtvollen Bechstein, der im Nebenzimmer stand, und versuchte aus dem Gedächtniß jene uralte, einfache und doch so herrliche Melodie zu spielen, nach welcher in allen jüdischen Familien das Mo&us zur jeschuosi am Channkkahfeste von Alt und Jung, von Groß und Klein gesungen wird. Anfangs wollte es ihr nicht gut gelingen und der Herr Medieinalrath schüttelte bei jedem Fehler, den sie machte, den Kopf; aber bald hatte sie die Melodie gefunden und in vollen Accorden, in wundervollen Variationen erklang die Melodie bald brausend wie der Sturmwind, bald säuselnd wie der linde Zephyr, bald jauchzend, bald klagend. Käthe war eine tüchtige Spielerin und heute übertraf sie sich selbst; sie spielte mit dem Herzen; ihr Empfinden trat in Tönen an die Eltern heran und diese hörten mit denr Herzen die Botschaft, die aus langer, langer Zeit, aus der Zeit der eigenen Jugend durch das Spiel ihrer Tochter zu ihnen herüberklang. Sie sahen sich beide als Kinder mir gerötheten Wangen Hand in Hand mit dem Vater das kleine Gemach, an dessen Fenster die Lichtlein brannten, singend durchschreiten, dachten an das Entzücken, welches sie erfaßte, wenn der ernste Vater an den Abenden dieses Festes mit den Kindern trentelte*) — ja es waren reine Freuden, die sie als Kinder im Elternhause genossen hatten, reines, unverfälschtes Glück. Die - Eltern sind längst todt, jene Zeiten längst entflohen und nichts ist *) Eine Art Würfelspiel mit einem Würfel, an dessen zwei gegenüberliegenden Seiten ein Stiel zum Drehen mit der Hand und ein Fuß, worauf der Würfel tanzt, angebracht ist. Die 4 anderen Seiten des Würfels tragen die hebräischen Buchstaben a — ganz, 71 — halb, 2 —nichts, Lt —stelle. Wie der Würfel nun fällt, erhält der Spieler die ganze oder halbe Cafse oder gar nichts, oder er muß den vorher vereinbarten Betrag an die Lasse zahlen.

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