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Der Israelit · 1891-12-03 · Heft 94 (3.12.1891) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 94 (3.12.1891)
Date
1891-12-03
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Athanas lächelte geringschätzig. „Mit einem Dutzend nehme ich es auf," entgegnete er, „und wenn mehr kommen, fo bist Du ja auch noch da. Uebrigens will ich Dich nur um einen Schluck Milch bitten, den mir Deine Kleine wohl geben darf." „Mein Hauist da- Deinige", entgegnete Moise, vor dem wilden Blick Athanas' erbebend; „ich will da- Kind rufen, denn ich selbst darf meinen Posten nicht verlassen, da in zwanzig Minuten die beiden Züge 13 und 13 sich hier kreuzen." „Ich bedarf Deiner nicht. Die Kleine wird das auch können. Die kreuzenden Züge sind wohl Schnellzüge?" „Ja, es ist der Orient-Expreß- und der A. P. Schnellzug." Athanas ging mit Zaide in das Haus, welches er nach fünf Minuten wieder verlieh. Er wandte sich, von Zaide begleitet, nach der entgegengesetzten Seite und ging, neben dem Geleise einherschreitend, nach der Richtung, aus welcher der Orient-Expreßzug kommen mußte. Von Zeit zu Zeit warf er eine Kupfermünze auf das Geleise zwischen die Schienen, ohne daß Zaide dieses bemerkte. Endlich hatten sie die Weiche erreicht. „Ich gehe nun quer gegen das Gebirge, Zaide," sprach AthanaS teuflisch lächelnd. „Hier hast Du ein Geldstück für Deine Milch und noch zwanzig solcher Stücke wirst Du auf dem Rückwege in dem Geleise zwischen den Schienen finden. Leb wohl Zaide und grüße Deinen Vater." Er gab dem Kinde die Hand und entfernte sich. In der Ferne zeigten sich schon die weißlichen Wolken des heranbrausenden Expreßzuges, als Zaide, die Geldstücke zwischen dem Geleise zusammensuchend, den Rückweg antrat. Freudig hob sie jedes Stück auf, welches sich ihrem suchenden Auge darbot. Welche Freude wird dieser Schatz dem Vater bereiten! Sie vergaß die Gefährlichkeit des Wegs, sah und hörre nichts, sondern hatte ihre ganze Aufmerksamkeit auf das Auffinden drr^. zerstreuten Geldstücke gerichtet. Immer näher kam der tApkeßzug. Auch der von der anderen Seite kommende Schnellzug war schon sichtbar und beschützte ein gütiger Engel nicht das suchende Kind, so war es unrettbar verloren. Ruhig ging es seines Wegs, hie und da ein Geldstück einsammelnd. Da legte Moise seine Weiche um und sah zu seinem größten Schrecken sein Kind mitten auf dem Geleise dem sicheren Verderben preiSgegeben. Was konnte er thun? Zum Rusen war die Entfernung zu groß. ES konnte ihn auch falsch verstehen, auf das andere Geleise laufen und vom entgegenkommenden Zuge erfaßt und zermalmt werden. Und wenn er selbst seinen Posten verließ und sein Kind zu retten versuchte? Dann schlägt die Weiche zurück, die in voller Geschwindigkeit fahrenden Züge prallen mit ihrer ganzen Wucht aufeinander und ein entsetzliches U nglück entsteht; Hunderte von Menschen, die sorglos diese Züge stets benützen, sind in Gefahr getödtet zu werden. Seine Hand zittert. Was gehen ihn die fremden Menschen an? mögen sie sterben und verderben, er muß sein Kind, sein einziges Kind retten. Schon Hort er das Rasseln der Räder, das Fauchen der Maschinen von beiden Seiten. Großer Gott, rette mein Kind, ich darf meinen Posten nicht verlassen! Doch halt! Kann er nicht das Haltesignal geben? Er will seine Signalstange ergreifen, — sie ist fort. Schon steht er in Gedanken die entsetzliche verstümmelte Leiche seines Kindes — da verläßt er die Weiche und eilt auf fein Kind zu, doch nach drei Schritten hält er inne. Darf er, um ein Menschenleben zu retten, hundert andere opfern? Ist es nicht seine Pflicht, auSzuharren an seiner Weiche, daß durch seine Schuld kein Unglück entstehe? Aber sein Kind! sein Kind! Seine Augen quellen aus ihren Höhlen hervor, so nahe ist der Zug dem ahnungslosen Kinde. Da sieht er AthanaS mit der entwendeten Signalstange auf einer Anhöhe stehen und mit teuflischem Grinsen der Entwickelung des Trauerspieles zusehen. Ob der Jude