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Der Israelit · 1891-11-23 · Heft 91 (23.11.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 91 (23.11.1891)
Date
1891-11-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXÜ. Jahrgang. KeUagr!«M 91 d-- „Israelit & Ieschurun- Zeitnngsrrachrichten und Gorrefpoudenzerr. Deutschland. Berlin, 14. Nov. In der gestrigen Antisemiten-Versammluug, in welcher Stöcker die Fälle „Hirschfeld-Wolf" und „Friedländer-Sommerfeld" zu einer kräftigen Judenhetze verwendete, erhob sich auch sein Busenfreund, der Vicepräsident der Christlich-Sozialen, Prof. Adolf Wagner, und sprach Folgendes: Woher kommt die ungeheure Summe der Börsenkapitalien? Doch nur aus'dem Volk! Spielt Niemand von Ihnen in der Lotterie? Ich fürchte alle! Ich bedaure sehr, daß der preußische Staat die Lotterie begünstigt, die Staatslotterie sogar vermehrt hat. Ich bedaure die vielen genehmigten Gelegenheitslotterien. Das Börsenspiel aber ist nicht schlechter, sondern eher etwaß besser als das Lotteriespiel; denn cs erfordert doch etwas Nachdenken, etwas Berechnung, das Lotteriespiel gar nicht. Und auch bei diesem kommen doch die Gewinne von denen, die ihr Geld verloren haben. Man spielt nur deshalb in der Lotterie, um reich zu werden. Ich bin fest überzeugt, daß auch hier viele sind, die mühelos reich werden wollen, indem sie ihr Geld beim Banquier für sich arbeiten lassen. Also nicht die Inden allein, sondern das ganze Publikum ist schuld. Die Effektenbörse ist etwas Nothwcndiges zur Aufnahme der Staats-Anleihen und zur Anlage der Ersparnisse der Bürger; aber das Börsenspiel brauchen wir nicht, das Publikum sollte sich davor hüten. Man sollte nicht den Reichthum an sich, sondern den anständigen moralischen Erwerb desselben achten. Man sollte alle Unehrlichen, auch wenn sie reich sind, gesellschaftlich verfehmen. Darin haben wir cs verfehlt. Wie kommt es, daß die Lotterie-Loose so starken Absatz haben? Wenn die Juden die Verführer sind, so laßt Euch doch nicht immer verführen! Sucht doch die Wurzel des Uebels in euch selbst! Ich schließe mit dem alten Bibelwort: „Derjenige hebe den ersten Stein, der sich frei von Sünde weiß!" Diese Worte wirkten auf den erhitzten siegesstolzen Hospredtger a. D? wie ein Sturzbad eiskalten Wassers. Er stammelte etwas davon, daß die Juden doch nicht bloß nach ihrem Prozentsatz, sondern in ihrer Gesammlheit Schuld trügen an den Schäden der Gesellschaft, und suchte sich dann mit einer pathetischen Kraftphrase aus der fatalen Situation zu retten. Berlin, 20. Nov. Leipziger Antisemiten, die nochmals auf die bekannte Ahlwardt'sche Schrift hier gegen Herrn v. Bleichröder eine Denunziation an den Reichskanzler gerichtet hatten, ist im Aufträge deffelben mitgetheilt worden, daß in der in Rede stehenden Angelegenheit die eingehendsten Ermittelungen stattgefunden, dieselben aber einen Beweis für die Schuld des v. Bleichröder nicht erbracht haben. Da ferner die erwähnte Schrift neue Behauptungen oder Beweismittel nicht enthält, hat sie dem Herrn Juftizminister nach nochmaliger Prüfung der Sache keinen Anlaß geboten, ein strafrechtliches Einschreiten gegen v. Bleichröder herbeizuführen. Der Oberstaatsanwalt Luck. Gollub, 11. Nov. Interessant sind manche russische Gesetze, wie folgender Fall zeigt: Ein begüterter Kaufmann in Plock, Rußland, lebte mit seiner Ehefrau viele Jahre zufrieden, aber kinderlos. Krankheit warf ihn aufs Lager, von welchem er nicht aufstehen sollte. Da seiner Ehe keine Kinder entsprossen und die Ehefrau infolge dessen die Erbschaft nach den russischen Gesetzen nicht antreten durfte, mußte den Angehörigen des Schwerkranken das ganze Vermögen zufallen; die Brüder des Kaufmanns gaben nun zu erkennen, daß sie die Wittwe aus Haus und Hof jagen würden. Dies erfuhr der Todeskandidat; er ließ kurz vor seinem Tode den Rabbiner holen, ließ sich von seiner Ehefrau scheiden und schenkte ihr jetzt seine Hinterlassenschaft in Gegenwart von gerichtlichen und geistlichen Zeugen. Von den Brüdern des Verstorbenen konnte nun kein Anspruch erhoben werden. Frankreich. Paris, 4. November. In der hebräischen Zeitung „Hazephira" empfiehlt ein Anonymus, um das gesellschaftliche Leben der in Argentinien eingewanderten russischen Juden zu erleichtern und den Ackerbau zu befördern, daß man dieses Land nicht mehr „Argentinien", sondern „N e u-S p h o r o d" nenne. Es könnten dann dort die Ritualgesetze der Sephardim in Kraft treten. Auf diese Weise wäre der und seine Zusätze zum Schulchan-Aruch außer Cours gesetzt und die Heiligkeit des zweiten Feiertages von selbst abgeschafft. Dies ist der Angelpunkt, um den sich die Ausführungen, des genannten Blattes drehen. Demgegenüber ist zu betonen: Ob die Eingewanderten nach ihrer väterrlichen Tradition leben werden oder nicht, das werden keine Zeitungs-Artikel, sondern das wird der religiöse Sinn der Einwanderer allein entscheiden. Daß der dorthin abgesandte Rabbiner, der gewiß von den größten und frömmsten jüdischen Gelehrten geprüft und empfohlen sein wird, den Verächtern unseres Religionsgesetzes Handlangerdienste leisten werde, wäre eine undenkbare Ungeheuerlichkeit. Sollte so etwas gegen alle Vermuthung doch geschehen, so bin ich sicher, daß kein russischer Jude,

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