Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1891)
- Date
- 1891-12-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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175V auch nicht arm neunen konnte, denn ihr Galanteriewaare»-Laden bot ihr einen schönen Nahrungszweig. Ich war ihr einziger Sohn, ihr Stolz, und alles was ich nur wünschte, wurde mir bereitwilligst gewährt. Als ich aber unter gar keinen Umständen, weil zu jung, heirathen wollte, versuchte sie es, mich ans folgende Art zu überzeugen: „Höre nur, Srulchen, wieviel mal betete ich zu Gott, es möge mir vergönnt sein, den Moment zu erleben, wo du eine Frau hetmführen wirst! Bist du doch mein Auge im Kopfe und ich begehre nur dein Glück und Wohlergehen auf dieser Welt. So gib doch einmal nach und heirathe endlich. Es ist schon Zeit, bei Gott schon die höchste Zeit; Deine Gefährten haben sich verheirathet, kannl daß sie „Bar Mitzwo" wurden. Erfülle die Bitte deiner Mutter, Ihne so, wie Gott geboten und Du wirst meiner Seele eine Freude bereiten." Als sie aber sah, daß all ihr Zureden fruchtlos verhallte und daß ich auf all ihr Bitten nur eine starrsinnige, stereotype Antwort: „nein und nein" habe, ließ sie die Sache auf sich beruhen und sprach nicht mehr über Heirathsprojekte. Ich habe ihr die ganze Wahrheit gesagt, daß ich nämlich beschlossen habe, das Alles zu erlernen, was in der Schule vorgetragen wird, dann die Prüfung zu machen, die Universität zu beziehen, um mir dort die Doktorweisheit auzneignen, um später der Welt und den Menschen nützlich sein zu können. „Mutter" sagte ich ihr, „jetzt geht's auf der Welt ganz anders zu. Fürwahr, es ist schon Zeit, das Glück, welches durch die allzufrüh geschlossenen Ehen für die Juden entsteht und die große Wonne, welche für die jungen Ehepaare erwächst, gebührend zu beurtheilen. „Die Eltern verheirathen ihre Kinder, aus das übliche Gottvertrauen pochend: „Gott ernährt Alle und so wird er auch dieses junge Paar nicht Hungers sterben lassen" sagt man. Das war in den alten bessern Zeiten vielleicht am Platze, heute aber fällt es schwer von den bloßen fünf Fingern zu leben oder aus Schnee Quarkkäse zu bereiten?) Man muß etwas verstehen, etwas lernen und an die Zukunft denken, daran was später sein wird. Du Mutter bist eine kluge Frau, begreifst also selbst, daß die jetzige Zeit eine andere als ehemals und daß es ziel' und zwecklos wäre, diesbezüglich auf den alten Gewohnheiten beharren zu wollen." Auf solche Weise pflegte ich zu meiner Mutter zu sprechen und führte viele Beispiele ans dem Leben 1) Jüdisches Sprüchwort, bedeutet ans Nichts etwas hervorbringen. der jungen Leute unserer Stadt an, derjenigen jungen Leute, welche sehr zeitlich geheirathet haben und in eine — Schmalzgrube hineingertethen. Das Schmalz zerrann und die Grube blieb. Ein Theil der Kinder aus solchen Ehen vagabundirt bettelnd von Haus zu Haus, manche ergreifen das Metier eines Melamed^) und andere, die selbst dazu nicht fähig sind, leben von der Hand in den Mund. Angesichts dieser Beweisführungen willigte die Mutter nolens volens ein, daß ich mich zum Studium vorbereite, wobei ich aber das feierlichste Versprechen geben mußte, nach wie vor, ein ehrlicher Jude zu bleiben.^ Ich hatte einen sehr guten Kops, Fähigkeiten und keine einzige Stelle in der „Gemore" war mir zu schwierig; in der Stadt wurde sogar gesagt, daß aus mir einst ein großer Rabbiner werden wird. Ich aber verzichtete auf einen Rabbinerrang, schloß mich auf zwei Jahre in mein Stübchen ein und ftudirte alles, was ich zur Prüfung uöthig hatte. Mathematik, Physik, Grammatik und Sprachen lernte ich spielend; dafür kani mir das, was sie, die Christen, in ihrer Sprache „Literatur" nennen, sehr schwer an. Ich mußte „büffeln", verschiedene Mährchen von verschiedenen Kriegen auswendig lernen; davon, auf welche Weise die Menschen seit Erschaffung der Welt bis auf unsere Tage gemordet, getödtet, den Anderen Unrecht und Leid zugefügt haben —. und als wäre das noch nicht genug, mußte ich noch das denken, in welchem Jahre und au welchen Orten sich jede dieser löblichen Begebenheiten zugetragen hat. Derartige Sachen nennen sie Geschichte! Außerdem mußte ich noch die wunderlichsten Fabeln, Erzählungen von schrecklichen Niesen, von mächtigen Trunkenbolden und berühmten Räubern lernen und meinem Gedächtnisse einprägen; dazu kamen noch Mährchen von Seclenwanderung, von Zauberern und Hexen, von lebendigen und tobten Gewässern, von goldenen Aepfeln und goldigen Pferden. Nebftdem mußte ich verschiedene Abschnitte aus der Poesie deklamiren lernen und selbe mit verschiedenartigen Kommentaren erklären können; Vermuthungen und Hypothesen, welche weder ich, noch der Dichter der betreffenden Stellen, noch der, welcher mir die Lectionen aufgab, verstehen konnte. Man hieß mir daran Entzücken zu finden, mit 2) A. B. C.-Lherer wird sehr schlecht besoldet und nur Personen die nichts Besseres erwarten können nehmen zu diesem Amte Zuflucht. 3) Nach den Ansichten der russisch-polnischen Orthodoxen übt die Pflege der profanen Wissenschaften einen schädlichen Einfluß aus die Religiosität der betresienden Person aus. Der „ehrliche Jude" ist deshalb im religiösen Sinne zu verstehen.