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Der Israelit · 1891-12-03 · Heft 94 (3.12.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 94 (3.12.1891)
Date
1891-12-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXX11. Jahrgang. &tHt KeUage r« M 94 d-s «Israelit & Ieschurun^ Leitender Artikel. Der gegenwärtige Stand der jüdischen Colonifations - Bestrebungen und das deutsche Central-Comit^ sür die russischen Juden. Von 8. Herr I. Hirsch tadelt in seiner Kritik der Thätigkeit des deutschen Central-Comitös für die russischen Juden die außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln, welche das Comit« bei der Auswahl und Beförderung der Auswanderungslustigen in Anwendung bringt, er betrachtet die Maßregeln als einen Ausfluß des oberflächlichen Interesses, welches die Comitsmitglieder für die unglücklichen Glaubensgenossen haben, ja er bezeichnet als Motiv dieser Maßregeln die Furcht vor den Folgen einer Invasion russischer Juden in Deutschland. Der letzte Vorwurf ist gänzlich unbegründet und wird schwerlich von einer großen Anzahl von Lesern ernst genommen werden. Doch auch der erste Vorwurf kann einer ruhigen Ueberlegung nicht Stand halten. Eine Woche vor Eröffnung der zweiten Deleglrten-Conferenz erlaubte ich mir, ein ausführliches Memorandum dem Comit« zu unterbreiten, in dem ich neben meinen Bestrebungen auch den jetzigen Stand der Colonisations-Bewegung prüfte und die durch die vorhandene Sachlage nothwcndig gewordenen Maßnahmen erörterte. Meine für die Auswahl und Beförderung der Auswanderungslustigen aufgestellten Grundsätze stimmen säst in allen Punkten mit den Maximen überein, welche das Comitö bisher verfolgt hat, und ich war freudig überrascht, als ich aus dem Bericht über die Beförderuugsthätigkeit diese Uebereinstimmung entnahm, trotzdem ich zu dem Somit« in keinerlei Beziehungen stehe. Gewiß, es wäre viel tröstlicher sür uns sowohl, als auch für die Bedrängten, wenn wir in!der Lage wären dieselben in Deutschland oder in Europa anzusiedelu, darin bin ich mit Herrn Hirsch in vollstem Einverftändniß, doch wir sind verpflichtet unser Handeln nicht nach unfern Wünschen, sondern nach der einmal geschaffenen und vorhandenen Lage der Dinge einzurichten. Diese Sachlage wird gekennzeichnet durch eine ausgesprochene Antipathie sämmtlicher europäischer Völker und Negierungen gegen jede Invasion russischer Juden. Und wenn nun auch jeder vorurtheilsfrcie Menschenfreund, insbesondere aber jeder fühlende Jude diesen Widerwillen als inhuman und im höchsten Grade Verdammungswerth bezeichnen muß, so ändert dieses Urtheil an der Sachlage nicht das Mindeste, und jeder Versuch hieran etwas zu ändern, verschlimmert nur, wie die Vorgänge in England gelehrt Hab en, die Aussichten der gepeinigten russischen Juden auf baldige Erlösung und gefährdet im höchsten Grade die leidliche soziale Lage der in andern Ländern befindlichen Glaubensgenossen. In Europa besteht die Continental/ Sperre gegen die russischen Inden, diese Sperre ist der dunkelste Punkt in der Kulturgeschichte unseres Jahrhunderts, aber sie besteht, und wir müssen mit ihr rechnen. Eben aus diesem Grunde aber, weil wir nicht in der Lage sind, die Flüchtlinge in der alten Welt unterzubringen, rechtfertigt sich auch das Bestreben des deutschen Comites die Auswanderungslust auf das unbedingt nothwendigste Maß zu beschränken, alle ungeeigneten Elemente zu repatriiren. Denn die Zukunft der Auswandernden ist in vollstes Dunkel gehüllt, die dauernde, glückliche Unterbringung derselben in^nicht europäischen Ländern ist vorläufig gänzlich' aussichtslos. Baron Hirsch will ja Hunderttausende, ja Millionen in seinen Kolonien uuterbringen. Doch welche Aussicht auf Erfolg und glückliches Bestehen diese Kolonisations-Versuche haben, das kann man entnehmen aus den Worten des argentinischen Consuls, der den Rath ertheilt, die russischen Juden möchten, wenn es irgend^geht, in ihrer alten Hei math bleiben, und nur wenn sie dem Verhungern ausgesetzt sind, sollten sie nach Argentinien auswandern, denn dann würden sie dort vor dem Hungertode wenigstens geschützt sein. Diese Worte des betreffenden Consuls enthalten eine Kritik des Hirsch'- schen Unternehmens, wie ich sie schon ' vor vielen Monaten ausgesprochen und maßgebenden Kreisen mitgetheilt habe. Der Hirsch'sche Versuch, russische Juden auf dem jungfräulichen Boden Argentiniens zu selbstständigen Ackerbauern hcranzuziehen, kann nur verglichen werden mit dem Versuche eines Sportdilettanten, der einem spindeldürren Schneider das Reiten gründlich lernen will, und ihn zu diesem Zwecke auf einen feurigen Araber setzt, welcher weder Reiter noch Sattel bisher getragen hat. Das Baron Hirsch'sche Unternehmen hat nicht die geringste Aussicht auf Erfolg, denn es ruht aus ganz verkehrten Principien, es läßt die vitalsten Rücksichten auf das Coloniften-Material, auf das Colonisations-Object außer Acht. Unter welchen schwierigen Verhältnissen der Ackerbau in Argentinien zu kämpfen hat, das beweist

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