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Der Israelit · 1891-12-24 · Heft 100 (24.12.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 100 (24.12.1891)
Date
1891-12-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1875 die Kronbeamten" nicht zahlen, wäreschlimmer alS in einem anderen Staate die Steuerleistung zu der» weigern, es hieße, sich gebunden einem Rudel hungriger Wölfe vorwerfen. Alexei gab reichlich und konnte daher in Frieden leben und unbehelligt seinen Geschäften nachgehen, obgleich ein Heer von Ukasen und Gesetzen einer solchen Lebenslage entgegen stand; Rußland ist eben in gewissem Sinne dos freieste Land der Welt; es ist zwar Alles verboten, aber mau kann Alles thun, wenn man es richtig anzustellen we ß. Alrxei Chaimowitsch trieb, wie b;e meisten seiner reichen Landsleute, nicht ein G-schüft, sondern eine ganze Reibe solcher; er bewinhschaftete mit Vortheil einige Güter, natürlich nur als Pächter derselben, denn eigenen Grundbesitz auf dem Lande darf der Jude im heiligen Rußland nicht haben. Will er ein Gut kaufen, das z. B. fünfzigtausend Rubel werth ist, so beauftragt er einen griechisch orthodoxen Freund mit dem Ankauf desselben und läßt sich von diesem als Pächter einsetzen*); der Freund aber gibt dem Juden einen Schuldschein, daß er fünfzigtausend Rubel als Hypothek auf das Gut geliehen erhalten habe. Theilweise auf diesen seinen Gütern, theilweise in der Stadt batte nun Al-xei gut rentirende Fabriken vieler An; er war der Hauptproduzent und bedeutendste Steuerzahler der Stadt, denn er besaß je eine Zucker-, Tuch-, Leinwand- und Fay^nc fabrik, daneben eine Gerberei und eine Se fensiederei. Diese großen und ausgebreiteten Geschäfte überwachte er persönlich und hatte daneben noch freie Zeit und freien Geist genug, sich täglich einige Stunden wissenschaftlich zu beschäftigen; er hatte sowohl in der Literatur seines Stammes, als auch in den modernen Wissenschaften sich ausgebrettete Kenntnisse angeeignet. Und obgleich er in seinen Geschäften sehr wohl seinen Vorthcil zu wahren wußte, so konnte sich doch Niemand beklagen, daß er von ihm jemals eine unreelle Behandlung erfahren habe. Der Bürgermeister der Stadl, der hie und da das Haus Alexeis besuchte, pflegte ihn scherzhaft „Nathan, den Weisen" zu nennen. Trotz seiner glänzenden geschäftlichen Laufbahn wünschte Alexei doch nicht, daß sein einziger Sohn Jakow in die Fußtapfen des Vaters trete, und Jakow oder Aska, wie er in eigenthümlicher EmsteUung seines Namens gerufen wurde, zeigte auch keinerlei Neigungen hierzu. Schon von Kindheit auf, war es sein Wunsch geweßn, zu ftudiren und der Vater hatte Wesen Wunsch st-is begünstigt, im Geheimen den Plan mit Liebe hegend, daß Afka dereinst Rab¬ *) Nach den neuesten Gesetzen dürfen Juden auch nicht mehr GutSpächler sein. biner werden möge. Angehörige der Familie hatten sich schon vor tausend Jahren durch besonders große Gelehrsamkeit ausgezeichnet und der Stammbaum des Hauses, in dem kein einziges Glied unbekannt war, vermochte zweiundsechzia Rabbinen aufzuweisen. Daß Afka nun der dreiundsechzigfte werden möge, das gehörte zu d«-n, wenn auch stillen, so doch ständigen Idealen Alexei Cbaimowitschs. Der Herzenswunsch des Vaters foflre indessen nicht in Erfüllung gehen. Der Heranwachsende Afka zeigte eine innige Hinneigung zu den Naturwissenschaften und der Vater war zu klug und auch zu gut, als daß er sich einem Begehren widersetzt hätte, mit dem die Seele seines Kindes verwachsen schien. So absolvirte denn Afka das Gymnasium seiner Vaterstadt, entschied sich für das Studium der Physik und besuchte deutsche Universitäten. Fünf Jahre hatte er dort mit dem zähen Eifer, der vielen russischen Studenten eigen zu sein pflegt, dem Studium der Naturkunde obgelegen, und eben erst war Afka in das Elternhaus zurückgekehrt, geschmückt mit dem Doktortitel und innerlich durchdrungen von dem Erhabensten und Herrlichsten, was die großen Geister aller Zeiten gedacht und erforscht, denn er hatte sich neben seinen Fachstudien in den anderen Fakultäten weltlich umgethan. Was der Jüngling nun beginnen sollte, darüber war ein Beschluß noch nicht gefaßt worden; er lebte im Eliernhause. von der Außenwelt fast obflcfdjU ff n, im regsten Verkehr mit den hohen Geistern. die ihn aus seinen lieben Büchern heraus mit gewaltiger Kraft anzogen. Der Einzige, mit dem er außer seinen Verwandten, viele Stunden gemeinsam verlebte, war der junge Fürst Michael Gulesow; ein inniger Freundschaftsbund umschloß die beiden Jünglinge. Fürst Michael lrg eben in der Studierstube Afkas lanq ausgestrcckt auf dem bequemen, rothseidcnen Divan und kaute an einer halbgerauchten Cigarette, deren Feuer erloschen war; Afka saß ihm gegenüber rittlinks auf einem Rohrstuhle und hatte die beiden Arme auf die Lehne desselben gelegt; sein Kovf war hoch ausgerichtet und ein fragender Blick seiner großen, schwarzen, geistvollen Augen war auf das Gesicht des Freundes geheftet. Offenbar erwartete er. daß Fürst Michail auf die eben an ihn gestellte Frage antworten würde, doch dieser schwieg beharrlich; das unruhige, feurige Wesen seine- Freundes schien ihn nicht aus der phlegmatischen Ruhe aufrütteln zu können, die ein hervorstechender Zug seines Charakters war. Eine größere Verschiedenheit des Temperamentes als bet diesen, sich gegenseitig so innig liebenden Freunden konnte man überhaupt kaum finden. Der Eine ganz Geist, ganz Feuer, ganz Beweglichkeit,

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