Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1891)
- Date
- 1891-12-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1762 die Rückwanderung von vielen Tausenden Italienern, die froh sind, sich in der alten Heimath 311 befinden, das beweist ferner das gänzliche Fiasco der Ackerbau-Actien-Gesellschaften. So hat z. B. dieSanta- F4-Landgesellschaft seitJahren in der argentinischen Provinz Santa-Fe einen Landbesitz so groß als das Großherzogthum Baden. Circa 20 Millionen Mark waren ihr Betriebs-Capital, die vorzüglichsten Maschinen für Holzschlag, Sägemühle, Ackerbau wurden^ nach, Argentinien auf den Besitz geschafft, Muster-Farmen angelegt, und heute ist das Desictt ein so gewaltiges, daß ohne neue Opfer der Wetterbetrieb unmöglich ist. Die geprellten Actionäre waren gern bereit mit 2e°/0 des voll emgezahlten Geldes ihre Actien loszuschlagen, aber es fand sich kein Dummer, der kaufen wollte; Grünes ist auf dem Besitz der Gesellschaft nur soweit zu sehen, bemerkt ironisch'! ein kritischer Geschäftsbericht, als das grüne Tuch aus den Schreibtischen der Verwaltungsbeamten reicht. Wenn mithin unter diesen Umständen das deutsche Comits nicht Willens ist, die von Baron Hirsch geforderten 300 Auswanderer- Pro Woche nach Argentinien zu senden, so ist dieses nur zu billigen. Denn kann nach zwei Jahren für die große Maffe der existenzlos gewordeneu Colonisten nicht ein geeignetes Asyl beschafft werden, dann werden die Kosten des Rücktransportes gewaltige Dimensionen annehnlen. Will man aber einwerfen, daß ein aussichtsloses Unternehmen überhaupt nicht von Seiten des Comites unterstützt werden dürfte, so ist zur Zeit dieser Eittwurf ungerechtfertigt; denn erstens ist Nord-Amerika mit russischen Juden so überfüllt, daß neue Nachschübe von beträchtlicher Zahl unausblcibbar eine Katastrophe herbeiführen würden, wie der Delegirte New-Aorks überzeugend nachwies. Zweitens ist ein anderer Trauslocationsort zur Zeit nicht disponibel, drittens unterhält der Baron die Colonisten im ersten Jahre gänzlich, und es wird somit der augenblicklichen Nothlage der Auswanderer abgeholfen. Wenn es mithin auch der größeren Masse der nach Argentinien gesandten Flüchtlinge nicht gelingt, sich dort eine Existenz zu gründen, so ist dennoch durch diesen Nothbehelf Zeit gewonnen und damit auch die Möglichkeit gegeben jenen Unglücklichen eine Existenz zu verschaffen. Verdienstlich bleibt die Thätigkeit des Baron Hirsch unter allen Umständen, auch wenn das Projekt gänzlich verunglückt, und als Effect nur die Thatsache bestehen bleibt, daß Tausende russischjüdische Vettlerfamilien ein bis zwei Jahren hindurch auf Kosten des Barons ernährt und vor Hunger und Elend geschützt worden sind, und zu großem Danke sind wir daher dem Baron unter allen Umständen verpflichtet; diese Erwägungen lassen es gerechtfertigt erscheinen bis zu einem gewissen Grade den Wünschen des Barons nachzukommen. Wenn freilich Baron Hirsch auf der von ihm einzuberufenden internationalen Delegirten Conferenz den Versuch machen sollte die werthlosen Actien der Jewish Colonisation Association.! den jüdischen Gemeinden aufzuhalsen, wie er sich angeblich einem Correspondenten des Pester Magyar Hirlap gegenüber geäußert haben soll, dann wird er sehr wenig Gegenliebe finden, denn seinen colonisatortschen Passionen muß er für eigene Rechnung huldigen. Sollten ferner die Auswanderungs-Comi- 14s in Rußland bemittelte, oder auch in Brod und Stellung befindliche Personen zur Auswanderung nach Argentinien zu verlocken suchen, dann wird schon dafür gesorgt werden, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen; gleich wie es im Juni und Juli dieses Jahres hinsichtlich der acut gewordenen AuSwanderungswuth nach Palästina geschah. Die Versuche, einen jüdischen Bauernstand zu schaffen, welche ich noch mit einigen wenigen Worten besprechen will, können sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur in folgendem Rahmen bewegen. Erstens müssen nicht Schuster, Schneider, Trödler das Versuchsobject abgeben, sondern nur die russisch-jüdische Jugend im Alter von 14—18 Jahren, welche sich noch an keinen bestimmten Erwerbszwerg gewöhnt haben, kann in Betracht kommen. Zweitens müssen diese Lehrlinge nicht, wie es die Alliance israölite machte, in Ackcrbauschulen, sondern ans kleinen Versuchs-Farmen untergebracht werden, welche diese Lehrlinge unter Aufsicht eines landeskundigen Wirthschafts-Juspektors und unter Mithilfe erfahrener landwirtyschaftlicher Vorarbeiter Vier- Jahre lang bestellen müssen; gelehrter Grimsgrams, Vorträge u. s. w. müssen fortbletben, und nur die practischen Landarbeiten müssen die Lehrlinge einüben und durch Gewöhnung liebgewinnen. Dieses Ziel wird am sichersten erreicht, wenn die Lehrlinge eben vier Jahre mindestens die kleinen Farmen unter Anweisung bestellen müssen. Aus diesen, von Jugend auf an Landbau gewöhnten Lehrlingen kann und wird sich dann ein brauchbarer, leistungsfähiger Bauernstand recrutiren. Mit der Einrichtung dieser Farmen in den Vereinigten Staaten Nord-Amerikas kann anch schon bei beschränkten Mitteln begonnen werden. Zur Gründung von gänzlich aussichtslosen Colonien in Sc. Paulo in Brasilien werden hingegen die durch Spenden gesammelten Mittel des deutschen Comitös auch nicht im Entferntesten hinreichen.