Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1891)
- Date
- 1891-12-03
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1774 Gorgen versah er gewissenhaft seinen Dienst und verlor keine Minute der Zeit, die diesem galt. Schon drei Tage währte der Schlummer des Kindes; während dieser Zeit hatte ekeine Nahrung zu sich genommen und mit Angst und wachsender Sorge erwartete Morse den Hirten. SS war am dritten Tage gegen Abend. Der Schnellzug der Franken, der bei Moise's Wärterhäuschen mit dem Orientexpreßzug kreuzen mußte, war schon vorüber und Moise wartete noch auf einen in der Richtung des Expreßzugs fahrenden Güterzug, als Athanar mit noch zwei Hirten an ihn herantrat. Moise, dessen Dienst seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht hatte, erblickte die drei Männer erst, als dieselben dicht vor ihm standen. „Guten Abend Jude," begann Athauas, „wie geht es Deinem Kinde." „ES schläft, seit dem es den Trank, den Du ihm gabst, getrunken hat", entgegnete Moise, „und hat in den drei Tagen weder Speise noch Trank zu sich genommen. Ich bin deßhalb besorgt und freue mich, daß Du gekommen bist. Laß uns zu dem Kinde gehen." „Roch nicht'; noch ist die Zeit seines Schlafes nicht um. Ein vorzeitiges Erwachen könnte Dein Kind tödten, wahrend es sicher genesen wird, wenn der Schlaf nicht gestört wird." AthanaS blickte nach dem Stande der Sonne und fuhr fort: „Wir haben noch zwei Stunden Zeit und da hätte ich etwas mit Dir zu besprechen." „Zuerst mutz ich meine Strecke begehen, dann stehe ich zu Deinen Diensten." „So begleiten wir Dich auf Deinem Gange." Moise sah noch einmal nach seinem Kinde, nahm seine Signalstange und machte sich in Begleitung der drei Männer aus den Weg. Athanas erkundigte sich nach den Einzelheiten des Dienstes des Bahnwärters, forschte genau, wann die einzelnen Schnell- und Expreßzüge das Häuschen Nr. 316 passirten und zeigte großes Interesse für die Einrichtung des Sicherheitsdienstes, besonders der Weichen. Moise erklärte ihm, ohne etwas Arges dabei zu denken, alles ganz genau. In einer Stunde waren sie wieder bei dem Wartehäuschen angelangt und als Moise nach seinem Kinde sehen wollte, hielt Athanas ihn zurück. „Noch ist eS nicht Zeit," sprach er, sich in das nasse Gras werfend. „Höre mich an, was ich'von Dir will." „Wenn Du mein Kind rettest", erwiderte Moise, „darfst Du meiner Dankbarkeit sicher sein und das Gehalt eines ganzen Monats gebe ich Dir gerne." „Behalte diesen Bettel, der noch nicht einmal dazu reicht, einen Rock zu kaufen! Ich will mehr." „So nimm noch die zwei Ziegen hinzu, welche —" Mit einer stolzen Geste wies Athanas auch dies Anerbieten zurück. „Mir kann Deine Armuth nicht helfen", versetzte er. „Aber wenn Du willfährig bist, so hat Deine Armuth ein Ende und Du bist, ehe der Mond zweimal gewechselt hat, ein reicher Mann und kannst in Stambul mit Deinem Kinde leben und es zu einer Dame erziehen." Moise lächelte resignirt und sprach: „Wie wäre diesemöglich, Athanas! Du versprichst mir Retchthümer und Du selbst? Willst Du Dein Leben auch ferner in Armuth fristen?" „Rein, Moise, bei Allah, nein. Wir werden alle reich genug sein." „Und wahabe ich dafür zu thun?" „Nichts, Moise, gar nichts." „Du scherzest, Athanas! Für mein Nichtsthun versprichst Du mir Reichthumer?" „So höre mir zu. Ich verlange weiter nichts von Dir, als daß Du mir für eine Stunde Dein Amt überträgst und Dich um nichts, was auf der Strecke vorgeht, kümmerst. Willst Du das thun?" „CS geht geaen meine Instruction und ich wüßte nicht, weshalb es Dir so großes Vergnügen bereiten könnte, eine Stunde Bahnwärter zu fein." „Er