Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1891)
- Date
- 1891-12-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1885 blößt, den Unbilden des Wetters preisgegeben waren! Hier war alles Freude und Glanz, Pracht und Luxus, draußen herrschte die Noth und das Elend, der Hunger, der Jammer und die Sorge, und doch haben auch jene Armen Anspruch an das Leben und an das Glück! Wie verschieden hat doch der liebe Gott die Glücksgüter ausgetheilt und wie offenbart sich seine Weisheit sogar im höchsten Menschenelend. Hätten ihre Eltern, hatte sie selbst so viel Noth und Jammer, so viel Müh und Elend des Glaubens halber ertragen können? Wären sie nicht leichter bereit gewesen, die Religion zu wechseln, wie man einen Mantel wechselt, als jene Glaubensstarken draußen in den Baracken? Sind jene nicht sittlich größer und stärker als sie selbst und ihre ganze Verwandt- und Bekanntschaft? War das Mitleid, das sie für die Aermsten empfand, das rechte? Verdienten jene Helden nicht ihre Bewunderung, ihre Liebe? Gehört nicht eine stärkere sittliche Kraft dazu, fiir das höchste Gut, für die Religion zu dulden und zu leiden, als sich desselben als unbequemen Ballastes nach und nach zu entäußern? Ja, jene AermstenI stehen gar nicht auf so niedriger Stufe, als man gemeiniglich annimmt; es sind Helden, Märtyrer. — „Ei, wie nachdenklich, meine junge Freundin", tönt es plötzlich an ihr Ohr, und der Pfarrer L., der Nachbar ihrer Eltern, der wegen seines hochherzigen Charakters und biederen Lebenswandels allgemein hochgeachtet und geliebt war, trat an ihre Seite und blickte sie forschend an. „Ja, Herr Pfarrer", entgegnete Käthe freimüthig, „ich habe Sorgen". „Ei, ei", versetzte der ehrwürdige Herr, „damit sollen Sie sich noch nicht quälen. Die kommen später schon von selbst. Doch darf ich so indiskret sein —?" „Gewiß, Herr Pfarrer; Sie sollen der erste sein, dem ich meine Sorgen beichte." Käthe legte ihren Arm in den des alten Herrn und ließ sich von diesem in ein Nebenzimmer führen. Hier fanden sie bald eine stille Plauderecke, in welcher das junge Mädchen dem alten Freunde ihre Sorgen offenbarte. Sie fand ein offenes Ohr und ein teilnehmendes Menschenherz, welches in j cdem Menschen einen Bruder sah, bei dessen Leid man nicht theilnahmslos stille stehen durfte. Als Käthe geendet, sagte er: „Gott segne Dich, mein Kind, daß Du im Glücke der Armen und Elenden nicht vergissest. Du und Deine Eltern, Ihr habt schon so oft und so viel für unsere Armen gethan, daß wir auch einmal an die Eurigen denken dürfen." Hier wurden sie von dem Medicinalrathe gestört, der seine Tochter und seinen Freund vermißte und der angenehm überrascht war, als er die Beiden hier beisammen fand. „Nun, mein Töchterchen hat sich gute Gesellschaft gewählt", sprach er jovial, „aber so leid es mir thut, muß ich Ehrwürden entführen; die Damen verlangen Sie." „Frauendienst kommt gleich nach dem Gottesdienst," versetzte der Pfarrer und erhob sich. Käthe folgte ihm und als der Pfarrer in das Empfangszimmer kam, wurde er mit der frohen Botschaft empfangen, daß soeben eine Weihnachtsbescheerung der armen Kinder seines Kirchsprengels verabredet worden sei, wozu das Geburtstagskind den Betrag von fünfhundert Mark bewilligt habe. Einzelne Damen hatten sich -mit ähnlichen Beträgen verpflichtet, so daß das Comitö dem Geistlichen den Betrag von dreitausend Mark zur Verfügung stellen konnte. Käthe war starr vor Staunen. War es möglich, in so kurzer Zeit solch ansehnliche Beträge zu sammeln, so konnte den armen Unglücklichen, welche draußen in den Baracken lagerten, vielleicht auch einige Erleichterung verschafft werden. Sie ergriff deshalb die Gelegenheit beim Schopfe und indem sie sich neben die Mutter stellte, sagte sie: „Mama, auch ich eröffne eine Eollecte für arme Menschen, denen man Hcimath und Vaterland geraubt, die man arm und nackt und krank und elend in die Kälte des nahen Winters gejagt hat. Für sie bitte ich Dich und die geehrten Anwesenden um einen Beitrag. Die Noth der armen unglücklichen russischen Juden, die draußen in den Baracken lagern, ist groß und edle Menschen", setzte sie lächelnd hinzu, „lindern die Noth, wo sie ihnen entgegentritt." Bestürzt sahen Vater und Mutter auf ihre Tochter, welche ein Taschenbüchlein herauszog, es ihrem Vater reichte und ihn bat: „Mache Du den Anfang, Papa!" Der Medicinalrath konnte nicht ablehnen; wohl oder übel mußte er sich den Launen seines Tö'chterchens fügen und so zeichnete er seinen Beitrag. Auch die Mama machte gute Miene zu dem geistreichen Einfall ihrer Tochter und blieb nicht hinter dem Betrag, den ihr Gatte gezeichnet hatte, zurück. Noch einige Bekannte zeichneten .Kleinigkeiten; als die jugendliche Sammlerin jedoch zu den frommen Damen kam, welche die Nächstenliebe stets auf der Zunge haben, gab es immer längere Gesichter und immer kleinere Zahlen, bis endlich ein hyperfrommes, altadeliges, altes Fräulein sagte: „Wir haben genug Arme in unserer Stadt, liebes Fräulein, und jene russischen Juden haben erst in letzter Linie Anspruch auf unsere Hilfe." Mit diesen Worten war der Bann gebrochen nnd Käthe begegnete nur noch bedauerndem Kopfschüttteln, wenn sie einer Dame ihr elegantes Notizbuch reichte. Fast weinend zog sie sich zurück und addirte den Betrag der von ihr angeregten Eollecte. Schamröthe überzog ihr liebes Antlitz, als sie den erzielten Betrag gezählt hatte. Diese Summe reicht nicht einmal, — o, diese Menschen, die ihr Wohlthun nicht nach der Größe der zu stillenden Noth bemessen, sondern sich dieser Noth sogar verschließen, wenn sie mit ihren Gaben nicht in gewissen Kreisen prunken zu können vermeinen. Käthe war die Festesfreude gestört. Den ganzen Tag ging sie verdrießlich einher und gegen Abend ließ sie sich nach der Wohnung des Rabbiners, des Vorsitzenden des Hilfskomittzs fahren, dem sie den Betrag ihrer Sammlung — tausend Mark — den größten Theil hatte sie aus ihren eigenen Ersparnissen zugelegt — übergab. Erstaunt und hocherfreut empfing dieser die unerwartete Gabe und flehte des Himmels Segen auf die edle Sammlerin. Er unterhielt sich eingehend mit ihr, und