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Der Israelit · 1891-12-21 · Heft 99 (21.12.1891) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 99 (21.12.1891)
Date
1891-12-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1860 wenn eS nur möglich ist, fahre nicht, wozu brauchst du, noch so jung, dich zu Plagen? Wer weiß, ob deine Arbeit und Mühe sich lohnen werdend Wieviel gebildete Leute unter uns Juden gehen leider ohne Stiefel! Wieviel gelehrte Leute sind herabgekommen und zu Grunde gegangen d Srulchen, ich bitte dich inständig, bleibe zu Hause. Man trägt dir jetzt eine vorzügliche Parthie an. Erfreue das Herz deiner Mutter und — verheirathe dich!" Unterdessen war der Fuhrmann hereingekommen, er nahm meine Sachen und machte der Unterredung mit meiner Mutter ein Ende. Weinend küßten wir uns und nahmen von einander Abschied, ich nahm im Wagen Platz und fuhr davon. Lacht ihr Herren Freidenker, was ihr wollt, aber das bitte ich Euch, darüber lacht nicht, daß das Mutterherz nie umsonst weint: So lange Ihr auf die Frage, was ist eigentlich das Leben, keine Antwort habt, und auf welche Weise in unserem Hirne Gedanken, Reflexionen und Gefühle entstehen, auf welche Weise diese Fäden sich zu wunderbaren Träumen verweben und festspinnen, nicht zu erklären vermöget, insolange gestatte ich es nicht, daß Ihr darüber lacht, wenn ich behaupte, daß das menschliche Herz Vorahnungen und Vorgefühle hat. Ihr dürft euch darüber nicht lustig machen, daß das Mutterherz nicht umsonst geweint hatte. Meine Prüfung mißlang mir vollständig. Es schadet aber nicht zu erfahren, wie sich das zugetragen hat. Am Tage, an welchem ich mich zum Examen anschickte, war ich frohen Muthes und trank zur Courage sogar ein Gläschen Schnaps, obzwar ich sonst nie Getränke zu mir nehme. Es schadet nicht, dachte ich mir, Gott wird schon helfen. Was habe ich mich schließlich zu ängstigen und zu fürchten? Ich werde es doch mit gelehrten, edlen Menschen zu thun haben, welche mich, wie es gelehrten Herren anfteht, sanft nnd mild behandeln und mir Muth zusprechen werden. Kaum aber, daß ich den Saal betrat, war ich enttäuscht. Die Herren, welche in Uniformröcken mit Messingknöpfen um den Tisch saßen, schauten mich so strenge, so zornig an, als hätte ich Jemanden bestohlen, beraubt oder ermordet. Und jetzt frage ich, wozu diese Männer, deren Aufgabe es ist, uns und unsere Kinder zu Menschen, mit Verstand und Gefühl heranzubilden, — Männer, von welchen man füglich erwarten könnte, daß sie gut, schlicht und für Jeden zugänglich sein sollten, Männer, die dem Herzen gute und edle Eigenschaften einzuimpfen haben, warum, frage ich, tragen diese Männer Uniformröcke mit Messingknöpfen und schauen so dräuend d'rein! Sagt was Ihr wollt, man kann sich aber nur schwer einen Sokrates, Platon, Aristoteles und andere derartige Weisen, mit gelben Knöpfen, saurer Miene und düsterer Physiognomie vorstellen. Es ist leicht begreiflich, daß ich gleich nach der ersten Begrüßung ganz den Muth verlor und nicht wußte, was mit mir geschah. Mein Kopf war wie zerschlagen. Einer der Herren näherte sich mir mit einer Miene, als wollte er sagen: Schau! ich habe einen großen Kopf, ein offenes Hirn! Ich frage dich! Ich! verstehst du, was das bedeutet? Ich, dn elender Wurm! Mit solch einer Miene kam er auf mich zu und überhäufte mich mit Fragen, daß ich mich gar nicht zurecht finden konnte. Es wurde mir im Kopfe wirr, ich verwickelte mich und antwortete ohne Zusammenhang, ich weiß selbst nicht was. Die Herren erwiesen mir die Ehre, mich anzuschauen, sie lächelten sich einander zu, damit war meine schwere Arbeit, mein Examen zu Ende und all meinen Hoffnungen war für immer ein Riegel vorgeschoben! ... Ich konnte es vor Kränkung und Gram nicht im Zimmer aushalten, ich trieb mich in der Stadt umher, durchstreifte alle Gassen und das umliegende Gebirge. Man sah mich nur dann in meinem Absteigquartier, wenn ich hinkam um zu essen oder zu schlafen. (Fortsetzung folgt.) t3teKflt* uni „Jrschurun* erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens s Bozen. Breides Jahrgang? für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 18 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel p» brstetzru bei C. /. Ktetnacker, Letpstg, Doßplah 18. — Inserate 2S Pfennige die dreigefpaltene Petitzeile oder der« — Oesterreichisch« Banknote« laut CourS. — Direkte Arancozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland tmk Veßirvotch 14 Lotchr-Mark ofcic 8 fi. öftere^ fürl Ausland 18 Reichs-Mark, a» die «speditiaa stanoo nnWjnid« Inhalt (Hanptblatt): Leitender Artikel: Das deutsche Central-Comitß und die Delegirten-Bersammlung. Von Isaak Hirsch. (Schluß.) — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. Altona. Anrich. Aus Mittelfranken. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Holland: Amsterdam. — Dänemark: Kopenhagen. — England: London. — Afrika: Marocco. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Schindmähre. Eine Allegorie. Bearbeitet und ins Deutsche übertragen von S. Horowitz. (Fortsetzung.) Inhalt der Beilager Literarische Notiz. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Deutschland: Worms. Frankfurt a. M. Posen. Aus Baden. — Rußland. — Schweiz: Zürich. — Vermischtes. — Feuilleton: Ein Gelübde. Nach einer Fa: milien-Tradition von Mathias Kisch. (Schluß.) Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. —Expedition des „Israelit" u. „Jeschurnn", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'scheu Hosbuchdruckerei-Actien-Äesellschast in Mainz. €>tergn eine Beilage.

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