Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 95 (7.12.1891)
- Date
- 1891-12-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1786 Schilderung des Entstehens der '22^Colonie, wo die heiße Liebe und Sehnsucht nach einem Vaterlande Wunder wirkte. Dahin kamen nach den gräßlichen russischen Judenverfolgungen im Jahre 82 gebildete und wohlerzogene junge Männer und wurden Landarbeiter. Dieselben wohnten viele Jahre hindurch unter Zelten, mußten sich bei dürrer Kost noch viele andere Entbehrungen auferlegen, und ertrugen diese ungewohnten Mühseligkeiten nur um das eine Lebensziel zu erreichen — eine Heimath. Wie die Patriarchen mußten sie mit den Arabern ums Wasser kämpfen, um endlich kein idyllisches, aber ein freiesLeben zu gewinnen. — So gelangte denn der Redner zu dem Resumtz, daß die Niederlassungen im heiligen Lande wohl harte Arbeit und zähe Ausdauer erfordern, daß der Boden anfangs nicht ergiebig, daß die Anlage von Brunnen kostspielig sei, daß aber der kolonisirende Jude, der mit Intelligenz arbeite, einer gesicherten und ruhigen Zukunft entgegengehe. Wohl müsse man auf so manche abendländische Bequemlichkeiten verzichten, aber man erringe den unschätzbaren Genuß nach der Sitte der Väter unter Gleichgesinnten leben zu können, kein Neid trübe die Lebensstunden, kein Glaubenshaß verkümmere das Dasein, die heiligen Menschenrechte werden nicht von einer verrohten „Grandezza" mit Füßen getreten. So sei denn im letzten Jahrzehnt ein bedeutender Fortschritt erfolgt, der zu weitern Hoffnungen berechtige. Nach und nach könnten größere Landstrecken kultivirt und so der Beweis geliefert werden, daß der Jude die Sitten der Väter wieder aufnehme, dem Boden das Korn entwinden könne und sich am wohlsten fühle vuwn uw nnn unter schattiger Laube, in schlichter Hülle im prunklosen Zelt. Reicher und anhaltender Beifall loonte den wohlgelungenen Vortrag des Redners. A. Berlin, 2. Dez. Der Forderung eines neuen Programms für die konservative Partei hat sich jetzt der konservative Führer im Königreich Sachsen, Abg. Frhr. v. Friesen angeschlossen und in einer Versammlung in Meißen die Skizze eines neuen konservativen Programms entworfen, welche die „Kreuzzettung" veröffentlicht: Darin wird unter Anderem verlangt: Ausschluß aller Elemente vom Staatsdienst, der Schul- und Volksvertretung, welche nicht einem bestimmten christlichen Glaubensbekenniniß angehören, nur Deutsche, welche einer bestimmten christlichen Konfession angehören, dürfen als Richter und Rechtsanwalt zugelafsen werden; Verbot von Darlehen auf Grundbesitz in anderer Form als derjenigen amortisirbarer Renten; Umgestaltung des Erbrechts, um wirthschaftlich abgerundete Komplexe in einer Hand zu erhalten; Einschränkung der freien Verkäuflichkeit derselben. Berlin, 4. Dez. Zu einer Judenhctze hat die „Kreuzztg." die Mittheilung benutzt, daß der deutsche Gesandte in Athen sich den Schritten der dortigen Vertreter Oesterreich-Ungarns, Italiens, Frankreichs und der Türket angeschlossen habe, mn von der griechischen Regierung für Schadloshaltung und Rückbeförderung der bei dem Eisenbahnbau Myli-Calamata beschäftigt gewesenen und durch den Zusammenbruch dieses Unternehmens brotlos gewordenen Arbeiter eine Summe von nahezu zwei Millionen Franken zu beanspruchen. Unter dem Titel „Jüdische Machinationen und europäische Diplomatie" zog die „Kreuzzeitung" gegen die Regierung mit dem Bemerken zu Felde, daß der Erbauer der oben genannten Bahnlinie ein belgischer Jude sei u. s. w. Die „Nordd. Allg. Ztg." tritt jetzt dem Artikel der „Kceuzzeitung" in einer offiziösen Notiz entgegen, in welcher sie ausführt, daß der deutsche Vertreter sich nicht an einer Kollektivnote zu Gunsten ungarischer und italienischer Arbeiter betheiligt, sondern sich bei der griechischen Regierung für eine Anzahl von Reichsangehörigen verwandt hat, die durch die Vorenthaltung des ihnen seit mehreren Monaten geschuldeten Arbeitslohnes in die bitterste Noth gerathen waren. Diese Reichsangehörigen, sechs an der Zahl, hatten sich durch Vermittelung eines bet dem Anlässe gleichfalls brotlos gewordenen deutschen Bauführers mit der Bitte um Hilfe an den kaiserlichen Gesandten gewandt, der ihnen, nachdeni die griechische Regierung erklärt hatte, daß sie sich zu einer Hilfeleistung nicht für verpflichtet erachte, durch den kaiserlichen Konsul in Piräus eine entsprechende Unterstützung hat auszahlen lassen. Magdeburg. Der Colonisationsplan des Baron von Hirsch in Argeutinieu wird — wie die „Magdeb. Zeit." berichtet — von der dortigen Presse sehr lebhaft besprochen. Die Auswahl des Landes, welches im Norden unweit Nueve de Julio liegt, wird als nicht günstig bezeichnet. Das „Argentinische Wochenblatt" schreibt, es wäre besser gewesen, man hätte die russischen Israeliten in südlicheren Gegenden angesiedelt. Die Besiedelung sek im Norden selbst für Elemente, deren Colonisationstüchtigkeit keinem Zweifel unterliegt, schwierig. Daran sei aber weder die Beschaffenheit und Ertragsfäh tgkeit des Bodens noch das Klima schuld, wohl aber die ungeheure Schwierigkeit, frisch eingewanderte Europäer an die Lebens- und Arbeitsweise in diesen Gegenden zu gewöhnen, sowie die irrationclle Productionsweise, wie sie meist in den subtropischen und tropischen Ländern betrieben wird. Diese Uebelstände werden sich auch gegenüber den Israeliten fühlbar machen, und ein günstiges Ergebniß der Besiedelung könnte nur durch strenge Disciplin in der Lebensweise und durch praktische