Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 92 (26.11.1891)
- Date
- 1891-11-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1723 ltng den Zornigen, „ich erkenne ja an, daß Ihre Meinung eine gute war, vielleicht eben so gut, als die Frucht Ihrer Lehren gewesen ist, denn ich habe meinen Glauben an die Religion, meinen Glauben an Gott, meine Ueberzeugung an seine Lehren verloren." „Aber Sie wissen den Grund nicht, warum ich so willig Ihren Rathschlägen Folge leistete und mit den Institutionen meiner Väter brach. Es schwebte mir ein Ziel vor Augen, ein köstlicher Preis, den ich nur dann erringen zu können glaubte, wenn ich mich ganz Ihrem Ideal eines Juden anpaßte." „Und darf man den Preis wissen, zu dessen Erlangung die Befolgung meiner Lehren nöthig wären," fragte der Kommerzienrath gereizt. „Ja", rief der Jüngling, indem er tief Athem holte, „jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich Ihnen anvertrauen darf; der Preis ist die Hand Ihrer Tochter. Seit dem Tage, wo ich Ihr Haus betrat." fuhr er fort, „liebte ich sie, ich opferte ihr die Liebe meiner Eltern, meinen Glauben an die Religion, kurz mein Höchstes, mein Heiligstes. Und ich glaube aus dem Benehmen Klaras gegen mich schließen zu dürfen, daß auch sie mir zugethan ist. Herr Kommerzienrath, Sie können und werden Ihren Segen nicht versagen, der zwei Personen so unendlich glücklich macht." Der Kommerzienrath stand da wie eine Bildsäule und schien sich von seinem Erstaunen nicht erholen zu können. Endlich lachte er laut auf: „Ha, ha, ha, Sie verzeihen, daß ich lache, daß ist aber auch gar zu spassig, ein hübscher Geburtstagsscherz; aber," fuhr er fort, als er die zornigen Mienen LilienfeldsPemerkte, „regen Sie sich beileibe nicht auf, das thut nicht gut, und schlagen Sie sich derlei Gedanken aus dem Kopf, die doch nie erfüllbar sind, ha, ha, es ist doch gar zu lustig, wenn ich mir den Gedaken ausmale. Sie und Klara, ha, ha, ha." Bei den letzten Worten war Adolf Lilienfeld aufgesprungen und stürmte wie von Furien gepeitscht aus dem Saal. Hinter sich hörte er noch das spöttische Lachen des Kommerzienraths schallen, aber er achtete nicht darauf, eilte nur fort aus diesem Hause. Sinnlos vor Wuth und Schmerz über die Schmach, die ihm widerfahren, rannte er die Treppe hinab auf die Straße; er verwünschte den kalten herzlosen Kommerzienrath, sich selbst, der diesem Manne seine Liebe anvertraute; doch sollte er nach dem einen Mißerfolge sein Glück ausgeben, sollte er auf sein ganzes Ringen und Streben verzichten, weil es nicht ganz nach seinem Wunsche ging? Nein, das wäre feige, zurück zu ihr, zu Klara, was kümmerte ihn der harte Vater, wenn sie ihm nur treu ist, wenn sie ihn nur liebt! Und hinauf stürmte er wieder und suchte sie. Endlich glaubte er ihr Helles Lachen im Wohngemach zu vernehmen und wollte eben eintreten als er wie gebannt auf der Schwelle stehen blieb. „Also um mich angehalten," hörte er sie sprechen, „haha, sehr amüsant, Papa, ich bewundere Deine Nachsicht, mit der Du ihn behandelt hast; doch genug davon, schicke ihm das Honorar und schreibe ihm, daß er sich nicht mehr bei uns blicken lassen soll." Alles Blut war bei diesen Worten aus dem Gesichte Lilienfelds gewichen. Nacht, öde Nacht war es in seinem Herzen geworden, kraftlos lehnte er sich an die Mauer, um nicht umzusinken. Dann aber raffte er sich mit Aufbietung aller Kraft empor, und zum zweiten Mal stürzte er aus dem Hause und fort, immer weiter fort, bis er außerhalb der Stadt vor einer Bank hinsank. Mit den Händen bedeckte er das Gesicht und stöhnte laut auf vor innerem tiefen Weh. Wilde Gedanken durchkreuzten sein Hirn, Gedanken des Zornes und der Rache. „Deshalb also habe ich meinen Gott verlassen, habe die Liebe meiner Eltern so gering geachtet!" Er dachte zurück an seine liebe Heimath, an seine treuen Eltern, an die sonnigen Tage seiner Jugend, die er mit seinemFreunde Samuel, dem Sohn der Nachbarfamilie, gemeinsam verlebt hatte. Jetzt stieg das Bild seiner Pflegeschwester Mirjam in ihm auf, mit den braunen Rehaugen, die als 6jährige Waise zu ihnen, ihren einzigen noch lebenden Verwandten, in's Haus gebracht wurde. Wie dann die beiden Knaben darin wetteiferten, das kleine 6jährige Mädchen zu verhätscheln, mit welcher Geduld sie alle ihre Launen ertrugen, und mit welcher Sorgfalt sie all' die kleinen Dienste erwiesen, die sie von ihnen forderte! Besonders er, der Feuerkopf, wie er von seinen Eltern genannt wurde, war unermüdlich ihr zu Gefallen zu sein, und als er als Jüngling seine Heimath verließ, um die Hochschule in Wien zu beziehen, da, wie seine Bekannten und Lehrer sagten, ein solches Talent nicht verkümmern dürfe, hatten sie sich die Liebe, die sie bis dahin für einander heimlich im Busen getragen, gestanden und unverbrüchliche Treue gelobt. Und wie hatte er diese Treue bewahrt? O, wie schurkisch, wie niedrig kam er sich jetzt vor! Wie verwünschte er das Talent, das ihn aus seinem Vaterhause getrieben und allen möglichen Versuchungen ausgesetzt hatte, wie verfluchte er seinen feurigm Geist, der ihn auf diese Irrwege gelenkt hatte. Wie er damals nach Wien gekommen war, wie verhätschelte man ihn in den Zirkeln, in welche er eingeführt wurde! Er war der Liebling aller Damen infolge seiner auffallenden wunderbaren