Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1891)
- Date
- 1891-12-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1770 geflohen hatte, in welchen er sich von Gewissensbissen gefoltert auf seinem Lager umherwarf, und dann ihm die Worte der sterbenden Mutter in die Ohren gellten: „Das ist die Strafe des Himmels", da flehte er auf den Knieen zum Allerbarmer, daß er ihn vor Selbstmord bewahren, daß er ihm seine Sünden verzeihen, seine Frevel vergeben möge. Auch sie hatte er gesehen, Klara, die tief unglückliche Klara, die um den Mißhandlungen ihres Gemahls, jenes Lieutenants von Wendelstein, zu entgehen, zu ihrem Vater zurückgekehrt war, dem Kommcrzienrath, den das Leid der einzigen Tochter vor der Zeit hatte altern lassen. Bet seinem Anblick regte sich noch einmal der Haß in seiner Brust, gegen jenen, der all sein Unglück verschuldet, der ihm die Ueberzeugung von der Heiligkeit der Thora abgclistet hatte. Jetzt hatte er allerdings die Ueberzeugung gewonnen, aber um einen hohen Preis, mit seinem Lebensglück war sie erkauft. Wie eine Eingebung des Himmels war cs über ihn gekommen: „Auf, nach dem Grabe meiner heißgeliebten Eltern, daß ich auch sie um Vergebung bitte für meine Sünden, für meinen AbfallTag und Nacht war er gewandert, bis er das ersehnte Ziel erreichte. Jetzt stand er vor dem Grabe der Treuen. Aufschluchzend warf er sich über dasselbe hin, und seine heißen Thränen benetzten die kalte Erde, Thränen, von denen jede ein Tropfen seiner Herzblutes war. Heftiges Schluchzen erschütterte den starken Mann, und der hohen Brust entstiegen Gebete, so innig, so rührend, wie sie nur das vom tiefsten Jammer gequälte, von innigster Reue bewegte Menschenherz zu flehen vermag. Wie erleichtert stand er auf, gleich als ob ein drückender Alp von seiner Brust genommen wäre, ja er fühlte es, seine Eltern im Himmel hatten ihm verziehen, wie ihm vorher sein Gott -vergeben hotte. Jetzt aber zu Mirjam! Wie sehr hatte er sich in den fünf Jahren nach ihr gesehnt, sie war sein Schutzengel gewesen in Augenblicken, als ihn die Verzweiflung seines Herzens zu übermannen drohte. Jetzt nach so vielem Unglück dürfte ihm doch endlich einmal das Glück blühen! Also hin zu ihr, zu seiner Mirjam. Jetzt hatte er sie ja verdient, jetzt konnte er, der mit seinem Gott versöhnte, sie ja mit vollem Rechte erwerben. Es war schon ziemlich spät geworden; der heilige Sabbat war bereits angebrochen. Adolf Lilienfeld lenkte seine Schritte dem Vaterhause zu. Von ferne schon sah er die Fenster erleuchtet und wollte eben eintreten, als der Gedanke in ihm auftauchte : ich will sie erst belauschen, erst durch das niedrige Fenster betrachten. Behutsam und vorsichtig nähert er sich, und — allmächtiger Gott — er glaubt drinnen die Stimme eines Mannes zu vernehmen, alle Vorsicht war vergeffen — mit einem Satze war er am Fenster. Der Mann, der eben mit Innigkeit das Kidduschgebet sprach, das vor Glück strahlende Weib mit dem Knaben auf dem Arm würden sich entsetzt haben, wenn sie das bleiche verzerrte Antlitz, das wider die Scheiben gedrückt war, erblickt hätten. Ist das nicht meine Mirjams Aber wer ist der Mann, dessen Rücken er nur sehen konnte? Jetzt drehte er sich um, — barmherziger Gott — es war Samuel; „Samuel!" schrie er die Thüre aufreibend und auf die liebliche Gruppe losstürzend, „Samuel, Räuber meines Glücks," und ohnmächig brach er zusammen. Wochenlang lag er in wilden Fieberphantaflen, in denen er bald seinen Freund und Mirjam der Treulosigkeit anklagte, bald bitterlich über sein Unglück weinte und Gott in den rührendsten Ausdrücken bat, ihn doch sterben zu lassen. Der Arzt gab die Hoffnung auf, daß ihm das Leben erhalten bliebe, als sich die Krankheit als ein höchst gefährlicher Typhus offenbarte. Wie aufopfernd war die Pflege Rosa's, der jungen Frau Samuels, die der Kranke in Folge seiner furchtbaren Aufregung für Mirjam gehalten hatte, auch Samuel bot Alles aut dem Patienten Linderung zu verschaffen und auch Mirjam, die das elterliche Haus an Samuel und seine junge Frau abgetreten hatte und wodurch jener unselige Jrrthum veranlaßt wurde, kam öfters herüber, saß stundenlang am Bette des Leidenden und gewahrte mit Staunen aus seinen in der Hitze des Fiebers geführten Gesprächen, welche Wandlung in der Gesinnung Adolfs erfolgt war. „Allvater!" flehte sie, „jetzt erhalte mir ihn, jetzt, nachdem er aus eigener Ueberzeugung zu unserer heiligen Thora zurückgekehrt ist, hat erst sein Leben Werth für mich. O, sende ihm Heilung des Körpers und Heilung des Geistes, aus daß er sehe, daß ich ihm nicht untreu geworden, daß ich vielmehr nur darauf wartete, ihn einst als einen aufrichtigen Bal Teschubah an meiuHerz drücken zu können". Und der Allgütige erhörte ihr Gebet. Die noch ungeschwächte Iugendkraft Adolfs trug den Sieg über die tückische Krankheit davon, und als später nach einem langen erquickenden Schlafe ihm Samuel seinen Jrrthum auf die mildeste Weise aufklärte, ihm Rosa als seine Frau vorstellte und ihn bat, Mirjam als seine Verlobte zu betrachten, da cntstömten Thränen den Augen des Schwergeprüften und weinend sprach er: „Mit Recht gab man mir während meiner Krankheit den Namen „Menascheh", denn Gott hat mich vergessen lassen all mein Mühsal. Ihm will ich danken alle Zeit meines Lebens. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich. vir. 94, 8. 1771/1772 ist erst zwischen S. 1776/1777 eingebunden.