ihm und seinen Leuten nicht selbst Gelegenheit bieten wird, ihr scheußliches Handwerk zu üben? I Wird er nicht, um sein Kind zu retten, seine Weiche ver-! lassen und den Zusammenstoß der Züge verursachen? Schon ' freuen sich die Britzanten des gelungenen Streiches; Athanas hat seine Rache geübt und wieder reiche Beute gemacht. — Moise ist dem Umstnken nahe. Jetzt erblickte ihn sein Kind. Er kann nicht rufen, seine Kehle ist, wie zugeschnürt; eisern umklammert seine Hand die Weiche. Nun erst sieht der Locomotivführer das Kind. Ein Pfiff ertönt, Zaide streckte ihre Arme nach dem Vater aus, jetzt ersaßt sie die Maschine, reißt sie nieder und donnernd saust der Zug über den kleinen Körper hinweg, abermals ein Pfiff, jeder der beiden Züge rast ungehindert weiter, Moise aber ist ohn» mächtig neben seiner Weiche umgesunken. Wie lange er so gelegen, weiß er nicht. Endlich kehrt das Bewußtsein wieder. O, warum kehrt eS wieder? Warum hat Gott ihn nicht zu sich genommen und ihn jenen dunklen Weg jenseits des Grabes mit feinem Kinde wandern lassen. Sein Kind! oh noch klingt in seinen Ohren dessen süße Stimme: „Vater, mein Vater, erwache doch! Ich bin'S ja, Deine Zaide", und weiche Kinderarme umschlingen ihn. Will ihn seine Phantasie äffen? Hat er nicht selbst gesehen, wie der Zug zermalmend über den Körper seines Kindes dahinrovte? Und nun? Er öffnete die Augen — da stand sein Kind gesund und heil vor ihm. Er breitete seine Arme aus und rief: „Zaide!" Und „Vater, lieber Vater", tönte es ihm entgegen und in seinen Armen hält er sein unversehrtes Kind, und seine Lippen stammeln ein Dankgebet, und seine Augen füllen sich mit Thränen und unaufhaltsam rinnt der Thränenstrom über seine braunen Wangen und zärtlich betasten seine Hände den Körper seines Kindes, seines einzigen Schatzes, den ihm Gott so wunderbar gerettet. Zärtlich umschlungen saßen Vater und Tochter lange Zeit da. Endlich trat wieder die Pflicht seines Amtes gebieterisch an Moise heran und gewissenhaft erfüllte er dieselbe. Am Abend, als sein Dienst beendet war, saß er vor dem Bette seines Kindes und aus ihrem Munde erfuhr er die schurkische Handlungsweise des Athanas. Nun wurde eS Licht in seiner Seele; er erkannte die furchtbare Rache, die der Elende an ihm hatte nehmen wollen. „Aber wie kam eS, meine Zaide," fragte Moise sein Kind, „daß der Zug Dich nicht zermalmte?" „Ich that, wie Du mich gelehrt," erwiderte das Kind; „als ich die Gefahr sah, warf ich mich platt auf die Erde; ein Sengen und Klirren, und der Zug rollte über mich hinweg." „So belohnt Gott die Folgsamkeit der Kinder. Komm, laß uns ihm danken, so lange wir leben, denn feiner Gnade allein verdanken wir, daß wir leben!" — Wohl erzählt die Geschichte von Helden, die sich im Kriege ausgezeichnet, ganze Völker niedergeworfen und auf Strömen von Blut mächtige Reiche errichtet haben. Don Moise, dem pflichttreuen Juden, dem tapferen Helden weiß sie nichts zu erzählen; feine Thal ist nur die Erfüllung seiner Pflicht gewesen, er mußte so handeln und durfte nichts Anderes thun. Und Moise ist nicht der erste und einzige Jude, dem die Pflicht über Alles geht, der in treuer, gewissenhafter Plichterfüllung sein Hab und Gut, Leben und Gesundheit geopfert hat. Fraget nur die Jammergestalten, die jetzt traurig aus dem Osten kommen! Fragt sie, weshalb sie Heimath und Vaterland, Leben und Gesundheit, Hab und Gut opfern! Es sind die Helden unseres Stammes, die uns zeigen, wie man der Gotteslehre treu bleibt trotz Verfolgung und Noth. Moise wich nicht vom rechten Wege; wie mochte seine Vaterliebe gegen die Pflicht gekämpft haben! Aber er bestand in diesem Kampf, ging siegreich aus demselben hervor, ein ganzer Mann, ein frommer Jude — ein tapferer Held. Verantwortliche Rehaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „JSraelit" u. „Jefchurun", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'fchen Hofbuchdruckerei-Actien-Gefellschaft in Mainz.

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