Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1891)
- Date
- 1891-12-03
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Wm 4ZZ VtthodoLe Ludenthu S Dez. 1891.] Li#™ v ♦/ lRr. 11. 4^S> Etn Neld. Von II. Berger. Dumpf wälzen' sich die Wogen des reißenden Stromes ihr Bett entlang; 4 die sonst so herrlich blaue Farbe des Masters hat sich in ein schmutziges Grau verwandelt, auf welchem der schäumende Gischt blendend weiße Linien bildet. Das scheidende Tagesgestirn grüßt noch einmal die wogende Fluth, um alsdannlam Horizonte zu verschwinden; die dunkle Nacht ist hereingebrochen und läßt das furchtbare Concert der grollenden Wogen noch schauriger erscheinen. Neben dem Fluße läuft,Lfast in gleicher Höhe mit demselben, der eiserne Schienenstrang hin, der. den Osten mit dem Westen, Paris mit Wien und Konstantinopel verbindet. Durch herrliche Fluren,Hüber wilde Felsen und jähe Abgründe führt das schnaubende Dampfroß den Reisenden. Die schönsten Ansichten, die romantischsten Gegenden fliegen wie in einem KaleidoScop an seinem Auge vorüber und ermüdet und geblendet von solcher Naturschonheit schließt er sein Auge, um sorglos zu schlummern — da schreckt ihn ein furchtbarer Knall auf ^geblendet fährt er zurück; die ganze Ebene scheint in Feuer getaucht zu sein; Feuer scheint vom Himmel zu fallen und der seither so ruhige Strom grollt und braust, zischt und schäumt und droht sein Bett zu verlaßen. Das alles ist das Werk einer Viertelstunde. Aengstlich sieht der Reisende in das ungewohnte Naturschauspiel. Wie Mücken erscheinen ihm die kleinen vorbeifliegenden Wächterhäuschen, deren Bedeutung er wohl kennt aber nicht zu schätzen weiß. Ihren Bewohnern liegt es ob, über die Sicherheit der Bahn zu wachen und obschon das ein schwerer, verantwortungsvoller Posten, ein anstrengender, aufreibender Dienst ist, werden diese Leute über die Maßen schlecht bezahlt, so daß es uns nicht wundern darf, wenn dieses Betriebspersonal kein auserlesenes ist. Trotzdem passiren gelten Unfälle und wenn dieselben nicht absichtlich herbeigefuhrt werden, sind sie gewöhnlich leichtester Art. Einzelne dieser Wärterposten haben eine größere Verantwortung, indem sie Kreuzungsstationen bilden, auf deren doppeltem Geleise die Schnellzüge der sonst eingeleisigen Bahn aneinander vorüberrasen. Das geringste Berschen der Inhaber dieser Wärterposten kann entsetzliches Unheil im Gefolge haben, unsägliches Elend über viele Menschen bringen. Das Wärterhäuschen Nr. 316 zwischen den türkischen Städten A. und P. war ein solcher Posten und der Bahnwärter, der daselbst wohnte, hatte ein sehr anstrengendes, verantwortungsvolles, wenn auch schlechtbezahltes Amt. Und doch war seit den sechs Jahren, da der Jude Moise iben Zadok dieses Amt inne hatte, nichts passirt. Durch seine früheren Beziehungen gelang es ihm bei der Direction der Eisenbahn sich Dienstbefreiung für den Sabbat zu erwirken, wofür er am Sonntage den Dienst für seine nichtjüdischen Collegen versah. Gewistenhast wartete er seines Dienstes, der darin bestand, seine Strecke abzusuchen und zwei Weichen zu bedienen, die fast 200 Meter von einander entfernt lagen. Moise war - (Nachdruck verboten.) detzhalb genothigt bald an der einen, bald an der anderen Weiche seinen Dienst zu versehen, und wenn die Nacht herbeikam, war er todtmüde. Er war ein großer, starker Mann mit intelligenten Zügen, den das Leben schon tüchtig mitgenommen und der bei allen Wechselfällen destelben seinen Glauben und sein Gottvertrauen nicht verloren hatte. AIS er vor sechs Jahren diesen Posten annahm, wollte er dem Treiben und dem Jagen der Welt entfliehen und sich der Erziehung seines einzigen Kindes, eines Mädchens von vier Jahren, dem soeben die Mutter gestorben war , widmen- Nichts als sein Bett, sein Kind, seine Religion und sein Gottvertrauen brachte er mit in sein Wärterhäuschen, und mit dem Augenblick, da er die elende Hütte bezog, hatte er mit der übrigen Welt abgeschlossen. Sein Kind war seine Welt, die gewissenhafte Erfüllung seiner Pflicht seine ganze Thätigkeit. Die kleine Zaide hing denn auch mit schwärmerischer Liebe und Verehrung an ihrem Vater und es war rührend anzusehen, wie der große, starke Mann all die Pflichten der Mutter an seinem Kinde erfüllte. So lange das Wetter es gestattete, war das Kind, auch wenn er seine Weichen bediente, in seiner Nähe, und war es gar zu stürmisch oder kalt, so verfolgten die Blicke der kleinen Zaide das Thun des Vaters von einem der beiden Fenster des WärterhäuschenS aus, und ein freundliches Zunicken des Vaters rief ein sonniges Lächeln auf das zarte Gesichtchen des Kindes. Als Zaide sechs Jahre alt war, begann der Vater sie in den Lehren unserer Religion und in der heiligen Sprache zu unterrichten und mit glühenden Wangen und mit leuchtenden Augen lauschte sie den begeisterten Worten des Vaters. Und herrlich wie die Schönheit ihres Körpers entfaltete sich ihr kindlicher Geist und oft hing das Auge des Vaters entzückt an dem kleinen Munde, der mit Verständniß jene herrlichen Blumen der Poesie unserer Weisen genau so wiedererzählte, wie der Vater sie mitgetheilt. Da wurde Zaide krank. Wochenlang schwebte sie in Lebensgefahr. In den wilden Fieberphantasien arbeitete ihr Geist rastlos weiter. Was der Vater ihr von den Thieren und Pflanzen mitgetheilt hatte, was er ihr aus den Erfahrungen seines Lebens erzählt, alles, alles beschäftigte das arme Kind. Ein Arzt war nicht zu haben, da der nächste zehn Meilen entfernt wohnte und Moise seine Mühe nicht bezahlen konnte. Ein Hirte des nahen GebirgS, der von Zeit zu Zeit bei Morse einkehrte, kam endlich und sah da» kranke Kind, sah die Angst des Vaters und versprach zu helfen. Aus heilsamen Krautern braute er einen kühlenden Trank, den das Kind mit Gier verschlang und worauf es in einen unruhigen Schlaf verfiel. In drei Tagen versprach AthanaS, so hieß der Hirte, wiederzukommen. Wer vermöchte die Angst, die Aufregung und die Sorge zu schildern, welche der Vater wahrend dieser drei Tage durchmachte? Wie zitterte er für das Leben seines Kindes! Und bei all diesen