Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1891)
- Date
- 1891-12-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1758 wollen. Die Juden todtschlagen? Nein! Ausnahmsgesetze? Dem stehen doch unsere Staatsgrundgefetze entgegen, und zu deren Aenderung bedürfte es der Zweidrittel-Majoritär im Parlamente. „Wir wollen nur die Juden aus Wien los werden." Stellen wir uns vor, es würde z. B. gelingen, die Korn- und Fruchthändler aus Wien fortzubringeu. ZPas wäre die Folge? In Pest nähme man sie mit offenen Armen auf. Aber die Christen, welche bisher an den Juden verdienten, würden die Gestraften sein. „Fortjagen wollen wir sie auch nicht, wir wollen sie bloß schrecken." (Lebhafte Heiterkeit und Beifall.) Das ist mir thaisächlich gesagt worden. Geschreckt haben sie sie. (Erneuerte Heiterkeit.) Soll man cs aber ernst nehmen, wenn eine so große politische Action keinen andern Zweck baden soll, als die Juden zn schrecken? Erinnert Sie das nicht an die Geschichte von einem gewissen fürstlichen Abgeordneten, der gesagt hat: „Ich Hab' ja meine Bauern nur zum besten gehalten." (Verfall.) Hinter den sogenannten Führern der Antisemiten, welche in dieser Richtung nur einen Ausweg für ihren Ehrgeiz suchen, stehen aber andere Personen, welche ein Interesse haben, daß Wien nicht groß wird, ihr Interesse ist ein anderes, als das unserer Stadt. Professor Sueß, reflectiert auf die gestrige Rede Kalteneggers, welchem das Kalb, das seine Kuh wirft, wichtiger sei, als das Kind seines Knechtes. Daß diesem auch die Möglichkeit gewahrt fein muß, aus seiner Sphäre sich zn erheben, das faßt das kleine Gehirn des Müllers aus der Umgebung von Graz nicht. Es gibt nun hochstehende Personen, welche von der Bürgerschaft etwas Aehnliches wollen. Und das sind die eigentlichen Fadenzieher, welche im Laufe der letzten Jahre zum großen Nachtheile Wiens hinter dieser Bewegung standen. Wenn man aber dies weiß, so liegt auch ein Trost darin. Im öffentlichen Leben geht es wie beim Kartenspiel. Man mischt und jeden Augenblick sind die Atouts andere, und die schwarze Pique ist heute nicht mehr Atout! (Lebhafter Beifall.) Und weil sie nicht mehr Atout ist, sind auch die Aussichten dieser Herren ein wenig in die Ferne gerückt, damit verschwindet auch ihr Interesse an dem Antisemitismus. Wenn nicht unvorhergesehene Ereignisse eintreten, wird diese Bewegung allmählich verglimmen. Das Interesse der leitenden Persönlichkeiten besteht nicht mehr, und ein Führer nach dem anderen wird sich in die Büsche Schlagen, und man wird sich fragen, wie ein solcher Widersinn so lange in Wien möglich war. Aufrecht bleiben werden nur diejenigen, welche festgehalten haben an der stetigen, ruhigen Arbeit und an dem Grundsatz, daß eine große Stadt die Principien des Fortschrittes niemals aufgeben darf, weil sie sonst verloren ist. (Stürmischer Beifall.) vermischtes. Raab, 20. November. Fürstprimas Vaßarn ist gestern Abends aus Budapest liier angelangt und wurde Kitciiö der gestimmten Bevölkerung mit aufrichtiger und innigster Begeisterung empfangen. Als bezeichnend fiir die einfache Gesinnung des Kirchenfürsteu mag erwähnt werden, daß derselbe im hiesigen Benediktincrstift sein altes bescheidenes Quartier bezog, welches er als Gpmnasialdirektor jahrelang bewohnte und die glänzenden Deputationen in diesen Räumen empfing. Unter den Deputationen erschienen auch die Vertreter der hiesigen jüdischen Religionsgemeinde unter Führung des Rabbiners Tr. Fischer. Der Fürstprimatz wartete gar nicht ab, bis der Redner seine Ansprache hielt, sondern eilte der Abordnung mit den Worten entgegen: „Es freut mich sehr, daß Sie mich mit Ihrem Erscheinen beehren; ich bitte Sie, lieben wir uns auch von heute ab weiter." Hierauf betonte Qberrabbiner Fischer, das; unter den vielen glänzenden Deputationen diese bescheidene Gruppe nicht fehlen wollte. Jung und Alt in der jüdischen Gemeinde spricht mit Stolz und Verehrung von den erhabenen Tugenden des Primas, denn so wie die glänzende und hohe kirchliche Stellung einen mächtigen Lichtstrahl ansscndet, so wirft wieder die unvergleichliche Menschenliebe und der weise Gerechtigkeitssinn Vaßarn's einen Prachtschimmer ans jenen Stuhl, den zn besteigen ihn ein gütiger Gott auserkoren, jener Gott, den die ganze zivilisirtc Menschheit gleichmäßig anbetet. Redner emvsiehlt seine Glaubensgenossen bent Wohlwollen des Kirchenfiirsten. Ter Primas sagte unter Anderm: „Meines Wohlwollen können Alle sich vergewissert halten. Der Redner hat das Wort „Stolz" berührt; wenn mein Herz die Empfindung des Stolzes überhaupt kennt, so hat er während meiner 32 jährigen ^ehrerlansbahn nur darin bestanden, dem Vaterlande gute Patrioten zn erziehen. Ich danke nochmals für Ihre ehrende Aufmerksamkeit." Feuilleton. Die Schindmähre. *' Ein Allegorie. Bearbeitet und ins Deutsche übertragen von S. Horwitz. I. Kapitel. So wie Noah auf wunderbare Weise von der großen Sündfluth gerettet wurde, widerfuhr mir, in unseren Zeiten, von der großen Fluth der Heirathsvernuttler, welche meine Mutter förmlich belagerten, ihr verschiedene Partien für mich antragend, Erlösung. Meine Mutter, eine schlichte, gescheidte Frau, war Wittwe, war nicht reich, obwohl man sie *) Man vergleiche unfern Artikel „Mainz" in heutiger Nummer.