Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1891)
- Date
- 1891-12-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1884 Gehilfe einer fremden Person im Sinne des Gesetzes, sondern als selbstständiger, für eigene Rechnung arbeitender Unternehmer auftreten." — Andererseits ist in Oberlauringen (Bayern) dem Schächter, welcher den Bedingungen des Gesetzes freiwillig nachkam, nach Erreichung seines 70. Lebensjahres, die gesetzliche Altersrente zugebilligt worden. Berlin, 17. Dezember. Zu der Niederlage der Antisemiten bei den letzten Berliner Stadtverordnetenwahlen macht die „Volksztg." folgende Bemerkungen: Ein so klägliches Ende der Berliner Bewegung in einer Zeit, in welcher der Stoff für antisemitische Hetze sozusagen auf der Straße lag und in welcher seit Monaten eine so wüste Agitation entfaltet worden, wie selbst im Jahre 1883 nicht, hat sich der „zweite Luther" nach zehnjähriger Hetzthätigkeit kaum träumen lassen. Nicht einmal im dritten Kommunalwahlbczirk, in welchem sonst regelmäßig das unabhängige Bürgerthum von den Portiers, Kutschern, Reitknechten und Hausdienern niedergestimmt wurde, hat der antisemitische Kandidat, der allerdings durch die letzten Reichstagswahlen an den Durchsall gewähnt ist, den liberalen Neuling im Amte schlagen können, obgleich in diesem Bezirk auch bei politischen Wahlen die Reaktion über ein Stimmaterial verfügt, das jeden Augenblick bereit ist, auf Kommando den berühmten Sprung ins Dunkle mitzumachen. Es sind jetzt genau zehn Jahre, daß die Bürgerpartei zum ersten Male auf dem Schlachtplan erschien und den bekannten Sturm auf das „rothe Haus", der im Jahre 1883 mit Hilfe der Puttkammer'schen Auflösung derStadtverordneten- Versammlung zu einem allgemeinen Kampf der Parteien führte, eröffnete. Herr Gerold feierte damals die „Sonne, die im Osten aufgegangen", womit er Herrn Limprccht meinte, und der selige Ruppel machte die Entdeckung von einer in der Stadtverwaltung „verloren gegangenen" Million und forderte hunderttausend Berliner Bürger auf, ihre Visitenkarten auf dem Rathanuse abzugeben. Und heute? „Noch eine stolze Säule zeugt von verschwundener Pracht", wenigstens ist der königl. Archivar noch der einzige Vertreter von Bedeutung in einer Partei, die sich in köstlicher Selbstironie „Bürgerpartei" genannt hat. Welchen Mißbrauch hat diese Mischmaschpartei, deren Existenz überhaupt nur durch^Schürung des Klassen- und Rassenhasses ermög licht wird, nicht noch vor wenigen Wochen mit der kaiserlichen Botschaft vom 18. November '1881 getrieben! Wenn irgendwo die Theorie vom groben Unfug Berichtigung hatte, dann war es bei dieser Hetze, welche der „zweite Luther" und seine Nachbeter aus Grund dieser Botschaft an deren zehnjährigem Gedenktage veranstaltet haben. Die Berliner Wähler aber haben gestern die Antwort darauf gegeben." Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) Im Hause des geheimen Medicinalrathes Dr. Mayer ging es hoch her. Die Frau des Hauses feierte ihren Geburtstag, und wie alljährlich, so versammelten sich auch in diesem Jahre die Freunde und Bekannten des gastfreien Hauses um die Mittagsstunde, um ihre mehr oder weniger herzlich gemeinten Glückwünsche der bei allen so beliebten Dame darzubringen. Es war ein Gewühl und Gewoge, ein Gehen und Kommen an diesem Tage, daß ein außerordentlich gutes Gedächtniß dazu gehörte, die Namen aller Derjenigen zu behalten, die zur Gratulation kamen. Aber der Herr Medicinalrath und seine Frau besaßen ein solches Gedächtniß, und der Name, der vielleicht ihnen entfallen wäre, tönte in der ruhigen Stunde, in der man die Namen der Gratulanten niederschrieb, unfehlbar von den schönen Lippen ihrer einzigen Tochter Käthe, die mit Argusaugen die Thüre bewacht hatte. Käthe war der verzogene Liebling eines vom Glücke in jeder Hinsicht begünstigten Elternpaares und stand im Rufe nicht nur das reichste, sondern auch das schönste und liebenswürdigste Mädchen der Stadt zu sein. War es ein Wunder, daß Groß und Klein, Alt und Jung sie vergötterte und die Bewerber sich zu Dutzenden um ihre Hand bemühten, um freilich mit einem zierlich geflochtenen Körbchen abzuziehen! Was Käthe jedoch noch höher stellte, noch begehrenswerther machte, das war ihr kindlich frommes Gemüth, ihr edles Herz, welches sie anlrieb, fremdes Leid zu lindern, wo sie nur konnte. Obschon ihre Eltern Juden waren, hatte Käthe im Elternhause wenig vom Judenthum und den Geboten der jüdischen Religion gehört, ebenso wenig kannte sie die Schlagwörter unserer Zeit, Antisemitismus — Judenhetze etc. Sie hatte alle Menschen gleich lieb, und als der Zufall ihr einst einen Bericht über die Leiden, welche unsere russischen Brüder zu erdulden haben, in die Hände spielte, da entquollen heiße Thränen ihren Augen und sie bewog ihren Vater dazu, — zum ersten Male seit vielen Jahren — sich fiir die Sache der unglücklichen Glaubensgenossen zu interessiren. Dr. Mayer hätte seiner Käthe zu Liebe noch mehr gethan, und so war die ganze Welt erstaunt, eines Tages den Namen des Medicinalrathes, der bei Manchem schon für einen Abtrünnigen gegolten, unter den Namen jener Edlen unseres Volks zu finden, die mit größter Aufopferung sich jenem Liebeswerke weihten, welches das gräßliche Elend jener armen Exilirten zu mildern versuchte. Käthe selbst griff thatkräftig mit ein, und selbst heute am Geburtstage der Mutter hatte sie jene armen Unglücklichen nicht vergessen. Es war ein rauher, kalter Tag; Regen und Schnee fiel zur Erde und verschmolz mit dem Straßenschmutz zu einem flüssigen Brei, über welchen der scharfe Nordost eine leichte Decke gezogen hatte. Wie mochte es bei einem solchen Wetter den armen Unglücklichen in den Baracken draußen gehen, die, des Nothwendigsten ent-