Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 95 (7.12.1891)
- Date
- 1891-12-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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an der Aufgabe des Comitös geändert werden? Und ferner: dte Weisung, welcher das Central-Comil« folgen sollte, ging dahin, den zur Auswandernng gedrängten Juden Hilfe zu gewähren, ob dieselben zur Auswanderung geeignet wären oder nicht, kann die Bruderpflicht der Hilfe nicht beeinflussen. Wir haben schon hervorgehoben, daß durch die Maßregeln der russischen Regierung die Existenz aller Juden in Rußland, mit Ausnahme der geringen Anzahl wirklich Wohlhabenden, theils geradezu zerstört, theils erschüttert und in Frage gestellt ist. Wir fügen erläuternd hinzu, daß kein einziger russischer Jude regierungsseitig des Landes verwiesen wird. Im Gegentheil, ohne regulären Auslandspaß kann kein Jude dte russische Grenze passiren. Die Erlangung einer solchen Legitimation für die Reise ins Ausland ist mit Mühen und Kosten verknüpft. Was ist nun die Absicht der leitenden Machthaber in Betreff der Juden? Sie wissen sehr wohl, daß die in den ohnehin schon übervölkerten Raum Hineingetriebenen sammt den daselbst Wohnenden dem sicheren Elende verfallen sind. Dieses Elend, das mit dem gewissen Untergang endet, muß darum eben der beabsichtigte Zweck sein, dem als Correlat die Massentaufe sich zugesellt. Es ist der alte Ruf, fanatischer Horden des grausen Mittelalters, welcher aus Rücksicht für den humaneren Geist westeuropäischer Civilisation sich nicht so brutal hinauswagt, — Vernichtung oder Uebertritt zur herrschenden Staatsreltgion. Vor diese Alternative finden sich die unglücklichen Glaubensgenossen im russischen Reiche gestellt, denen Wohlhabenheit versagt ist. Es giebt für sie keine andere Rettung als die Auswanderung aus Rußland. Und darum sind sie alle, die hülfesuchend die Grenzpfähle Rußlands passiren, zur „Auswanderung gedrängt" und hülfsbedürftig. Wenn die fürchterliche Lage der russischen Juden nicht zur Auswanderung drängt, dann gibt es überhaupt keine Nöthigung zur Auswanderung. Diese Lage ist zwingender als die treibende Peitsche. Unter Knutenbteben verenden ist nicht so furchtbar, als zum allmählichen Dahinsiechen durch Hunger und Roth mit Weib und Kindern verurtheilt zu sein. Das Central-Comits, welches den Anspruch erhob, die Leitung des gesammten Hülfswerks ausschließlich zu besitzen und es den einzelnen Comites geradezu verbieten will, Hülfsbedürfttge, zur Auswanderung gedrängte russische Juden zu unterstützen, welche nach den von ihm willkürlich aufgestellten Prinzipien „nicht der Unterstützung unterliegen", wie sich sein Präses ausdrückte, — das der Delegirten-Versammlung die Competenz erfolgreich bestritt, über den Betrag von 25 000 Mk. einen Beschluß zu fassen und ihr nur das Recht gnädigst einräumte, dem geschäftsführenden Ausschuß des Central-Comitös einen Wunsch zur geneigten Erwägung submissest zu unterbreiten, — dieses eine solche Machtfülle beanspruchende Central-Comitö hat nun von vornherein gerade die Hülfsbedürftig st en der Elenden von seiner Hülfe ausgeschlossen und will sie damit auch von der Hülfe durch die anderen Comitös ausgeschlossen wissen. Es hat sich darauf beschränkt, „in der Regel nur kräftige, demHandwerkerundBauernftande angehörige Männer, Erd- und Handarbeiter" der Hülfe Werth zu erachten, wenn solche nicht mehr als 6 Kinder besitzen! Wenn Gott in seinem unersorschlichen Rathschlusse ein solches Unglück statt über unsere russischen Brüder über die westeuropäischen Juden zugelassen haben sollte, so würde wohl kein einziges Mitglied des Central- Comitss und der Delegirten-Versammlung den von dem Central-Comits beliebten Kriterien entsprochen haben. Gott bewahre uns vor einem solchen Unglücke! Wer aber zur Hülfeleistung berufen ist — und wir Alle sind dazu berufen, und die Herren von den Hülfscomites in erster Stelle — der sollte sich in die Lage der Hülfesuchenden, die „in hellen Haufen aus Polen zu uns kommen," wie sich der Berichterstatter des Central-Comitös drastisch auszudrücken für gut befand, zu versetzen suchen und sich fragen: wie würdest du dich behandelt zu sehen wünschen, wenn du in Elend und Roth aus der Heimath, die dir die Möglichkeit der Existenz versagt, deinen glücklicheren Brüdern entgegentritst mit der rührenden, eindringlichen Bitte deines Unglücks, deiner Sorgen, deiner Verzweiflung? Wie würdest du es aufnehmen, wenn man dich, weil du nicht ganz kräftig, kein Handwerker, kein Bauer, kein Hand- oder Erdarbeiter bist, unbarmherzig zurückweist und dich „repatriirt", nach dem du die „Sichtung" nicht bestehen konntest? Frage: welcher Bruchtheil der Millionen unglücklicher Brüder ist der Unterstützung nach den „Prinzipien" des Central-Comitös würdig! Wir können es nicht genau sagen, wir glauben aber kaum, daß der zehnte Theil unter diese Kategorie fallen dürfte. Und was ist unter „Repatriiren" zu verstehen? Der arme von der Hülfe seiner Brüder Ausgeschlossene wird über die Grenze „auf sicherem Wege" zurückgeführt. Es dürfte die Frage sein, wie dieses zu bewerkstelligen ist, wenn Her Betreffende nicht im Besitze eines regulären russischen Auslandspasses ist? Das Central-Comits respectirt doch gewiß die russischen Gesetze. Was hat man sich unter dem „sicheren Wege" vorzustellen, auf welchem „der zur Repatriirung Bestimmte" „über die Grenze geführt" wird??