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Der Israelit · 1891-12-03 · Heft 94 (3.12.1891) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 94 (3.12.1891)
Date
1891-12-03
Page
– (sequence 21)
Language
German
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„Du hast ja nichts dabei zu thun, und was Du nicht willst, dazu ist ein Anderer gerne bereit." „So suche Dir diesen Anderen, Athanas; ich werde Dir ewig dankbar sein, aber nie auf den Weg des Verbrechens folgen." „Und das ist Dein letztes Wort?" „Du sagst es." „So wahre Deine Zunge, elender Jude! Laß'das, was ich Dir mitgetheilt habe, in Deiner Brust begraben sein, denn solltest Du Berrath üben, so hätte Dein letztes Ständlein geschlagen." „Ich werde thun, was meine Pflicht ist." Diese letzten Worte hörte Athanas nicht mehr. Schon stand er neben seinen Begleitern und heftig gestikulirend und drohende Blicke auf das Wärterhäuschen werfend, wandten sich die drei Männer dem Gebirge zu. Moise blieb allein mit seinem Kinde. Ein sanfter Schlaf hatte es umfangen und ein seliges Lächeln huschte von Zeit zu Zeit über das liebliche Antlitz. Die Nacht war hereingebrochen und noch einen Zug hatte Moise abzuwarten, ehe er selbst daran denken durste, die von zahllosen Nachtwachen und dem anstrengenden Dienst ermatteten Glieder zur Ruhe auszustrecken. Um Mitternacht endlich war auch dieser Zug mit einstündiger Verspätung vorbeigesaust und Moise suchte sein Lager von dürrem Laube auf. Zaide schlief ruhig und zum ersten Male nach vielen schlaflosen Nächten kam der Schlaf auch in seine Augen. Aber er schlief unruhig. Das gräßliche Verbrechen, das Athanas begehen wollte, und wovon er ihm Mittheilung gemacht hatte, sah er im Traume ausgeführt. Er sah den Erpreßzug entgleist, dessen Passagiere zum Theil gelobtet, zum'Theil gräßlich verstümmelt und verwundet, die Ueverlebenden von einer Räuberbande beraubt, geplündert und gefangen hinweggeführt. Er selbst mußte, an einen Fleck gebannt, die Ausführung des Verbrechens mit ansehen und konnte sich nicht von der Stelle rühren. Athanas grinste ihn unter einer abscheulichen Maske an und zeigte ihm triumphirend einen Sack mit Gold, die gemachte Beute. Moise wollte schreien, die Kehle war ihm wie zugeschnürt; er wollte den Verwundeten zu Hilfe eilen — er war festgebannt auf feiner Stelle. Entsetzt wandte er den Blick von der Unglücksstätte. Da sah er wie einer der Räuber die Büchse aus ihn anlegte. Er empfahl nur noch Gott seine Seele, dann ein Blitz, ein Knall und — Moise erwachte. In Schweiß gebadet blickte er sich um. Da hörte er das Rollen des Donners, vernahm das Rauschen des Regens, das Heulen des Sturmwinds und das dumpfe Zischen der Fluthen des nahen Stromes. Zahlreiche Blitze erhellten die dunkle Nacht und in kurzen Zwischenräumen erschallte der Ruf des Sturmvogels vom nahen Gebirge. Moise erhob sich von seinem Lager, wusch Gesicht und Hände und trat an'S Fenster. Ein greller Blitz leuchtete ihm entgegen. „Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, Du, der Schöpfer des großen Weltgebäudes," tönte es in heil'ger Sprache von seinen Lippen. Dumpf rollte der Donner und hallte wider von den jenseitigen Bergen. „Gelobt seiest Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, dessen Kraft und Stärke die Welt erfüllt", flüsterte er in frommer Zuversicht. Dann nahm er auf einem Stuhle an der Seite des Bettes Platz und bewachte den Schlummer seines Kindes. Die ausgehende Sonne fand Moise schon wieder auf seinem Posten. Das furchtbare Gewitter der verfloflenen Nacht machte eine eingehende Revision der ganzen Strecke ihm zur Pflicht. Ehe der erste Zug diese befahren durfte, mutzte sie nachgesehen und für fahrbar erkannt worden sein. Da mußte jede Schraube, jede Schwelle auf ihre Festigkeit geprüft, Steine, die der Sturm auf's Geleise geschleudert, mutzten von diesem wieder entfernt werden, da mußten die Brücken und Uebergänge genau besichtigt, der ganze Bahnkörper einer sorgsamen Prüfung unterzogen werden. Als Moise wieder an sein Häuschen kam, da war auch schon der erste Zug fällig und schon von ferne sah er die weißen Dampfwolken emporwirbeln. Noch ein Sprung in das Häuschen, ein Blick auf