Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 98 (17.12.1891)
- Date
- 1891-12-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1866 Oester r.-Ungar. Monarchie. Wie«. Vor zwei Jahren hat ein Legatar die Summe von 25,000 fl. ö. W. zum Zwecke der Erbauung einer polnisch-jüdischen Synagoge in Wien gewidmet. Es bildete sich ein Comits, das die weiter notwendigen Beträge für den Tempelbau aufzubringen bemüht war. Diesem Comitv wurde nun die Veranstaltung einer Effecten-Lotterie bewilligt und Kaiser Franz Joseph hat für diese Verloosung den Haupttreffer gespendet. Der Gewinngegenstand ist ein sehr werthvolles, reich verziertes, silbernes Kaffeservice im Style Louis XIV. Wien, 14. Dez. Das Abgeordnetenhaus erledigte heute den Staatsvorschlag bis auf das Finanzgesetz. Bei dem Capitel „Beitragsleistung zu den gemeinsamen Angelegenheiten" besprach der Antisemit Lueger die Handelsverträge, von denen nur ungarische Kornwucherer Vortheil hätten. Die Antisemiten seien gegen die Handelsverträge vom Standpunkte der politischen und wirthschastltchen Unabhängigkeit, er müsse dagegen protestiren, daß Caprivi die Deutsch-Oesterreicher und die Judenliberalen als gleichbedeutend bezeichnet. Als Oesterreicher müsse er sich entschieden dagegen verwahren, daß der deutsche Reichskanzler Czechen, Slovaken, Rumänen, Slovenen und Kroaten so nebensächlich behandelt als genier minores, über deren Interessen ruhig zur Tagesordnung übergegangen werden kann, daß ferner der deutsche Reichskanzler meint, wenn von Oesterreichern gesprochen wird, nur von Deutschen und Magyaren die Rede sei, alles andere sei Zuwage. Ich kenne in Oesterreich nur gleichberechtigte Nationen und würde wünschen, daß es auch in Ungarn nicht unterdrückte Nationen gebe. Caprivi möge die Geschichte Oesterreichs studtren, dann wird er finden, daß die von ihm nebensächlich behandelten Nationen ihr Blut hergegeben haben, um die ungarische Krone für den Thron Habsburg zu erringen. Vizepräsident Kathrein: Der Redner hat gegen den deutschen Reichskanzler einen beleidigenden Ausdruck gebraucht, deßhalb rufe ich ihn zur Ordnung. Lueger führt weiter aus, daß die Verträge das arbeitende Volk zu Gunsten der Juden schädigen. Verdächtig sei auch das Jubelgeheul der Judenliberalen Presse in Oesterreich-Ungarn, Preußen und der Schweiz. Ministerpräsident Graf Taaffej: Ich bin in der sehr unangenehmen traurigen Lage, nicht nur Namens der Regierung, sondern Namens Oesterreichs mein tiefstes Bedauern darüber auszusprechen daß, in solcher Weise in einem Momente gesprochen wurde, wo die Möglichkeit geschaffen worden ist, das politische Bündniß, welches zwischen den drei Großmächten besteht, nicht nur in politischer, sondern auch in wirthschaftlicher Beziehung zu festigen. In einem solchen Momente nicht nur die einzelnen Großmächte anzugreifen, sondern auch ihre hervorragendsten offiziellen Persönlichkeiten, wie den deutschen Reichskanzler in einer solchen Weise zu schildern, in eincm Momente, wo jeder gute Oesterreicher fühlen muß, wie sehr er seinem Lande und Reiche dient, wenn er dasjenige,' was politisch abgemacht ist und was den Frieden Eurapas sichern dürfte, auch in wirthschaftlicher Beziehung festigt, in einem solchen Momente so vorzugehen und so hohe Persönlichkeiten in solcher Weise zu schildern, ist — ich möchte nicht das ärgste Wort gebrauchen und sagen, es sei nicht patriotisch — gewiß nicht politisch, v. Plener dankt dem Ministerpräsidenten für seine scharfe Zurückweisung Luegers; es sei gut, daß endlich einmal seitens der Regierung Muth gezeigt wird, den antisemitischen Angriffen entgegenzutreten; denn damit wird offiziell vor Oesterreich und der offiziellen Meinung konstatirt, daß sich diese Angriffe gegen die Existenzbedingungen des Staates kehren. Frankreich. Paris, im Dezember. Anfangs vorigen.Monats hatte die Abtheilung „Des Inscriptions Et Belles-Lettres“ der französischen Akademie ihre alljährliche Sitzung unter Leitung ihres Präsidenten Profeffor Jules Oppert. In der Eröffnungsrede verkündete der berühmte Keilschriftforscher, der noch in vieler, wenn auch leider nicht mehr in jeder Hinsicht auf dem Boden des gesetzestreuen Judenthums steht, die von der Akademie mit Preisen bedachten Arbeiten, deren einige von Angehörigen unseres Glaubens herrühren. Für. das Jahr 1894 ist unter anderem als Preisaufgäbe gestellt eine auf Grund der neuesten Entdeckungen ausgeführte Darstellung der semitischen und ägyptischen Geographie und Paläographie der Sinathalbinsel. Vermischtes. Solingen, im Dezember. Einen schönen Beweis von Humanität, wie sie hier herrscht, kann ich Ihnen berichten. Unser bitw, Herr Joseph Rindskopf, ein in jeder Weise streng religiöser Mann, hat sich in den kaum fünf Jahren seines Hierseins die Achtung aller hiesigen Einwohner erworben, so daß ihm vor einigen Wochen die Ehre zu Theil wurde, von dem Verein „Wohlgemuth" zum Präsidenten gewählt zu werden. Zu bemerken ist noch, daß dieser Verein keine politische Tendenzen verfolgt und unter den 200 Mitgliedern nur zwei jüdische sind. K. Elberfeld. Unser Lehrer, Herr Engelbert, ist ins Privatleben zurückgetreten. Derselbe hatte sich nach jeder Richtung für seine Leistungen in der Schule die vollste Anerkennung aller Gemeindeglieder erworben und sah man ihn nur ungern aus unserer Mitte scheiden. Die Gemeinde überreichte ihm bei seinem Abschiede eine silberne n-iuo und eine silberne Gewürzbüchse in prachtvoller Ausführung.