Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 97 (14.12.1891)
- Date
- 1891-12-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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energisch in Abrede stellen, das helfe nicht viel. Derselbe existire und könne nicht geleugnet werden. Bedauerlich sei, daß er sich mit religiösen Floskeln verbräme und daß er sich in socialer Hinsicht nur gegen das jüdische Kapital und nicht gegen das Kapital im Allgemeinen wende. Derselbe dürfe aber keinen Einfluß auf unsere Verhandlungen gewinnen, Redner empfehle daher den Antrag der Commission. Hierauf ergriff Herr Dr. Ming das Wort und wandte sich besonders gegen die Ausführungen der Herren Schindler und Steiger. Er wies die Bemänglung der Gutachten zu Gunsten des Schächtens mit vieler Sachkenntniß und Gründlichkeit zurück. Wenn selbst Herr Schindler zugesteht, daß das Schächten in Bern selbst ihn befriedigt und er dabei keine Thicrquälerei coustatirt habe, so sei das ja ein Beweis, daß man schächten könne, ohne die Thiere zu quälen. Es brauche nur so vollzogen zu werden, wie es in Bern geschähe. Herrn Steiger gegenüber erinnerte Herr Ming daran, daß in dem von den Bischöfen unterschriebenen Schriftstück von dem Schächten mit keinem Worte die Rede sei, sonst hätten sich dieselben nicht dazu hergegeben. Den Glanzpunkt sämmtlicher Reden bildeten die Ausführungen des Bundesraths Ruchonnet. Derselbe wies klipp und klar nach, daß der Bundesrath nicht anders hätte entscheiden können, als wie er entschieden habe. Wo so übereinstimmende Gutachten der berühmtesten Fachgelehrten Europas vorlägen, wo nach den sorgfältigsten Informationen bei allen Gesandten und Consuln kein Staat der Erde existire, der das Schächten verbiete, wo die Juden einmüthig behaupten, daß hier eine religiöse Satzung ihres Glaubens vorliege, wäre es nicht möglich anders zu entscheiden. Die ganze Agitation sei lediglich Antisemitismus, wie durch Vorlesen einiger markanter Stellen, der ihm vorliegenden Schriften über allem Zweifel constatirt wurde. — Die Rede hatte einen nachhaltigen Eindruck auf alle Hörer ausgcübt, die Zeit war aber schon zu weit vorgerückt, um die Abstimmungen sofort vorzunehmen, zumal sich noch eine Anzahl Redner zum Worte gemeldet hatten. Für Freitag den 11. Dezember war daher Fortsetzung der Debatte anberaumt. Inzwischen war Herr Grand-Rabbin Wertheim er von Genf, der von den wahrheitswidrigen Angaben des Herrn Steiger telegraphisch Kcnntniß erhalten hatte, hierhergereist, um dieselben zu dementiren. Es geschah dies im Laufe der heutigen Debatte sowohl durch Herrn Steiger selbst, als durch Herrn Thöro nlaz, welch letzterer ebenfalls sehr entschieden für Gestattung des Schächtens eintrat. Außerdem brachten noch die Herren Menkla und Suter Vermittlungsanträge ein, die aber abgelehnt wurden. Die Mitglieder waren in Folge der dreitägigen Debatte sichtlich ermüdet, und es erfolgte dann die Schlußabstimmung mit dem Eingangs erwähnten erfreulichen Resultat. Unsere Gegner haben die Absicht ausgesprochen durch Sammlung von 50 000 Stimmen einen Volksentscheid zu Ungunsten des Schächtens zu veranlassen. Das soeben erschienene „Politische Jahrbuch der Schweizerischen Eidgenossenschaft" von Professor Hilty sagt darüber: „Die Schächtgegner haben für den Fall eines gleichen Entscheids des Nationalraths (wie er nunmehr erfolgt ist) bereits ein Jnitiativbegehren an das Schweizervolk in Aussicht gestellt, das natürlich nicht des Schächtens, sondern allein eines allfällig vorhandenen Antis mitismus wegen Aussichten haben könnte. Eine bezügliche Aeutzerung schließt mit den bezeichnten Worten, die s. Z. auch Lasalle für seine soziale Agitation als Motto brauchte: Flectere si nequeo superos, Aeheronta movebo. (Wenn ich die Götter nicht beugen kann, so will ich die Hölle in Bewegung setzen.) Man muß in der That die Hölle in Bewegung setzen, wenn man die Rechtsgleichheit u. die Glaubensfreiheit seiner Mitbürger beschädigen will, wenn auch dieser Ausdruck für die neue Institution der Initiative nicht eben schmeichelhaft ist. Es würde dann der eigentliche Untergrund der Frage zu Tage treten, denn mit der an und für sich berechtigten, wiewohl in diesem Falle übertriebenen, Thierfreundlichkeit, kann man Massen nicht in Fluß bringen, wohl aber mit dem Judenhaß, der auch in dem aufgeklärten 19.Jahrhundert noch nicht ganz erloschen ist. Die Bewegung wird also jedenfalls über die ursprüngliche Intention ihrer Anreger hinausführen und dann kein schönes Blatt in der Schweizergeschichte bilden. Dcr erste Anfang dazu ist bereits in einer anonymen, ganz ordinär antisemitischen Broschüre gemacht, die den Mitgliedern der Bundesversammlung zugestellt wurde, in welcher nur behauptet wird, die israelitische Religion verbiete jede Gemeinschaft mit Christen, denn die Christen würden von dem Schulchan Aruch, einem jüdischen Religionscommentar, den Heiden gleichgestellt u. dgl. m. Es fehlt nur noch die Behauptung des Kinderschlachtens zu Ostern, die wohl noch im Verlaufe der Sache kommen wird. Die sämmtlichen Rabbiner der Schweiz werden dem Vernehmen nach gegen solche Kampfmittel einen gemeinsamen Protest an die Behörden erlassen. Dieser Protest ist inzwischen erfolgt. Er richtet sich jedoch nicht gegen die hier erwähnte anonyme,