Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1891)
- Date
- 1891-12-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448215--33340-2481228- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1879 „Aber es extstirt doch etn Thterfchutzverein und schließlich auch ein Mitgefühl!" „Mitgefühl! Ha, ha, ha", riefen sie unter Lachen, „Mitgefühl für solch eine räudige Schindmähre?" „Thut ihr denn das nicht weh? Ist sie denn kein lebendiges Geschöpf? Und übrigens sagt mir, warum zerrt Ihr sie nach der Kanzlei?" „Sie hat kein Recht, hier zu gehen! Sie darf nicht die so schön erhaltene Stadt verunreinigen. Es existirt eine solche Vorschrift und damit basta!" „Und doch treiben sich in den Gaffen andere Pferde und allerhand Vieh umher . . So hat z. B. unweit von da ein Trupp Zigeuner, mit Wagen und Pferde, frank und frei sein Lager aufgeschlagen; und etwas weiter befindet sich eine Lagerstätte betrunkener Kerle!" „Das ist ganz was anderes! Uebrigens ist es nicht unsere Sache, darüber zu urtheilen, und schließlich was kümmert das dich? Gehört denn die Mähre dir?" Ich wollte schon antworten: Ja, ja, sie gehört mir, diese arme Schindmähre ist mein! als ich sie aber erblickte, mußte ich mich aber empören, daß sie so ruhig, gleichgtlttg dasteht, als wäre gar nicht von ihr die Rede. Sie schaute so apathisch, als wollte sie sagen: Sagt was ihr wollt, mich kümmert das ganz und gar nicht! Nicht im geringsten, wenn ich meinen Magen nur vollstopfen kann. Vor Wuth wollte ich schon sagen: Nein! sie ist nicht mein! ich habe nichts mit ihr gemein! Ich wollte ausspucken und davongehen. ... Ich that es aber nicht, sondern sagte: Natürlich, sie gehört mir! Uebrigens, was ist da viel zu reden? Ich verständigte mich mit den Leuten, gab ihnen wieviel sie wollten und befreite die Mähre aus ihren Händen unter der Bedingung, sie zur Stadt hinauszusühren; dabei wurde mir bedeutet, daß, wenn sie sich noch einmal da zeigen und in ihre Hände gerathen sollte, so könnte ich versichert sein, daß mich die Sache dann — viel theuerer zu stehen kommen wird. Versetzt euch in meine Lage. Ich gehe, ich Unglückseliger, über einen Weg, der stellenweise voll Steine und Dornen ist, zu Fuß, hinter mir die Mähre nachziehend. Ich plage mich in einem fort, gehe voran und sie schleppte sich kaum nach, hebt kaum die Füße, stolpert von Zeit zu Zeit, bleibt stehen, und wenn man sie in Stücke reißt, will sie sich nicht vom Flecke rühren; oder sie weicht von der Straße ab und es zieht sie zum Kothe hin! Was soll ich mit ihr anfangen? Was für Rath soll ich mir geben? Ich fasse sie beim Schopfe, ich zerre sie mit aller Macht mir nach, aber ich arbeite mich ab, daß ich mich im Schweiß bade. Es schmerzt mich, sie weiter zu treiben, sie ist mir leid, ich vermuthe, daß sie müde ist und daß sie leidet. Es ist schlecht, sehr schlecht. Ich bleibe also stehen und beginne ihr Vorwürfe ru machen. „Pfui", sage ich zu ihr, „bei Gott, ich hätte eS nie vermuthet, daß du mir für meine Freundschaft, für meine Güte, so viel Unannehmlichkeiten und Leid bereiten wirst. Ich zanke mich für dich, diSputire, beiße mich mit deinen Widersachern umher — wo ich kann, lege ich für dich ein gutes Wort ein und bitte, daß man dir kein Unrecht zufügen soll. Dir zu liebe, schleppe ich mich zu Fuß wie ein Bettler, und auf die Ehre verzichtend, verliere ich für dich meine Gesundheit, plage mich — und du? Ich bestrebe mich, daß es dir besser ergehe, daß du ausschnaufst und freier aufathmest — und du bist widerspenstig, daß mir die Galle überläust und behandelst mich, wie deinen ärgsten Feiud. „Sage selbst, ist das billig, ist das schön? Ich ersinne verschiedene Pläne, verschiedene Combinationen für dich — ausschließlich für dich — du aber lähmst durch dein gegenwärtiges Benehmen all meine Kräfte. Ich sage dir: gehe voran — du -leibst zurück; ich schreie: gehe auf der Fahrstraße und du ziehst in den Koth hinein; du machst Alles wie zum Trotz umgekehrt! „Sage selbst, ist das richtig, ist das schön? Ich weiß, würde ich dir Gebiß und Maulkorb anlegen, auf deinen Rücken steigen und darauf losschlagen, dann gingst du so, wie ich wollte. Wer auf dir reitet, den respektirst du, zitterst auf sein Wort, auf seinen Wink und fühlst dich sehr glücklich, wenn du ihn befriedigen kannst. Und doch kann er dir Haut und Haar schinden. . . Mein Herz aber erlaubt mir nicht, auf dir zu reiten. Meine Zunge möge an den Gaumen wachsen, wenn ich dir sagen werde: trage mich, und wenn ich dich, meine arme Schindmähre, schlagen werde, dann soll meine rechte Hand verdorren! Ueberlege es nur reiflich, daß du mich garstig behandelst, der ich doch dein treuer Freund bin, der dir ein besseres Loos als das gegenwärtige wünscht, der dich glücklich sehen möchte! Das würde meine Seele erfreuen! Gedenke nur, daß du mir das Leben vergällst! Pfui! jBei Gott, daS habe ich nicht verdient!" So sprach ich eindringlich und feurig zur Schindmähre, meine Predigt kam vom Herzen, vor Schmerz weinte ich beinahe wie ein Kind, und sie stand unterdessen gleichgiltig und benagte das am Wege wachsende Gras. „Was mit ihr thun, was beginnen?" Die Auseinandersetzungen führen zu keinem Ziele, die Predigten wirken auch nicht. Mit ihr kann man weder in der Güte, noch zürnend fertig werden.