Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1891)
- Date
- 1891-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1871 Werden wir uns noch darüber wundern daß Chanukka nicht zum Freudenfeste erhoben wurde.*) Ein jedes unserer Feste ist ein Denkmal zur Erinnerung an eine vollendete Thatsache, Pessach an die vollendete Befreiung aus Egypten, Schabuoth an die abgeschlossene Offenbarung, Succoth an den unfern Vorfahren in der Wüste gewährten vollen göttlichen Schutz. Chanukka vergegenwärtigt uns aber nicht den vollen, vollendeten und abgeschlosenen Steg des Judenthums über das Hellenenthnm. Chanukka ruft nicht die Vollendung eines Erlösungswerkes in uns wach — dauert ja der Kampf noch immer fort — Chanukka ist bloß der Anfang einer schönen Zeit, die Morgenröthe einer hellleuchtenden Zukunft; Chanukka ist eine mahnende Aufforderung an uns, das begonnene Werk fortzusetzen und wir sollten in einer Zeit, da der griechische Geist mächtig seine Schwingen regt, der gemüthlichen Festesruhe uns ergeben? Chanukka ruft uns die ruhmreichen Siege der Makkabäer ht’8 Gedächtnitz, theils um uns mit derselben Begeisterung für die heiligen Güter unserer Religion zu erfüllen, welche die chasmonäischen Hilden durchglühte, theils um uns Vertrauen und Hoffnung einzuflößen auf den endlichen Sieg des Judenthums über seinen modernen Feind, den strömenden Zeitgeist, da ein Kampf schon halb gewonnen, wenn man einem Feinde gegenüber steht, den man bereits einmal besiegt und auch die Waffen kennt, die zum einstigen Siege verholfen. Die Chanukka-Gedenktage fordern uns wohl auf zum begeisterten Kampfe gegen den hellenischen Geist, jedoch nicht um diesen zu ertödten, sondern, daß er sich, wie einst Alexander vor dem jüdischen Hohepriester, vor dem jüdischen Geiste beuge und sich ihm unterordne. Der Kamps gilt nur jener Zeitströmung, die im Abftreifen der jüdischen Eigenthümlichkeit allen Fortschritt und alle Bildung sieht, jener Geistesverirrung, die im Nachahmen nichtjüdischer Bräuche und Sitten das wahre Seelenheil erblickt, die mit pietätsloser Hand die mit dem Oel der Jahrtausende geweihten jüdischen Minhagim abschafft und die Brücke zwischen der Vergangenheit und Gegenwart abbricht. Dem wahren und wirklichen Fortschritte jedoch, dem von allen irreligiösen Begriffen gereinigten griechischen Geist ist das Judenthum durchaus nicht abhold. Das Judenthum sieht nicht mit feindlichem Auge auf die natürliche Entwickelung aller Geistesanlagen des Menschen. Die Anhänger deS JudenthumS brauchen auf keinen Vorzug echt humaner Bildung zu verzichten, um treue Jünger der Thora bleiben, T"m ‘2 ''pL> y""in '»d rm (• auf keine Wissenschaft geringachtend herab zu sehen, um Kenntniß des Judenthums sich aneignen zu können. Das Judenthum bekämpft den Hellenismus nur solange, als dieser ihm feindlich entgegentritt, reicht ihm aber freudig die Freundeshand, sobald dieser die Suprematie des jüdischen Geistes anerkennt. Das Ideal des Judenthums ist die treue Pflege der religiösen und sozialen Bildung. Beide Elemente in harmonischer Verbindung ermöglichen die volle Entwickelung aller Geistesanlagen des Menschen und die Erfüllung seiner Bestimmung all seine Kräfte und Fähigkeiten dem Gottesgeiste unterzuordnen und zur Verherrlichung des Judenthums zu verwerthen. Möchten sich doch die Anhänger deS Judenthums in unserer Zeit, da das Licht der Religion nur in mattem Glanze und gedämpftem Scheine strahlt, zurückversetzen in die Zeit der Makkabäer, um ihre Seele mit dem alten Glanze zu erfüllen und ihren Geist zu erleuchten. Möchte ihnen doch der immer wachsende und fortschreitende Lichtstrahl des Chanukka-Lichtes ein Sinnbild des wahren Fortschrittes im Glauben sein, und sie, den Makkabäern gleich, mit glühender Begeisterung und feueriger Liebe dem Judenthum huldigen, damit an ihrer Gottesbegeisterung und Glaubenstreue die Flamme der reinen GotteSerkenntniß im Herzen der ganzen Menschheit sich entzünde l Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 16. Dez. Durch die gestrigen Stichwahlen zur Stadtverordnetenversammlung, bei welcher die Freisinnigen fünf, die Sozialdemokraten ein Mandat erhielten, die antisemitische Bürgerpartei aber ganz geschlagen wurde, ist diese jetzt im Rathhause auf vier Mann reduzirt und zu voller Bedeutungslosigkeit gelangt. Sie hat bei den Ersatzwahlen im Ganzen 4 Mandate verloren, die sie zu vertheidigen hatte, und ihr einziger begabter Führer, Dr. Jrmer ist durchgefallen. Berlin, 20. Dezember. Aus die Frage, in welchen Gesellschaftsschichten der Antisemitismus Boden gefunden hat, giebt die Abstimmungsliste der Stichwahl im 8. Berliner Communalbezirk deutliche Ausschlüsse. Es standen sich dort der bisherige freisinnige Stadtverordnete Vortmann und der antisemitische Kandidat Dr. Jrmer gegenüber. Jrmer erhielt 1193, Vortmann 1495 Stimmen. ES wählten in diesem Bezirk nicht weniger als 136 Polizeibeamte, darunter 135 antisemitisch, 158 Eisenbahnbeamte, darunter 133 antisemitisch, 165