ist bester, Du weißt nichts. Ich riete Dir zwanzigtauseud Lire, wenn Du mir Dein Amt auf eine Stunde überlassest." Moise lachte belustigt. „Du hast gut 20 000 Lire zu bieten. Hättest Du selbst diese Summe, so ständest Du setzt nicht so vor mir." „Zweifelst Du an meinem Worte, Jude? Nun, wenn Du Zweifel hegst, so gehe hinein an das Lager Deines Kindes, dort werden dieselben schwinden." Moise eilte in sein Häuschen, wohin ihm Athanas nach kurzer Rücksprache mit seinen Begleitern folgte. Zaide war aus ihrem Schlafe erwacht und blickte mit hellen Augen den Vater an, der vor Freude nicht wußte, was er thun sollte. Er kniete vor dem Lager seines Kindes nieder und sandte ein heißes Dankgebet zu Gott empor. Zaide streckte ihr mageres Händchen aus und sprach mit matter Stimme: „Wo warst Du so lange, mein Vater? Ich habe Hunger'." Wie eine freudige Himmelsbotschaft klangen ihm diese Worte aus dem Munde seines Kindes. Wußte er doch, daß der Hunger der Vorbote wiederkehrender Gesundheit ist! Eiligst rannte er in den Keller und kam mit einem Topfe frischer Ziegenmilch zurück, an welcher sein Kind sich labte und erquickte. Athanas betrachtete stumm diese Scene. Als Zaide getrunken hatte, legte sie ihr Köpfchen zurück und sagte: „So, mein Vater, das hat gut geschmeckt, nun aber will ich schlafen." Bald verkündeten die regelmäßigen Athemzüge den gesunden Schlaf des Kindes. Moise konnte kein Auge von seinem Liebling wenden. Er fuhr zusammen, als Athanas jetzt seine Hand auf seine Schulter legte und ihn erwartend anblickte. Dann aber erfaßte er die harte Hand, führte sie inbrünstig an seine Lippen und sagte: „Nächst Gott verdanke ich Dir die Rettung meines Kindes. Bestimme selbst den Lohn, den ich Dir zahlen soll." „Ich bedarf Deines Lohnes nicht", versetzte Athanas; „ich werde bald mehr besitzen als Du und ich je gesehen haben, und auch Du sollst ein reicher Mann werden. Zweifelst Du noch?" „Nein, AthanaS, wenn Du Deiner Sache so sicher bist, wünsche ich Dir heute schon Gluck." _ „Du willigst also ein und überlassest mir an einem der nächsten Tage Dein Amt auf eine Stunde?" „Sage mir zuvor, wozu Du dessen bedarfst?" „Du willst es nicht anders, so höre; aber Dein Leben ist verwirkt, wenn ein Mensch etwas von dem erfährt, was ich Dir jetzt sage." Er neigte seinen Mund an das Ohr des Juden und flüsterte lange. Als Athanas geendet, sprang Moise auf und rief: „Nein, Athanas, wenn Du auch das Leben meines Kindes gerettet hast, zu einem Verbrechen biete ich meine Hand nicht. Und auch Dich bitte ich, laß ab von diesem frevlen Beginnen. Was nützt Dir Reichthum, den Du durch die Sünde erworben hast, Gold, an welchem vielleicht Blut klebt! Ein schuldloses Leben in Armuth ist ein Paradies gegen ein durch Schuld erworbenes Wohlleben. Bleibe auch Du davon, Athanas." „Laß das, Jude," entgegnete der Hirte barsch, und als er sich erhob und drohend vor dem Juden stand, ein Hüne an Gestalt in edler, stolzer Haltung, da rief Moise erschrocken aus: „Du bist nicht Athanas der Hirte, Du bist —" „Schweig, Elender und wahre Deine Zunge, oder Dein Kind wird zur Waise werden. Wenn Dein Gewissen so eng ist, so trage die Last der Armuth weiter durchs Leben. Lasse Dein Kind sich erschöpfen in dem Zustand des Elends, zu dem Du eS erziehst; Du willst es ja nicht anders. Man rühmt an Euch Juden ja den praktischen Blick — nun. Du kannst durch NichtSthun ein Vermögen erwerben und weigerst Dich dessen „Laß uns darüber nicht streiten, AthanaS. Ich bin Dir großen Dank schuldig, aber lieber möchte ich mein Leben lasten, als meine Hand zu einer Thal bieten, welche gegen Gottes Gesetz verstößt."