Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 92 (26.11.1891)
- Date
- 1891-11-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1720 auf Colmar beschränkt, und daher urtheilt er so eng und so schief über Menschen und Dinge. Wenn er aber diesen Abschnitt mit den Worten schließt: „Für kirchliches Leben wird in den Reichslanden nur wenig gethan, von Jahr zu Jahr schreiten Gottlosigkeit und Unsittlichkeit mit rapiden Schritten vorwärts," so ist das eine freche Beleidigung der elsaß-lothringer Kirche und des ganzen elsaß-lothringischen Volkes, die sich ein altdeutscher Beamter auszusprechen wohl hätte hüten sollen. Seine Kenntniß der Verjudung Straßburgs schöpft der Verfasser, wie er selbst gesteht, lediglich aus einem ihm zufällig in die Hände gefallenen Straßburger Zeitungsblatt, aus dessen Anzeigen er alsbald bemerkt, daß die Juden Straßburgs erst seit dem Kriege zugewanderte „Altdeutsche" seien. „Schwindel! überall Schwindel!" ruft er hier selbst, so daß ich es ihm nicht zurufen brauche- Daß die ländliche Bevölkernng namentlich in unseren Weingegenden von Ausbeutung und Wucher hart zu leiden hat und daß hierbei vielfach, aber natürlich nicht ausschließlich, Juden eine Rolle spielen, ist richtig und ist leidig genug. Aber Abhilfe hiergegen würde nicht eine antisemitische Agitation, sondern könnte vielmehr nur eine Reihe guter Weinjahre bringen, und solche uns zu verschaffen, werden sich die Herren Antisemiten schwerlich anheischig machen wollen. Viel wichtiger aber als aller Spott über die mannigfache Unkenntiß des Colmarer Artikelschretbers ist uns ein Anderes. Allgemeineres : der fluchwürdige Wunsch desselben, die wüste antisemitische Hetze auch auf den Boden des Reichslandes verpflanzt zu sehen. Schon der Gegensatz, in den er dabei norddeutsche und speziell pfälzische Beamte zu einander zu bringen sucht, ist für unsere hiesigen Verhältnisse so unglücklich als möglich. — Wir durften bisher stolz darauf sein, daß hier im Reichslande die Alldeutschen sich niemals nach dem Unterschied der engeren Heimath fragten, sondern sich schlechtweg nur als Deutsche fühlten und hielten. Als kürzlich anläßlich der Straßburger Gemeinderathswahlen eine Correspondenz der „Rational- Zeitung" auf einen solchen Gegensatz Hinweisen wollte, wurde dieselbe unter dem Beifall aller hiesigen Deutschen allseitig als unbegründet zurückgewiesen. Wer national fühlt und denkt, der muß es gerade mit zu den größten Errungschaften der siebziger Jahre rechnen, daß hier ein Ort geschaffen wurde, wo für den Partikularismus schlechterdings kein Raum mehr ist und sein darf. Und wie kommt ein offenbar verstimmter norddeutscher Beamter daher und möchte im Interesse des Antisemitismus den bösen Samen eines neidgetränkten Partikularismus auch bet uns ausstreuen. Das ist das Eine, und ein Zweites hängt damit sofort zusammen; wir kennen hier zu Lande in allen wichtigen Dingen auch keine Parteiunterschiede: nicht hie conservativ! hie liberal! ist unser Schlachtruf, der uns trennt, sondern die deutsche Fahne ist es, die uns alle einigt. Und an dessen Statt möchte ein deutscher Beamter gerade auf diesen heißen Boden die schlimmste und leidenschaftlichste, die alles zersetzende und zerklüftende Parteiagitation des Antisemitismus verpflanzt sehen und fordert den Stöcker und den /Böckel und wie sie alle heißen, zum Einbruch itt dieses davon billig unberührt bleibende Land auf. Zunächst — weiß der Artikelschreiber, wem man cs zu danken hat, daß der Antisemitismus, der unter unserer Beamtenschaft als Gesinnung vielleicht gar nicht so wenig verbreitet ist, als er meint, sich hier zu Lande bis jetzt nicht an die Oeffentlichkeit gewagt hat? Der hochconservative Fcldmarschall von Manteufsel ist es gewesen, der seinen Beamten die strenge Weisung zugehen ließ, antisemitische Velleitäten hier bet Seite zu lassen, und der sich wiederholt laut und deutlich gegen den Antisemitismus und seine Verpflanzung ins Reichsland ausgesprochen hat. Daraus kann der Eorrespondent des „Volk" entnehmen, daß gar nicht bloß Pfälzer und „gefühlsduselige" Nationalliberale, sonderen ebenso auch conservative Norddeutsche und Kreuzzeitungsmänner das Hineintragen der antisemitischen Agitation in unser Reichsland für eine Thorheit und für ein Verbrechen halten, denn allerdings waren die „Beamten, besonders auch in den höheren Instanzen", von der Richtigkeit dieser Anschauung durchaus überzeugt. Und der Unterschied wird wohl der sein: Wer hier zu Lande national gesinnt und politisch verständig ist, der muß gegen antisemitische Treibereien und Agitationen sein; wer dagegen leidenschaftlich verbohrt und ohne Sinn für das politisch und national Nothwendige im engen Kreise dahinlebt, der mag es mit einer antisemitischen Hetze in Elsaß- Lothringen versuchen, sie wird ihm selbst, denkeich, sie würde aber auch dem Lande schlecht genug bekommen. Und das um so mehr, als die Elsässer in ihrer überwiegenden Mehrheit, und ganz besonders der gebildete Theil des elsässischen Volkes für dieses „christlich-deutschsoziale" Gewächs absolut kein Verständniß haben, und sicherlich Leute nicht mit offenen Armen empfangen würden, die mit Beleidigungen beginnen und von rapid wachsender Gottlosigkeit und Unsittlichkeit im Elsaß fabuliren. Sollten sie aber doch kommen, die antisemitischen Hetzer, so würden hoffentlich alle national gesinnten Deutschen aus Nord und Süd zusammenstehen, um diese Pest von hier ferne zu halten oder doch so rasch als möglich wieder über die Grenze zu jagen. (Aus Gräbner's Mittheilungen.)