Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 97 (14.12.1891)
- Date
- 1891-12-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1824 „Sage mir", rief ich, „weil wir gerade davon sprechen, worum hast du ein fremdes Gehege betreten, um dort einen Feldschaden anzurichten? Ist doch der heutige Anfall nur deßhalb erfolgt; hat man doch laut geschrieen, daß du Andern Schaden zufügft." „Erwäge die Sache besser," erwiederte sie, „und du wirst mich nicht mehr beschuldigen. Wenn von den Schäden, welche ich anrichte, die Rede ist, muß auch des Nutzens, welchen ich bringe, Erwähnung geschehen, denn vom wiinhschaftlichen Gesichtspunkte muß man dies gegen einander abwiegen. Wenn wir nicht so Vorgehen werden, dann werden wir zur Schlußfolgerung gelangen, daß nur Jeder Schaden anrichtet und daß Niemand fehlerfrei, selbst der, welcher gegen Andere Hilfe anruft. Es geht aus der Natur der Sache hervor, daß überall, hüben wie drüben, ein Schaden ein solcher Fehler, eine solche Sünde ist, der sich durch eine gleichartige Sünde rechtsertigen läßt. Man fragt, warum hat er einen Schaden angertchtet? Ist doch das solch eine Sünde, daß, selbst wenn du noch so schreiest, es immer eine Sündebleibtund läßtsichnicht mehr ungeschehen machen. Das Schreien wird nicht helfen, denn man wird dieselbe Sünde unter einem Deckmantel, unter dem Scheine der Philantropie und des Nutzens verüben. Der beraubte Simon schreit: Rüben fügt mir Schaden zu. So ist es — antwortet man. Rubin macht wirklich etwas Schaden, er hat aber keine Wahl, was soll er thun? Schau nur hin und du wirst sehen, daß er in anderer Beziehung nützlich ist. Und ich, bin ich nützlich? Brachte ich der Welt welchen Vortheil? Ich glaube, das wird mir Niemand in Abrede stellen. Seit undenklichen Zeiten reitet man aus mir, Jeder hat von mir Vortheil gezogen, und für wessen Sünden habe ich nicht schon büßen müssen? Ich glaube, daß meine Arbeit mehr Werth ist, als ein Bündel Heu. Das ist eins. Zweitens vergiß nicht, daß mich verschiedene Umstände Niederdrücken und daß mich die Noth zwingt. Möchte ich mir nicht allein Nahrung suchen, dann hätte sie mir auch Niemand verabreicht. Ich könnte mir einen Maulkorb anlegen und Hungers sterben. Ich habe von den Menschen weder Ehren noch Würden zu erwarten, aber wenn man lebt, muß man essen. Verlange ich denn mehr? Und welchen Schaden kann man mir schließlich zum Vorwurf machen? Ein Bündel Heu und ein bischen Gras. Jene schönen Rosse haben Alles in Ucberstuß, sie können überall im Grase weiden, warum richten sie noch Schaden an? Und was für Schaden! sie zerstampfen das Getreide, verheeren und ruiniren die Felder . . „Aber ich wiederhole es nochmals, was für Beziehung ist zwischen dir und jenen Pferden, oder wie du sie nennst, jenen Hallunken?" „Jene Hallunken, oder Pferde, pflegten mich in jenen schrecklichen Zeiten zu martern und aufs Blut zu verfolgen. Während ihre Sippschaft die Türken mit Krieg überzogen, kühlten sie an mir ihr Müthchen und erpreßten mir den letzten Lebenssaft. Schindele« von mir die Haut, zerfleischten meine Gliedmaßen, brandmarkten und brieten mich auf glühenden Kohlen. Auf meiner Haut ist die ganze Geschichte der Verfolgungen der Barbarei und der in jenen gräßlichen bitteren Zeitläuften herrschenden Vorurtheile tätowirt. „Meine zerschundenen Flanken voller Beulen, mein arg zugerichteter Rücken sind eine lebendige Illustration jener Geschlechter! Schau und lies." Kaum war die Schindmähre mit ihrer Rede zu Ende, überfiel sie plötzlich ein Schauer, sie spitzte die Ohren und begann zu lauschen, als ahne sie instinktiv Jemandes Herannahen. Wie von einer Viper gestochen, sprang sie blitzesschnell empor, schüttelte mit der Mähne und schaute vor sich hin wie eine wirkliche Mähre. In diesem Momente kam Jemand heran, schwang sich auf ihren Rücken, ritt davon und ich verlor sie aus den Augen. (Fortsetzung folgt.) und „Jeschurun* erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens S Bogen. Preis deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 18 Reichs-Mark. Man nbonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel M beziehen bei E. $. Kteinacker, Leipzig, Kioßplah 16. — Inserate 25 Pfennige die dreigespaltene Petitzeile oder der« Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland mch Oesterreich 14 Reichs-Mark oder > J. österr., fär*i Ausland l« Reichs-Mark, «k die Expedition stanco imyafaakm. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Die Schächttrage vor dem Schweizerischen Nationalrath. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Ratibor. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Graz. — Dänemark: Kopenhagen. England: London. — Amerika: Washington. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Schindmähre. Eine Allegorie. Bearbeitet und ins Deutsche übertragen von S. Horo wlst. (Fortsellung.) Inhalt der Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Marburg. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Aus Ungarn. — Rumänien: Bukarest. — Großbritanien: Dundee. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz.— Expedition des „Israelit" n. „Jeschurun", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei Act-c n Gesellschaft in Mainz. Hterz» eine Beilage.