Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1891)
- Date
- 1891-12-24
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448215--33351-2481239- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1888 seine Thora und sein Gott sind seine Schätze, die Erfüllung der Gebote seiner Lehre seine Sorge. Viele Lichter entzündet der Schammes, ohne einen Lohn dafür zu beanspruchen; das Bewußtsein, seine Pflicht erfüllt zu haben, ist ihm Lohn genug; darum ist der Schammes gering geachtet. Und Israel? Wann hätte es Anspruch auf Dank und Anerkennung erhoben für die hohen Culturaufgaben, die es erfüllt? Von jeher war es der Schammes unter den Völkern, dem die heilige Aufgabe gestellt ist, zu erleuchten und Licht zu verbreiten. Und Ihr alle und ich selbst? Ein Jeder von uns ist ein Schammes und hat dafür zu sorgen, daß es endlich Chanukkah werde in der ganzen Welt, daß das Licht der Thora, überall erstrahle, im Palaste, wie in der Hütte, in dem einsamen Blockhause wie in der dicht bevölkerten Stadt. An Euch ist der Ruf ergangen, murret nicht, und seid bereit. Zündet überall die Fackel der Gotteserkenntniß an, wohin Euer Fuß Euch trägt! Zeigt der Menschheit, daß das gering geachtete Israel, der Schammes unter den Völkern, seine Aufgabe erfüllt und alle Drangsale, die Euch treffen, Roth und Elend, welche Euch drücken, sehet an als Ruf des Herrn — seid fest und stark. Und hat der Schammes seine Aufgabe erfüllt — erstrahlt endlich der milde Glanz der acht Lichtlein in die dunkle Nacht, erkennen alle Völker das Licht der Thora und leben nach ihren heiligen Geboten, dann ist Chanukkah für die ganze Welt, alle Verfolgung hört auf, jitanm chatoim min hoarez urscho'im aud enom es schwinden die Sünden von der Erde und Frevler gibt es nicht"; dann hat auch der Schammes seine Aufgabe erfüllt und „boracbi nafschi es hasohem, ballalujoh. Meine Seele preise den Ewigen — Halleluja." Lautlose Stille herrschte in dem Raume, als der Rabbiner geendet. Die Lichtleiu waren schon theilweise erloschen und Dämmerung war eingetreten; Niemand hatte es bemerkt. Da trat der alte Mann auf den Rabbiner zu, erfaßte seine Hände, bedeckte dieselben mit Küssen und sagte: „Jejascher koach, Rabbi! Möge Haschern jisborach Euch Eure Nechomo vergelten an Euren Kindern und an Eurer Mille.“ Und „jejascher koach, jejascher koach“ tönte es von allen Seiten, so daß der Rabbi kaum überall hin sich verneigen konnte. Der Medicinalrath und seine Damen hatten mit Interesse der eigenthümlichen Scene zugesehen und mit Aufmerksamkeit den begeisterten Worten des Rabbiners gelauscht. Diese hatten einen mächtigen Eindruck auf sie gemacht, und als man wieder im Wagen saß, herrschte anfangs tiefe Stille. Von den feurigen Rennern gezogen, flog der Wagen durch die Stadt und hielt bald mit einem kurzen Ruck vor dem Portale des Hauses des Arztes. Nun wollte sich der Rabbiner verabschieden, aber der Medicinalrath ließ ihn nicht los. Er mußte mit hinaufgehen und bei einer feinen Havannah besprach man das, was man in den Baracken gesehen und gehört. „Wer sind nun die Unglücklichen?" fragte Käthe, „wir, die wir die Gebote der Religion unser Väter beobachten und erfüllen können und es nicht thun, oder jene, die in Armuth und Elend freudig ihre Religion üben und deren Segnungen an sich erfahren?" „Das kommt darauf an," entgegnete der Arzt, „was man unter Glück versteht. Diese Armen draußen erwarten vom Leben weniger als wir und sind deßhalb in ihren Ansprüchen bescheidener." „O, möchten wir alle vom Leben nichts erwarten," entgegnete der Rabbiner, „und um so mehr an jene Stunde denken, da das Leben aufhört, da das Licht verlöscht und Dunkelheit uns umfängt, an jenen Augenblick, da wir Rechenschaft ablegen müssen vor unserem Schöpfer. Jeder von uns ist ein Diener, ein Schammes dem Ewigen; heil dem, dessen Licht Helle strahlt, der die Gotteslehre überall entzündet, wohin ihn das Leben je führt. Je weniger ihm das Leben gewährt, desto größer wird sein Lohn in jener Welt sein." Tiefe Stille war den Worten des Rabbiners gefolgt. Käthe hatte solche Worte in ihrem Leben noch nicht vernommen, der Medicinalrath hatte seit langen, langen Jahren im Laufe und Drange der Geschäfte nicht Zeit gefunden, dahin zu gehen, wo er sie hätte hören können. In seiner Jugend, im Hause seiner Eltern, hatte er solche Worte öfters vernommen; als Knabe hatte er selbst jene Lichtlein entzündet, die mit ihrem milden Schein den dunklen Weg des Erdenpilgers erhellen, jene Gebote der Religion befolgt, die ihm heute fremd sind. Was hat er während seines ganzen Lebens gethan? Gewirkt im Dienste der Menschheit und dabei sich und seine Religion vergessen. Er hatte kokettirt mit einer fremden Religion, um Reichthum und Ehre zu erwerben. War es ihm gelungen? Stand er mit in der Reihe der Lichter, war er der Fremden einer geworden, gleich- und vollwerthig wie diese? Wollte er aufrichtig sein, so mußte er mit „Nein" antworten; er war noch immer der Jude, der Schammes, dessen Licht man borgte, dessen Kenntnisse und Vermögen man für sich in Anspruch nahm, der aber trotzdem nach wie vor außerhalb der Lichterreihe stand. Ja, jetzt merkte er es. Die Worte des Rabbi hatten ihm die Augen geöffnet. An tausend Kleinigkeiten erkannte er, daß er in der Gesellschaft doch nur der Schammes war, den jeder nur benutzte, um ihn wieder an seinen Platz außerhalb der Reihe zu stellen. — Es ist spät am Abend, als der Rabbiner endlich das Haus des Arztes verläßt; freudig bewegt ist sein Antlitz, denn er ist Zeuge gewesen von der Rückkehr eines edlen Herzens zu seinem Gotte. Thränen der Reue hatten in den Augen des verdienten Arztes gestanden, als er den Rabbi bat, ihn: zu Helsen auf seinem Wege zu dem Gotte Israels und seiner heiligen Lehre; mit thräncuden Augen hatte er nach langer, langer Zeit wieder zum ersten Male den Segensspruch gesprochen, der Gött dankt für die Wunder, die er an unseren Vätern gethan, die er uns theilhaftig werden läßt zu jeder Zeit. Ja, auch an ihm war ein Wunder geschehen. In seiner Seele war es licht geworden; das Licht des Chanukkah war auch bei ihm entzündet, ein Priester hatte auch sein Heiligthum wieder hergestellt und Freude erfüllte sein Herz, in Wonne schwelgte seine Seele, als Käthe jene Melodie auf dem Flügel anschlug, die er einst so gern gesungen. Und freudig ertönt von seinen Lippen jenes Lied, und hell scheinen die Lichter des Chanukkah hinaus in die Nacht und mit freudigem Er-