Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 96 (10.12.1891)
- Date
- 1891-12-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1802 Kin Hetüöde. Nach einer Familien-Tradition von Niathia s .tti sch. Unter den vielen Tausenden von Steinen des alten jüdischen Friedhofes in Prag, die nur noch als Relief des Martyrerthums dastehen, als wehmüthiger Ausdruck eines Lebens voll Leiden und Mühsalen, als treue Zeugen verschollener Ereignisse, entschwundener Aeonen und längst vergessener Genossen jener Vorzeit, in welcher sich die Geschichte unseres Vaterlandes verliert, fand man vor Kurzem einen halbverschütteten, mit Moos überwucherten Grabstein, dessen hebräische Aufschrift nur theilweise leserlich ist. Dieses Ueberbleibsel lautet in wörtlicher Uebersetzung: Dieser Grabstein ist zu Häupten des ehrwürdigen, gelehrten Rabbi, des A r z t e s Salomon Kisch Apotheker, der ins Grab gekommen ist am 16. Tage.da man zählte.im sechsten Jahrtausend. Seine Seele sei eingebunden in das Bündlein der Lebendigen im Paradiese mit den übrigen Frommen der Welt! Amen, Amen! Selah! —" Die Jahreszahl, um 'welche der Doktor und Apotheker Salomon Kisch gestorben, sowie der größte Theil des Epitaphs, ist nicht zu entziffern. Wer die jüdische Geschichte kennt, der weiß auch, daß der Jude stets vom Apothekergewerbe ausgeschlossen war. Ausnahmen bilden der Jude Jeiteles in Prag und Perl in Krakau, denen zu Ende des vorigen Jahrhunderts, nach langjährigem Bemühen und bedeutender Protection bei Hofe, das Apothekerrecht unter sehr drückenden Bedingnissen verliehen wurde. Um so sonderbarer ist es, daß bis jetzt noch kein Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte des vorigen Jahrhunderts die Inschrift dieses Grabsteines beachtet hat, um nach der Geschichte des Apothekers Salomon^Kisch zu forschen. Einer Familien-Tradition nach, besaß mein Urahne Dr. Salomon Kisch, Vater oder Großvater des durch die Freundschaft mit Moses Mendelssohn berühmten Dr. Kisch, in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, in der Prager Judengasse eine Apotheke, welche nach dessen Tod in den Besitz der Familie Jeiteles überging. Es soll auch, nach Angabe meines seligen Großvaters, ein Manuscript existirt haben, in welches Dr. Salomon seine Erlebnisse niederschrieb; dieses, sowie alle schriftlichen Urkunden über ihn, sind bei dem großen Brande 1754, der fast die ganze Judengasse sammt dem alten jüdischen Rathhause eiuäscherte, mitverbrannt. Da den Juden jener Zeit der Universitätsbesuch in Oesterreich nicht gestaltet war, hat Salomon Kisch in Leipzig Medicin studirt. Nach erlangtem Doctorgrad wurde er Hofmeister oder Hauslehrer bei einem reichen, angesehenen Manne, Vorsteher einer Judengemeinde am Rhein. In Folge seiner ärztlichen Kenntnisse, fand er bald Zutritt in den besten, auch uichtjüdtschen Familien der Stadt. Er heirathete die schöne Esther, Tochter seines Brodherrn, und wurde von einem hohen Adeligen als Arzt auf dessen Besitzthum angestellt. Nach vierjähriger glücklicher Ehe schenkte ihm seine Esther einen Sohn, das Glück der Eltern war nun ein unermeßliches. Was hatte auch sonst dieser Landarzt. Immer ans der Straße, im Sturm, Regen und Sonnenschein, bald zu Fuß, bald zu Pferd eilte er aus einer Wohnung in die Andere und konnte nirgends schnell genug anlangen. Spät am Abend kam er dann nach Hause, gewöhnlich ermüdet und hungrig, starr von Kälte oder triefend vom Schweiß, den Geist mit der Frage über Leben und Tod irgend eines seiner Patienten beschäftigt. Seine Gattin hatte ihn den ganzen Tag über allein erwartet, auch die Nacht verbrachte sie öfter einsam, seiner Ankunft sorgenvoll entgegen harrend. Was vereinigt nun zwei so oft getrennte Wesen? Welches war der unsichtbare Faden, der den Mann auf der Straße, und das im Hause schaffende Weib an einander knüpfte? Ihr Kind, ihr geliebtes, einziges Kind I^Eslher war das Kleinod zweifach theuer, cs war nicht nur ihr Kind, sondern auch das Bild ihres meist entfernten Salomon. [j Ja dieser Knabe war ihr gemeinsamer iSchatz, ihr gemeinsames Vergnügen. Für sein Wohl^arbeitete unermüdlich der Vater, betete dich Mutter Tag für Tag. Doch hinieden soll kein Glück vollkommen sein; auch dem glücklichen,^häuslichen Stillleben des Doktors Salomon war von der Vorsehung ein jähes Ende bestimmt. Eines Abends kam Salomon ermüdet aus einem entfernten Dorfe zurück, wo er einem schwerkranken Kinde wieder das Leben zurückgab. Schon aus der Straße berichtete ihm ein Bote, den die Gattin entgegen sandte, daß sein Söhnchen erkrankt sei. Mit klopfendem Herzen eilte er zu seinem Kinde. Hochgeröthet von der Fieberhitze, lag der fünfjährige Joseph auf seinem Vettchen; die Mutter saß da-