Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 91 (23.11.1891)
- Date
- 1891-11-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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„Na, dann find es jedenfalls Judengenoffen." Solche „Jrrthümer" gehören zum Handwerkszeug der antisemitischen Agitatoren. »Wer sein Urtheil sich nicht durch Sympathien oder Antipathien trüben läßt, den werden keinerlei Künste, keinerlei Trugargumente von der Auffaffung abbringen, daß es wie überall, so auch in den Fällen, welche den Ausgangspunkt unserer Betrachtungen bilden, ungerecht sei, für] die Verschuldung einzelner Juden das Judenthum verantwortlich zu machen." Wir fügen nur noch hinzu, daß dieser sehr beherzigenswerthe Artikel vor dem Bekanntwerden der Charlottenburger Katastrophe geschrieben war. Sonst hätte der etnwandsfreie, strenggläubige und hochkonservative Herr Bankier Ma aß auch noch seinen Platz auf der Ehrenbank gefunden, wo jüdische und christliche Gauner friedlich beieinander sitzen. Das ist leider das Traurige bei diesen Nichtswürdigkeiten, daß man sich in Deutschland während der letzten Jahre mehr und mehr daran gewöhnt hatte, nicht nach dem gegebenen verbrecherischen Fall zu fragen, sondern vielmehr nach der Stammesherkunft des betreffenden Verbrechers! Der ganze Kern der leidigen Judenhetze, von welcher edeldenkende Christen nicht viel weniger empfindlich betroffen werden, als die angegriffenen Juden selber, liegt indieser Begriffsverwirrung. Wiesbaden, 20. November. Eine sonderbare Postkarte erhielt gestern ein größeres israelitisches Geschäftshaus hier. Dieselbe war adressirt: „An einen der Herren Briefträger zu Wiesbaden." Sie enthielt die Bitte eines Postbeamten in Galizien, diese Karte einem wohlhabenden israel. Mitbürger zu überbringen. An diesen nun war eine herzergreifende Bitte gerichtet, einigen aus Rußland vertriebenen Juden, die in einem kleinen Orte Galiziens der größten Noth ausgesetzt wären, durch Geldsendungen zu helfen. — Geldmacherei oder Edelmuth? Hildesheim, 16. November. Das Fallissement der Bankfirma Emil H. Meyer hält alle Gemüther in größter Aufregung. Die in auswärtige Zeitungen übergegangene Nachricht, daß sich der Geschäftsinhaber, der antisemitisch-conservative Bankier Emil Meyer, erschossen habe und nicht an einem Nervcuschlage verstorben sei, wird jetzt auch hier von unterrichteter Seite bestätigt. Der Bankier hatte am vorigen Sonntag aus Berlin ein Telegramm bekommen, welches ihm wiederum arge Verluste anzeigte, worauf er sich einen Schuß in die rechte Schläfe beigebracht hat, der indeß nicht sofort tödtlich war. Der Tod trat nach dem Hann. Cour, erst am Donnerstag Morgen ein. Immer mehr bestätigt es sich, daß Meyer in gradezu wahnwitziger Weise Ultimo-Differenzgeschäfte betrieben hat, denen schließlich sein bedeutendes Vermögen und auch das anderer Leute, besonders aus den besser fituirten Gesellschaftskreisen, zum Opfer gefallen ist. Königsberg, 14. November. Bisher waren wir in den öffentlichen Bürgerversammlungen der Bezirksvercine und auch bei den sonstigen Bürgerzusammenkünften von antisemitischen Brandreden, so weit uns irgend bekannt geworden, durchaus verschont geblieben und zeichnete sich unser Publikum dadurch auf das vortheilhafteste vor so mancher andere Stadt aus. Leider hat eine neuliche Versammlung des allstädtischen Bezirksvereins das erfreuliche Verhältniß gestört. Bei Gelegenheit der Besprechung der Stadtverordnetenwahlen machte ein hiesiger Klempnermeister seinem übervollen Herzen in so gehässiger Weise gegen seine jüdischen Mitbürger Luft, daß der Vorsitzende ihn zuerst darauf aufmerksam machen mußte, es handle sich hier nicht um religiöse Fragen, und ihm schließlich das Wort entzog, als er in seinen Schimpfereien fortfuhr. Köln, 16. November. Ein antisemitisch gefärbter Aufruf wird in der neuesten Nummer der Allgem. Handwerkerztg. an alle Innungen und Handwerker-Corporationen und alle selbständigen Handwerker Westfalens usw. veröffentlicht, in welchem zu festem Zusammenhalt für die Handwerker- Forderungen ermahnt und die Erwartung ausgesprochen wird, daß von Seiten der Regierung nun bald Vorlagen im Sinne der jüngsten Berliner Handwerker-Conferenz gemacht werden möchten. Es sei keine Zeit mehr zu verlieren. Heidingsfeld, im ptsrnio. Unsere alte, ehrwürdige Gemeinde hat den Verlust eines ihrer ältesten, getreuesten Mitglieder zu beklagen. Unser allverehrter, greiser Cultusvorstand, Herr Samuel Romann vollendete in Dieburg, wo er zum Besuche seiner daselbst verhetratheten Tochter sich befand, seine gottgefällige irdische Laufbahn. Trotzdem der Dahingeschiedene das hohe Alter von 8t Jahren erreichte, hat dessen Hintritt nicht nur bei seinen Angehörigen, sondern auch in der ganzen hiesigen Gemeinde die schmerzlichste Trauer erweckt. Ein Bruder des ehemaligen Casseler Landrabbiners, Dr. Ph. Romann Wr, hat er alle Tugenden in sich ausgenommen, welche der große Bruder durch Beispiel und Lehre ihm etnflößte. Zwanzig Jahre hindurch an der Spitze der hiesigen Gemeinde und über fünfzig Jahre Vorsteher der von ihm zur Bethätigung von np-is an verschämte Arme gegründeten onma man, leitete er die Angelegenheiten derselben mit unermüdlichem