sein Kind und Moise stand auf seinem Posten und erwartete den langsam sich nähernden Zug. Eine kurze Strecke noch, und der Zug stand still. ES war ein Güterzug, an deflen Maschine etwas defect geworden war, was der Maschinist nothdürftig selbst auSbeffern konnte. Der Zug erlitt dadurch einen Aufenthalt von fast einer Stunde. Während dieser Zeit unterhielt sich Moise mit dem Zugführer, einem alten Bekannten. Da, kurz vor der Abfahrt, fiel ihm ein, daß dieser Freund am besten die Verwaltung der Bahn warnen und zu Vorsichtsmaßregeln veranlaffen könne. Er sagte ihm, daß er einen Ueberfall irgend eines Zugs befürchte, denn seit einiger Zeit treibe sich verdächtiges Gesindel in der Nähe der Bahn umher und er bitte ihn, feine Meldung geeigneten Ortes machen zu wollen. Der Freund lachte ihn ob seiner Furchtsamkeit aus, doch versprach er auf vieles Drängen, die Meldung zu machen. Ob er es gethan? Wer weiß es. Moise merkte keine besonderen Vorsichtsmaßregeln; die Züge verkehrten wie seither. Was der Jude dem Retter des Lebens seines einzigen Kindes für vieles Geld verweigerte, dazu war ein anderer leicht bereit. Am dritten Tage überfielen die Räuber, die den Moise seither scharf bewachten, aus einer ihrem Zwecke günstigen Stelle den Schnellzug der Franken nachdem sie ihn zum Entgleisen gebracht, schleppten die nicht getödteten Paflagiere in die Gefangenschaft und erzwangen dadurch ein ungeheures Losegeld. Moise erhielt natürlich keinen Antheil an der reichen Beute, sondern er hatte sich durch seine Treue den berüchtigten Athanas zum Todfeind gemacht und mußte nun deflen Rache fürchten. Wäre er weniger gewissenhaft gewesen, so hatte er jetzt, da die Regierung selbst das Lösegeld für die fremden Gefangenen zahlte, sein Leben ruhig genießen, seinem Kinde eine gute Erziehung geben können, aber er war ein braver Jude, und nicht um alle Reichthümer der Welt verkauft der fromme Jude seine Ehre, sein Gewissen. Er ist lieber arm und ein ehrlicher Mann, als reich und ein Schuft; er vertrauet auf Gott und fürchtet nicht die Rache der Menschen. Athanas hatte eine reiche Beute gemacht. Vergnügt faß er in seinem Versteck mitten im Gebirge und seine Spießgesellen lagen im Moose zerstreut in seiner Nähe. Da trat einer der beiden Leute, die ihn an jenem Tage zu Moise begleitet hatten, zu ihm heran und sprach: „Unser Zug hat reiche Früchte getragen, Capitano, und wir können wieder in die Heimath gehen, bis uns Dein Ruf aufs Nene zusammenbringt. Wir sind Dir treu und ergeben und lassen unser Leben für Dich. Bevor Du uns jedoch entlassest, gestatte mir, Rache zu nehmen an jenem elenden Juden, der durch seine verdammte Gewiflenhaftigkeit unser Unternehmen beinahe vereitelt hätte." Athanas schloß die Augen. Nach einer kurzen Weile öffnete er dieselben wieder und ein Blitz des Haffes schoß unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. Seine Rache wollte er keinem Anderen überlaffen; die konnte nur er allein befriedigen, und der Jude, der es gewagt hatte, sich seinen Plänen zu widersetzen, er sollte seine Rache fühlen- Deßhalb sagte er lächelnd: „Ueberlaßt mir den Juden, er soll seiner Strafe nicht entgehen." -- Sechs Wochen sind vorüber. Die kleine Zaide hat sich wieder vollständig erholt und ihr helles Lachen tönt durch die klare Luft; munter springt sie am Raine einher, ihrem Vater scherzend Koseworte zurufend. Mit glücklichem Blick betrachtet der Vater die elfenartige Gestalt des Kindes, das ganz das Ebenbild seiner verstorbenen Mutter zu werden verspricht. Vergangene glückliche Tage ziehen an seinem Geiste vorüber und seufzend rollt Thräne um Thräne über die gebräunte Wange. Von allen Gütern, die er besessen, hatte ihm das Schicksal nur sein gutes Gewissen gelassen und sein Kind. Doch auch dieses war in Gefahr gewesen und wäre ihm beinahe entrissen worden, wenn nicht — „Nun Moise, worüber sinnst Du nach?" fragte eine barsche Stimme. Erschrocken drehte Moise sich um — vor ihm stand Athanas, ihn mit durchbohrenden Blicken betrachtend. „Mein Gott, Athanas, Du?" ries Moise hebend aus; „welch' ein Wagniß! Fürchtest Du denn nicht ergriffen und gefangen zu werden?"

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