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Der Israelit · 1891-12-14 · Heft 97 (14.12.1891) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 97 (14.12.1891)
Date
1891-12-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1822 $ * t*«i f t .??». Die Schindmähre. Ein Allegorie. Bearbeitet und ins Deutsche übertragen von S. Horo Witz. (Fortsetzung.) Oben am Firmament glänzte der Mond und beschien mit seinen Stlberstrahlen die in der tiefen, kothigen Höhle sich abspielende traurige Scene. Als ich mich einigermaßen gefaßt hatte und mein Haupt emporrichtete, schaute ich auf die Mähre und sah wie sie am Heu ruhig, gleichgültig und kühl nagte, ganz so, als wäre sie eine geborene ächte Mähre. Darob entbrannten in mir die widersprechendsten Gefühle. Bald glaubte ich aus Mitleid für sie das Leben lassen zu müssen, bald wurde ich von Zorn erfaßt. „Wie das?" sagte ich mir, „sie liegt so friedlich, gleichgültig im Kothe, als fühle sie nichts, als hätte sie für das Bittere ihrer'Lage kein Verständniß! Sie arbeitet mit ihrer Kinnlade und beißt am Heu, als denke sie nicht mehr an die furchtbare Scene, an die Schläge, welche sie unlängst erhalten? Ich wurde stutzig, begann zu zweifeln und vermutbete, daß die rührende Erzählung vom unglücklichen Fürsten nur ein Traum sei und daß ich wirklich eine gewöhnliche, ordinäre Schindmähre vor mir habe, die keine einzige fürstliche Ader, keinen Funken Selbstachtung, keine Ehre besitzt und gar nicht im Stande, die ihr zugefügten Schmerzen, Leiden, Beleidigungen und Schande zu empfinden. Besäße sie nur das mindeste Selbstgefühl, den kleinsten Verstand, könnte sie da so ruhig liegen? O, ihr Blut müßte aufwallen, wie in einem Kessel siedendheiß werden und jeder Nerv, jede Fiber müßte erbeben! Sie muß sich doch das überlegen, daß es nicht gut sein kann auf der Welt, wie eine ewige Schindmähre zu vegetiren, um von jedem Taugenichtse, jedem Hunde leiden zu müssen. Es ist ihre Pflicht, alle Hebel in Bewegung zu setzen und alle Mittel anzuwenden, wiederum ihre Menschenwürde zu erlangen! . . O ja, ich selbst schämte mich. Bin ich nicht verrückt? Was habe ich gethan? Für wen habe ich geseufzt, geweint, für wen so viele blutige Thränen vergossen? Für wen sollte ich meine Tage, meine Jahre, mein ganzes Leben opfern? Für wen? Für eine Mähre! Für eine heruntergekommene Schindmähre. Ich schaute rings um mich und zog mich gebrochenen Herzens etwas zurück. Die Mähre seufzte wieder schwer auf und dies ihr Stöhnen traf mein Herz wie ein Donner. Ich erbebte und ein warmes Gefühl des Mitleids erfüllte mein Herz. Ihr Seufzer zog mich wie ein Magnet an. O, so, so, dachte ich mir, so ist's gut. Stöhne und ächze arme Mähre, das ist ein gutes Zeichen. Aus diesen Seufzern schaut der Unglückliche hervor, wie er all' seine Kräfte anstrengt, um seine menschliche Gestalt wieder zu gewinnen. Aus diesem Seufzer spricht die rufende Stimme: ich lebe und fühle wie alle übrigen Menschen. Aus diesem Stöhnen dringt der um Erbarmen flehende Ruf: zu Hilfe, ihr Leute, erlöset mich und gebet mir meine frühere Gestalt wieder! Seufze und stöhne, meine arme Mähre, deine Seufzer werden was erwirken, vielleicht werden sie Jemanden rühren, und die Herzen erwecken — vielleicht wirst du doch von den Menschen erhört werden, daß sie erbeben, Mitgefühl haben und deiner sich annehmen werden. Wenn Du wenigstens seufzest, so ist dies auch schon gut. Als ich so nachdachte und einen Blick ringsum warf, erblickte ich neben meiner Mähre kein Heustengelchen mehr. Sie hatte Alles aufgefressen, kein einziges Gräschen, keinen Halm zurücklaffend. „Aha", sagte ich mir, „da sieht man, was ihr Seufzen eigentlich bedeutet. Sie stöhnt deshalb, weil sie sich nicht sattgefressen, weil sie ihren Darm nicht vollgestopft hat! Daß sie kein einziges Bündel Heu, keine Handvoll Gras mehr hat! Gäbe man ihr viel Heu, viel Gras und dazu noch einige Maaß Hafer, dann wäre sie glücklich, die Glücklichste! Hauptsache ist Hafer, Hauptsache ein voller Magen! Fürwahr eine ächte Schindmähre! Dieser Gedanke durchbohrte mir den Kopf, ich erbebte und ward traurig. „Du schüttelst dich", sprach die Mähre, mir in die Augen schauend, „cs muß dir an meiner Seite nicht wohl zu Muthe sein". „Ich bin ein Mensch", antwortete ich boshaft, „ich besitze menschliche Empfindungen, menschlichen Verstand. Solch ein garstiger Ort, solch ein Koth gefällt mir nicht! Möglich, daß dies nach deinem Geschmacke ist". „Natürlich, du hast gut reden", erwiderte sie mit dem Kopfe schüttelnd, „wenn aber ein Anderer auf meiner Stelle so lange eine Mähre wäre, so viel gelitten, so viel durchgemacht, so viel Verfolgungen ausgestanden hätte, dann hätte er schon längst jegliches Gefühl, den Verstand, selbst seine Sprache eingebüßt und wäre ein wirkliches Vieh geworden". „Na, ua", sagte ich, sie unterbrechend, „du liebst den Koth, dir ist im Kothe wohl?" „Es geht an", meinte sie, „jedenfalls ist es da besser, als früher, als wo anders. Es waren Zeiten, wo ich fortwährend gehetzt wurde und mich keine Minute erholen konnte. Meine Feinde jagten und verfolgten mich und erpreßten mir meine letzten Lebenssäfte. Jetzt kann ich wenigstens etwas ausruhen. Im Kothe ruht es sich weich und ich kann meine kranken, alten Knochen, wenigstens gerade richten". „Und die Schläge, welche du erst von den Händen dieser Hallunken erhallen hast" fragte ich,

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