Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 91 (23.11.1891)
- Date
- 1891-11-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1710 dessen Herz und Seele seiner väterlichen Tradition treu sind, dorthin reisen werde. Er wird ganz ruhig zu Hause bleiben, ehe er die Strapazen des so mühevollen Weges, die grenzenlose Verachtung und Entehrung, Hartherzigkeit und Rücksichtslosigkeit erttüge, denen jeder verfolgte, unglückliche hier Hilfe und Zuflucht suchende russische Jude seitens seiner vermeintlich brüderlichen Gönner preisgegeben ist, wenn er noch dazu sein Seelenheil gefährdet wissen soll. Herr Baron Hirsch selbst, der für das Wohl der ihrer Religion wegen verfolgten russischen Glaubensgenossen Sorge trägt, wird doch wiederum seinerseits keinen Religionszwang diesen Verfolgten gegenüber ausüben wollen. Er würde dadurch mit seiner eigenen Handlungsweise in unlösbarem Widerspruch gerathen. Es ist daher gewiß, daß der Baron Hirsch sowohl, wie auch die Herren, die an der Spitze der Verwaltung dieses riesenhaften Unternehmens stehen, kein Ohr derartigen Tendenzen schenken werden. So wenig von diesen Bestrebungen eine Verwirklichung zu erwarten oder gar eine Gefährdung des religiösen Lebens der Ausgewanderten zu befürchten ist, so scheint es doch gebotcn.'im Interesse der Wahrheit den Ausführungen der „Hazephira" einige Aufmerksamkeit zu schenken und so ihre Hohlheit und Gedankenlosigkeit jedem nahe zu legen, den der zuversichtliche Ton dieser Phrasen täuschen könnte. Der Anonymus behauptet, daß es große jüdische Gelehrte gäbe, die mit seinem Vorschläge, der Abschaffung des Rabbi Jsserlis und des zweiten Feiertages zufrieden wären. Nur ihre ihre Furcht vor den Eiferern halte sie zurück dies öffentlich auszusprechen. Solches zu behaupten, muß man der wirklichen, realen Welt gänzlich entrückt sein. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn nur ein Atom von seiner vorge - schlagenen Reform stattfände, nicht nur die russischen, polnischen und littauischcn, sondern auch die französischen, englischen und deutschen Rabbiner sich dagegen erklären würden. Sie alle wollten die Niederlassung zu einem Versuchsfeld für solche alberne Reformspielsächelchen degradiren. Ferner wird in dem Artikel behauptet, daß wenn man das Land nicht „Argentinien", sondern „Sphorad" nennt, so müssen dort die Traditionen der Sephardim angenommen, und Rabbi Moses Jsserlis könne von dort verbannt werden! Ich frage den Schreiber dieses Artikels: Palästina ist doch gewiß „Sphorad", nach welchem Ritus leben dort die aus Europa Eingewanderten? Wenn selbst der Boden keine Veränderung des Ritus bewirken kann, soll es der blos gegebene Name bewirken? Unmöglich! Wenn eine Veränderung des Namens eine nach unserer Religion gültige Entbindung der Gesetze herbeiführen könnte, so sollte dieser Herr Reformator einen viel besseren Rath geben, nämlich: Diejenigen, welche auswandern, sollen sich selbst nicht mehr „Israeliten", sondern „Jsmaeliten" — nennen und dann dürfen dieselben in ganz Rußland leben, werden überhaupt mit einemmal aus dem bittren und finstern Exil erlöst, und sind nicht gezwungen hier in Hunger und Elend zu verkommen. Hier herrscht keine Barmherzigkeit, keine Güte und kein Gefühl, sondern „Statuten und Prinzipien". Wenn das Prinzip dagegen ist, dann kann der Unglückliche seinen letzten Odem aushauchen, ihm wird keine Hilfe geleistet. Ja es giebt einige mitleidige, gefühlvolle Herzen, edelmüthige und barmherzige Herren, leider aber stehen diese zu hoch, als daß die Verfolgten mit ihren plumpen Füßen zu ihnen hinaufklimmen könnten. Vor dem Eingang ist wie vor dem Lebensbaum die Flamme des kreisenden Schwertes. Deutlicher werde ich es, wenn Gott will, in einem besonderen Aufsatze „über die Juden in Paris" erörtern. — Mit Bestimmtheit wird ferner behauptet, daß die Abschaffung des zweiten Feiertages dem Ackerbau in Argentinien sehr förderlich sein werde. Auch diese Behauptung fordert die Kritik heraus.. Denn so weit mir bewußt ist, sind es nur drei Tage im Jahre, die hier in Betracht kommen, und da scheint, es denn doch nur starke Uebertreibung, wenn man behaupten will, daß diese paar Arbeitstage so viel Vortheil dem Ackerbau bringen sollten! — Hätte dieser Reformator noch die Sabatthe abschaffen heißen, wenn es auch nicht religiös ist, so wäre es doch eonsequenter und logischer, denn diese machen 52 Tage im Jahr aus. Aber eine solche Pedanterie um dreier Tage willen. Das ist ja lächerlich! Die Katholiken haben viel mehr Feiertage als die Protestanten, sind die katholischen Bauern deshalb schlechter situirt als die protestantischen? Der Anonymus der „Hazephirah" hat vor dem Remo, vor Rabbi Moses Jsserlis einen wahren Horror, und schwört zur Fahne des Rabbi Joseph Karo! Wirklich? Nun, Herr Ritter, ist Euere Liebe zu Rabbi Joseph Karo so heiß, wie Ihr schwört zu jeglicher Stund', ei, so möchten wir uns doch einmal die Frage erlauben, ob er denn die Entscheidungen des Rabbi Joseph Karo in seinem „Neu-Sphorod" einführen möchte? Ja? Nun dieser Rabbi Joseph Karo hat ein Werk Namens „Schulchan Aruch" verfaßt, dessen erster Band Orach Chajim heißt, daselbst findet sich ein ganzes Capitel 496 in Bestimmungen über den zweiten Feiertag für die Exulanten. Daselbst heißt es § 1: