Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 97 (14.12.1891)
- Date
- 1891-12-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXII. Jahrgang. Beilage,u M 97 des «Israelit«- Iesthurm- Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 3. Dezember. Gestern fand die in diesen Blättern bereits angekündigte öffentliche S i tz u n g des hiesigen „Vereins für die In t e re sf e n des Judenthums" statt. Auf der Tagesordnung stand zunächst ein Vortrag des Schriftstellers Karl Emil Franzos über „d i e r u s s i s ch e n In d e n". Der Redner sprach vor einer dichtgedrängten Schaar, die Kopf an Kopf gereiht, den großen Saal des „Vereins junger Kaufleute" füllte. Gründlich und klar wurde Leben und Leiden der russischen Brüder gezeichnet, Licht und Schatten in strenger Gerechtigkeit vertheilt, das Gute gelobt und die Mängel schonungslos heivorgehoben. Das Material, das eigenen Erlebnissen und russischen Blättern — denen Redner das Zeugniß des unverfälschten Antisemitismus ansstellte — entnommen, war emsig zusammengetragen und eine erschöpfende Darstellung der gegenwärtigen Verhältnisse der russischen Juden geboten. — Der Vortragende begann mit einem Rückblicke auf die Zeit des hochseligen Alexander n., unter dessen väterlicher Regierung den Juden ein menschenwürdiges Dasein gegönnt war. Der Zutritt zu den öffentlichen Schulen war ihnen nicht nur gestattet, vielmehr wurden Anstalten errichtet, um ihnen geistige Nahrung Zuströmen zu lassen. Wohl entsprachen die errichteten Lehrer- und Rabbinerseminare nicht ganz ihrem Zwecke. Viele aus den genannten Anstalten hervorgegangene Zöglinge verkannten ihre Mission; durch ihre Lossagung von den frommen Satzungen der Väter, wendeten sich ihnen die Gemeinden ab, begegneten den Neulingen mit Mißtrauen, wodurch diese jedes Einflusses auf ihre Heerde verlustig gingen; aber die hohe Regierung des verewigten Kaisers hatte den Intentionen des menschenfreundlichen Monarchen entsprechend, die edle Absicht das Wohl der jüdischen Ilnterthanen zu fördern. Freizügigkeit, — wenn auch von vielen Bedingungen abhängig — wurde ihnen gewährt und andere Erleichterungen eingeführt. Mit dem Beginne der Regierungszeit des gegenwärtigen Herrschet s erwachte die Reaction, die materielle Nothlage der Juden steigt mit jedem Jahre, dieselbe wird verschärft durch die principielle Rücksichlslosigkeit der Behörden, welche den Juden jeden gesetzlichen Schutz versagen. Das Maß der Leiden wird noch erhöht, denn die Unglücklichen gedenken in Tagen des Elends der b e ff e r en Tage, die sie und ihre Väter gesehen. - - ■ ■ — — — — Da nach den neuesten Gesetzen eine größer, Anzahl Menschen auf kleine Gebiete gedrängt wor* den, so werden leider Millionen Menschen in einen physischen und moralischen Morast herabgedrückt. — Redner forscht nunmehr dann nach den Ursachen der unglückseligen Reaction und erörtert die gegnerischen Anklagen. Zu der Fabel von den zahlreichen jüdischen Nihilisten bemerkt derselbe, daß die Judenheit allerdings ein Kontingent zu dieser an Ueberspanntheit laborirenden Vereinigung geliefert. Aber einmal könne man für freigelassene Sklaven, die, nachdem ihre Ketten gebrochen, ins Extreme übergehen, nicht verantwortlich gemacht werden, ferner erklärten sämmtliche Nihilisten, daß sie grundsätzlich und thatsächlich aus jeder Religionsgemeinschaft ausgeschieden. Ein zweiter Vorwurf, daß Juden der Emancipation unter Alexander n. Widerstand geleistet, wird durch den Nachweis entkräftet, daß man nur den Assimilirungsversuchen kräftig entgegentrat, daß man sich die religiöse Selbstständigkeit wahren wollte, jedoch alle politischen Pflichten gewissenhaft erfüllte. Eine interessante Beleuchtung erhielt der Vorwurf, daß noch immer nicht alle Juden die russische Tracht angelegt/ Unter Kasimir dem Bauernkönig hätten die Juden beschlossen, sich nach der Landessitte zu kleiden. Diese Neuerung erregte das Mißfallen eines hochedlen Bischofs, der sich nunmehr beschwerte, daß dieser Uebermuth der Inden nicht zu ertragen sei. Nicht besser ergehe es den Juden der Gegenwart. Wenn sie die Landesfitten annehmen, wird über ihre Zudringlichkeit geklagt, wenn sie bescheiden zurückstehen, so ist es der Mangel an Gemeinsinn. — Das Kapitel über die Ausbeutung der Bauern und der Nachweis, daß die trunksüchtige Bauernschaft das Zugrunderichten ganz allein besorge, ist in diesen Blättern schon behandelt worden. Redner belegt nun diese Behauptungen mit trefflichen Illustrationen und schildert die Bauernfreundlichkeit (?) der edlen Grundherren und der väterlichen Obrigkeit. Wo es Juden gäbe, die sich an Bauerngütern bereicherten, da hätten sie nur als Beauftragte der adeligen Patrone oder der höheren Beamten gehandelt, die es vorgezogen, im Trüben zu fischen. — Die Reaction, führt Redner aus, habe weder triftige Gründe, noch folge sie einer gebieterischen Nothwendigkeit, die Quelle ihrer unmenschlichen Handlungsweise sei einzig und allein der Haß. Die Reaction hasse aus national-ökonomischen Gründen, sie glaube dem Juden den Handel entreißen zu können; ihr Haß beruhe ferner auf nationalem Dünkel und religiöser