Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 92 (26.11.1891)
- Date
- 1891-11-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXII. Jahrgang. @*f»e Beilage,»J\» 92 ins „Israelit & Jeschurun- Leitender Artikel. Eine allgemeine KncyKkopädie für die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums. 8. Herr I. Singer in Paris versendet ein Circular, in welchem er zur Mitarbeiterschaft einer „allgemeinen Encyklopädie sür die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" auffordert, und mr Propaganda sür Verbreitung des Werkes ersucht. In klaren Worten legt das Circular Zweck und Tendenz dieses Werkes dem Publikum vor in den Sätzen: „Der Doppelzweck des Werkes ist, einerseits die Resultate der jüdischen Forschung zusammcnzufassen, anderseits im Einzelnen den Antheil nachzuweisen, welchen das Judenthum im Lause der Jahrhunderte auf den verschiedensten Gebieten menschlicher Thätigkcit (Wissenschaft, Literatur, Kunst, Handel und Industrie) an der allgemeinen Kulturcntwickelung genommen hat. Das Werk wird rein wissenschaftlich gehalten sein und jeder religiösen Polemik ängstlich aus dem W'ge gehen." Ganz besonders sei aber, so führt das Circular weiter auS, die Errichtung eines Denkmals der Thätigkcit unserer Glaubensgenossen, des Mitarbeitens unserer Vorfahren an dem allgemeinen Kulturwerk, sofern man ihnen nur Lust und Raum gönnte, der Glaubensstärke, die sie in den Tagen der Verfolguug bewährt, „eine Pflicht der Dankbarkeit gegen unsere in den Gräbern ruhenden Vorfahren, welche trotz aller grausamen Verfolgungen das jüdische Banner hochhielten, welches als Devise daS einzige Doppeloogma des Judenthums enthält: „„Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einigeinziger Gott"" und „„Liebe deinen ehrlich denkenden und handelnden Mitmenschen wie dich selbst."" Aber auch angesichts der großen Wanderung, die sich vor unseren Angen vollzieht, hat die allgemeine Encyklopädie ihre weittragende Bedeutung: „Sie soll unseren russischen Brüdern auf ihrer Wanderung in ihre neue Heimath ein empfehlender Geleitbrief für ihre künftigen Mitbürger sein. Mögen diese aus dem von mir unter Mitwirkung von ungefähr 500 der hervorragendsten Theologen, Historiker und Orientalisten jüdischer und christlicher Confession herauszugebenden Werke erfahren, daß sie keine Unwürdigen, sondern die Sprossen eines alten, edlen Stammes in ihre Mitte aufnehmeu, der im Laufe der Jahrhunderte unter allen Himmelsstrichen gar manche edle Blüte gezeitigt hat." An der Spitze dieses Unternehmens steht ein Directionscomilö, das aus Männern der verschiedensten religiösen Richtungen zusammengesetzt ist; ebenso hat auch der Unternehmer von den verschiedensten Seiten Ermunterungs- und Znstimmungsschrciben erhalten. So weit also der ungefähre Inhalt des Circulars. Es wäre nun nicht zu verwundern, wenn in unserer Zeit der entgegengesetztesten Strömungen innerhalb der Judenheit rechts und links Befürchtungen aufkämen, ob nicht das Werk in den Dienst einer Partei, trotz des Versprechens die religiöse Polemik auszuschlietzen, treten könnte oder gar treten müßte; man könnte glauben, daß zum Mindesten in den Biographien die persönliche Neigung oder, was noch schlimmer ist, Abneigung sich müßte geltend machen und so große Kreise verletzen könnte. Man könnte auch vielleicht die Befürchtung hegen, daß auf anderem Gebiete, so z. B. der biblischen Litteratur, eine Bibelkritik sich breit machen wollte, die ebenfalls nach einer Seite hin Anstoß erregte. Wir theilen diese Befürchtung schon aus dem Grunde nicht, weil das gerade aus verschiedenen Elementen zusammengesetzte Cornilö derartige Versuche von vornherein vereitelt. Eine Encyklopädie, wie sie hier geplant ist, bietet weder Raum für Verhimmlung oder Herabsetzung der zu besprechenden Personen, noch ist sic auf gelehrte Untersuchungen angelegt. So wenig ein jüdisches Zeitungsblatt parteilos sein kann, weil cs, wenn es seine Aufgabe erfüllen will, in die Kämpfe der Gegenwart sich stellen muß, so sehr kann eine Encyklopädie, die nur die Aufgabe hat, Geschehenes zu regiftriren, vollständig objectiv bleiben. Die Biographien sollen die Wirksamkeit der zu besprechenden Personen schildern, ihren Einfluß auf ihre Zeit, ob diese Wirksamkeit und dieser Einfluß in den Augen des Berichterstatters ein guter oder ein böser gewesen, sobald das Urtheil nur von der Anschauung einer Parteistellung aus innerhalb der heutigen Judenheit gegeben werden kann, das ist ganz irrelevant und darf deßhalb auch keine Stelle in der Encyklopädie finden. Ebenso wird die Bibelkritik, die sich ja nur in Hypothesen bewegt, von selbst schon aus dem Rahmen dieses Werkes heraussallen, das doch die Aufgabe hat, nicht Meinungen, sondern Resultate zu bringen. Wir stimmen mit dem Unternehmer überein, daß ein solches Werk auch wieder die Liebe zu unserm alten Litteraturschatz erwecken, daß sich die Jugend wieder zu den Quellen unserer Litteratur, die leider so sehr vernachlässigt werden, zurücksehnen und wir gehen sogar in dieser Hoffnung einen Schritt weiter, daß diese Sehnsucht sich nicht nur