Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 96 (10.12.1891)
- Date
- 1891-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448211--33256-2481140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1799 woch haben und es jetzt Nacht sei — die günstigste Zeit also für die Dämone. *) „Glaube das nicht" sprach die Mähre deutlich. „Dies ist eine ganz einfache Sache und die Schindmähre redet zu dir." „Was? wie?" die Mähre spricht?" „Dabei ist nichts Außerordentliches" erwiderte sic. „Derartige Fälle haben sich schon ereignet. In der Geschichte wird oft der Reden erwähnt, welche Pferde und Esel gehalten haben, seit der Zeit von Bileams Eselin bis auf unsere Tage." „Aj, aj" rief ich, indem mir zahlreiche Mährchen, welche ich zur Prüfung lernte, in Erinnerung kamen. „Ja, das ist wahr, aber eine Schindmähre! Was beweist das? Bileams Eselin war auch keine Schindmähre." „Aber du kannst immerhin ruhig sein. Der zu dir spricht, ist — keine Mähre." „Ist keine Mähre? wieso denn? Erst sagtest du, du sei'st eine Mähre, und jetzt wiederum nicht! Nicht anders, als du bist . . . ." „Ein Teufel" willst du sagen, „sprach sie, mich unterbrechend. „Nein, nein, mein Freund, du irrst; ich sage dir ich bin kein Teufel, aber auch keine Schindmähre. Mein Aeußeres ist das eines Pferdes, in Wirklichkeit aber bin ich ganz was anderes. Kenntest du meine Geschichte, wüßtest du was ich durchgemacht habe, — dann würdest du mich verstehen und dich gar nicht wundern." Ich bat sie, sie möge mir ihre Erlebnisse erzählen und daß ich ihr gerne zuhören werde. Sie wurde eine Weile nachdenkend, schwieg und begann dann mit trauriger Stimme wie folgt: „Wer nur einigermaßen in den Büchern bewandert ist oder wer von älteren Leuten erzählen gehört hat, weiß, daß sich die Menschen noch am Leben in verschiedenartige Thiere verwandeln können, und daß man nach dem Tode eine ganz andere Gestalt annimmt, ist eine ganz gewöhnliche Sache. Früher pflegten solche Fälle oft zu passiren. Wir linden in der Geschichte, daß die babylonische Königin^ Semiramis im Alter die Gestalt einer Taube annahm. Der Prophet Daniel sah mit seinem Seherauge vier Königinnen in Löwen, Leoparden und Bären verwandelt. Und Nebukadnezer, der König Babylons, wurde an seines Lebens Ende ein Bär. „Man erzählt, daß sich solche Sachen sehr oft bei den Griechen ereigneten. Ihr Gott Jupiter, 1) Inden russischen und volnischen Provinzen sind die nn gebildeten Massen der jüdischen Bevölkerung sehr abergläubig; tcusel, Geister und Heren svielen in der Bolkssage eine wichtige Polle, so daß mau gewisse Mittel anwendet, um den Cftu= 'lns; dieser unsichtbaren Mächte zu paralysiren. welcher, mit Verlaub, sehr abenteuerlustig war, entpuppte sich einst als Stier, und die Prinzessin Jo, die Tochter des Königs Jnachus, verwandelte sich in eine Kuh und in diesem Stande trieb er sich herum, ihr nachspürend. In ihrem Lande, das heißt bei den Griechen, existirte auch eine besondere Sorte von Geschöpfen, halb Thier, halb Mensch. Diese Geschöpfe wurden Eentauren genannt. Einer derselben, Chiron, halb Mensch, halb Pferd, der einen langen Bart und „Peoth" hatte und am Kopfe eine Pelzmütze trug, war ein Lehrer des Fürsten Thessius. Es versteht sich wie das Volk, so seine Lehrer; die Leute waren wild und so war es auch der Lehrer. „Für Gaukler, Adepte der schwarzen Magie und für solche, die da verstehen, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, war dies ein schönes Leben. Sie betrogen die Welt und vollsührten solche Sachen, daß es nur ein Grauen ist. Viele Leute, viele Fürsten und Fürstinnen wurden durch sie wildes Vieh l Wenn man in den Büchern die Schilderungen der Traditionen einer jeden Nation nachschlägt, kann man sehen, daß so mancher Fürst, so mancher König in einen Widder, Pferd, in einen Ochsen u. s. w. verwandelt worden ist; so manche Prinzessin mußte die Metamorphose in eine Kuh, in ein Kalb und sogar in eine Ziege mitmachen; so mancher Fürst oder Graf wurde durch sie zum Hunde, Wolf k., zerfleischte Menschen, sog ihnen das Blut aus und entriß ihnen das Mark aus den Knochen. Die Bevölkerung ganzer Städte und Dörfer wurde durch sie in Widderheerden metamorphosirt und mußte viel Leid, Verfolgungen und Qualen ertragen. So ging es auf der Welt zu, das bewerkstelligte die Macht der Verblendung, Zauberei und das Fraternisircn mit den Teufeln!" Arme, unglückliche Menschheit! „Zu jener Zeit", fuhr die Mähre fort, „existirte ein Fürst, ein schöner, kluger Königssohn, der alle guten Eigenschaften, die seltenen Vorzüge besaß, mit einem Worte ein „Antik." 2) Dieser Königssohn unternahm in seiner Jugend viele Reisen, um die Welt kennen zu lernen. Egyptens König, dieses Landes der Zigeuners und der Gaukler, wurde über den Fürsten, der zu ihnen als Gast kam, sehr erzürnt. „Bor Schreck, daß ihn der Fürst bann nicht zur Rechenschaft ziehe und ihn gar aus seinem eigenen Lande vertreibe, entbot er zu sich seine Magier und sprach zu ihnen: „Man muß trachten, 2) Mit dem Worte wird im Jargon die höchste Bottkonnnenheit ausgedrückt. Mit dem Worte ,,Zigeuner" werben im Jargon Leute von dunkler Hautfarbe überhauvt, benannt.