Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1891)
- Date
- 1891-12-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1757 überlaffen wollte, wie es ja auch recht und bMig ist, denn die Gemeinde muß mit dem Rabbiner leben und auskommen, nicht das Consistorium. Auch sprach sich dem Vorsteher unserer Gemeinde gegenüber eine sehr hohe Persönlichkeit des Consistoriums in eben demselben Sinne aus, daß nur die Gemeinde das Recht der Entscheidung haben solle. Im gleichen Sinne muß schließlich auch eine Aeußerung verstanden werden, welche der Präsident des Consistoriums ei« nem der Candidaten gegenüber gethan hat, welche ihm ihre Aufwartung machten. Er sagte: „Ich selbst kann nicht viel thun, es kommt sehr viel auf die Gemeinde Brumath an. Ich selbst bin gegen niemand eingenommen; wir werden nach unserem Gewissen uriheilen." Wie bereits gesagt, fanden am bestimmten Tage die Probepredigten statt. Am Tage darauf traten die Wähler behufs Abgabe ihrer Entscheidung zusammen. Von 79 Stimmen wurden 69 abgegeben, davon 48 für Dr. Weil, 16 für Drehfuß, 5 für Meyer. Diese Willensmeinung der Gemeinde Brumath war eine so deutliche und bestimmte, daß angesichts der früheren Kundgebungen und Aussagen des Consistoriums ein Zweifel daran, zu wessen Gunsten die Entscheidung fallen würde, nicht wohl möglich erschien. Aber das Uumögliche geschah! In seiner Sitzung vom 26, Nov. beschloß das Consistorium mit vier Stimmen — zwei enthielten sich der Abstimmung — den Erwählten der Gemeinde fallen zu lassen und sich für Herrn Dreyfus zu erklären, der, wie bemerkt, von 69 abgegebenen Stimmen 16 erhalten hatte. Die Gemeinde Brumath ist aber nicht geneigt, sich einen Rabbiner aufoctrhiren zu lassen! Noch einmal haben sich die Wähler mit 54 Stimmen für Dr. Weil erklärt und die Gemeinde hat Schritte beim kaiserlichen Ministerium unternommen, um dasselbe von der Sachlage zu unterrichten. Heber die Gründe, welche das Consistorium zu seinem Verhalten bewogen haben, wollen wir nicht reden. Wir würden sonst auf ein unliebsames Capitel kommen. Ist es denn wirklich möglich, daß ein tadelloser Mann, der seine Studien mit vorzüglichem Erfolge gemacht hat und von der Gemeinde begehrt wird, seitens der Aufsichtsbehörde zurückgewiesen wird? Man sollte es nicht für möglich halten. Und doch ist es geschehen. Weshalb? Weil Herr Dr. Weil orthodox ist? Nun, wir Brumather freuen unS, daß wir eincn Rabbiner bekommen, der noch an Gott glaubt und cs offen bekennt. Oder ist Herr Weil nicht genehm, weil er in Berlin studirt hat? Der Gemeinde ist er deshalb grade genehm, weil die israelitische theologische Wissenschaft grade dort von den ersten Größen ihres Faches gelehrt wird. Oder erregt es etwas Mißfallen, daß Herr Weil seiner Militärpflicht als Einjährig-Freiwilliger genügt hat? Auch das ist uns Brumathern ganz genehm, daß wir einen Rabbiner bekommen, der seine Pflicht gegen sein Vaterland erfüllt hat; wer das thut, der erfüllt auch die Pflichten gegen Kirche und Gemeinde. Wir wollen für heute auf alle diese Einzelheiten nicht weiter eingehen. Die Sache liegt jetzt der Behörde zur Entscheidung vor; wir wollen der letzteren nicht vorgreifen, da wir fest überzeugt sind, daß sie nur in unserem Sinne ausfallen kann. Oe st er r. - Ungar. Monarchie. Wie», 5. November. In einem neuen liberalen Verein in der Brigittenau sprach sich Prof. Sueß in folgender Weise über den Antisemitismus aus. Er sagte: Jetzt ist es so weit gekommen, sdaß allez _ Jud' ist, so daß im vorigen Jahre der Rektor mLgniüon8 mit Recht sagen konnte, der Antisemitismus gehe eigentlich die Juden nichts mehr an. Was will eigentlich der Antisemitismus? ES gibt in Wien zahlreiche Personen, welche Joseph, Josephine und Pepi heißen. Nehmen wir an, man würde alle Personen dieses Namens herausgreifen und auf eine entfernte Insel verbannen. Sie dürtfen nur unter einander heirathen, mit einander verkehren und müßten Jahrhunderte dort allein bleiben. Was wäre die Folge? Es würde sich in dieser abgeschlossenen Gesellschaft Sitten entwickeln, die nicht unsere Sitten sind, es würde sich sogar vielleicht ein gewisser Dialekt entwickeln, auch ein gemeinschaftlicher Gesichtsausdruck u. s. w. Und wären deshals diese Josephs und Josephinen schlechtere Menschen als die anderen? Ja man brauchte sie nicht einmal auf eine entfernte Insel zu versetzen, es genügten Verordnungen, daß sie nur unter einander heiraten, keinen Grund erwerben, keine Beamten werden dürfen u. s. w. und es würde ganz dasselbe Resultat entstehen. Und das ist der Zustand der Juden durch Jahrhunderte gewesen, welchen jetzt erst die Möglichkeit geboten ist, sich etwas freier zu entwickeln. Ich habe nicht gehört, daß, wenn ein Jude zum Steueramte kommt, man sein Geld zurückweist, daß ein Gewerbsmann einem Juden nichts verkauft; im geschäftlichen Verkehr gibt es eben keinen Antisemitismus. Ich kenne viele Leute, die Vormittags keine Antisemiten sind und es erst Abends im Wirtshause werden. Es gibt auch unter den Antisemtten Hunderte der bravsten und ehrlichsten Leute, welche aber glauben, daß auf diesem Wege ihnen Heil erwachsen werde. Diese Leute muß man respectiren. Sie können nichts dafür, daß man ihnen solche Dinge eingeredet hat. Fragen Se aber einen Führer,jwas die Anttsemiten