Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 91 (23.11.1891)
- Date
- 1891-11-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448206--33154-2481033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1702 men, der sonst den Unfug abgestellt hätte; außerdem stehen den Kolonisten wegen der Prügel, die nach dem Bericht einige Leute erhalten haben sollender gerichtliche Weg offen. Die Stimmung der Bevölkerung, die meistens aus Spaniern besteht, deren religiöse Gesinnung ja bekannt sein dürfte, ist allerdings eine den Juden sehr wenig günstige und ist die Befürchtung nicht ausgeschloffen, daß eine große Ansammlung russisch-jüdischer Flüchtlige ein widerwilltges Verhalten der Bevölkerung Hervorrufen dürfte. Was den Preis der Ländereien anbelangt, so hat Baron Hirsch in Folge der Krisis und durch den Massenkauf solche sehr billig erstanden. Die parzellirten Stücke werden an die bemittelten Einwanderer zu dem Selbstkostenpreise abgegeben; die Unbemittelten erhalten ein ausreichendes Stück Land, Ackergeräthe, Kühe und tägliche Mundration u. s. w. u. s. w. ohne jede Zahlung; außerdem wird jeder Gemeinde eine Dampfmaschine zum Dreschen, Mahlen rc. zur Verfügung gestellt. Das aufgewendete Capital wird mit 5°/0 berechnet und beginnt der Colonist nach 5 Jahren armortistrend abzuzahlen. Das Getreide wird ihm durch die Beamten Hirsch's abgekauft. Jeder Verdienst soll zum Capital geschlagen werden, das zum Ausbau der Colonien verwendet wird. Es wird durchaus gleichmäßig verfahren. Für jede Colonie ist Arzt, Apotheke und Spital vorgesehen. Daß nicht überall ein Arzt anwesend sei, mag auf Wahrheit beruhen, denn es sind noch nicht genügend Personen, welche sich für die schwere Stellung eignen, aufgefunden worden. Erst jüngst hat Baron Hirsch von Paris aus einige Ingenieure und Aerzte abgesandt: jedenfalls konnten die Ansiedler die Aerzte der in der Nähe befindlichen Colonien benutzen. Herr,' Dr. Löwenthal, der Leiter des Hirschschen Unternehmens ist approbirter Arzt und war früher Professorder Hygiene in Lausanne, er ist ein idealer, für seine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe entflammter Mann, der von dem besten Willen beseelt und auch energisch genug ist; natürlich muß er sich erst in seine schwere Aufgabe hineinfinden und so kann für den Anfang noch nicht alles tadellos sein. Daß die Colonisten keine Häuser vorgefunden, und allen Comfort entbehren mußten, ist wahr; das wird aber bei jeder neu zu gründenden Colonie der Fall sein, bietet doch auch Buenos-Aires nicht den Comfort einer europäischen Stadt. Es geschieht eben alles,, was möglich ist, und man darf die Ansprüche nicht zu hoch schrauben. Aller Anfang ist schwer und alles Menschliche fehlerhaft. Wenn ich den russischen Juden einen Rath geben soll, so geht dieser dahin, es in Rußland auszuhalten, so lange es irgend möglich ist. Wenn sie aber ausgewiesen sind, oder in ihrer alten Heimath verhungern müßten, so wird ihnen Argentinien eine neue Heimath gewähren und sie jedenfalls vor dem Alleräußersten bewahren". Zeitungsnachrichten «nd Correfpondenze«. Deutschland. Berlin. Aus der Berliner Repräsentantenversammlung ist zu melden, daß an Stelle des wegen vorgerückten Alters ausgeschiedenen Gemeindevertreters M. I. Jakob, Herr Rudolf Mosse eingetreten ist. Derselbe hält die übliche Antrittsrede, indem er gelobt die Gemeindeintereffen gewissenhaft wahrzunehmen. Eine Wahl als Synagogenvorsteher in der Heidereutergasse lehnt derselbe wegen allzu großer Entfernung seines Domicils ab, worauf die Majorität Herrn Gustav Löwenberg gegen den von der Linken ausgestellten A. Ruß erwählt, Die Herstellung der Orgel in der Synagoge, Lindenftraße, hat bereits 19500 Mk. verschlungen. Es wurden nachträglich noch 1000 Mk. zugeschossen. Der historischen Commission des D. I. G.-B., für welche Herr Prof. Breslauer petitiontrt, werden 2000 Mk. jährliche Subvention bewilligt. Wir haben diesmal von den Beschlüssen der genannten Körperschaft Notiz genommen, weil wir denselben eine ganz besondere Wichtigkeit beilegen. Der Eintritt des Herrn Rudolf Mosse, Inhabers des„Berliner Tageblatt" und der „Zeitung des Judenthums" ist für die religiösen Verhältnisse der Berliner Großgemeinde ein Ereigniß von nicht zu unterschätzender Tragweite. Die Wahlen im Jahre 1889 haben die gefestigte Majorität, die seit drei Jahrzehnten das strenge Regiment führte, erschüttert. Von der 92er Wahlcampagne erhoffte man einen weiteren Fortschritt auf diesem Gebiete. Es ist nun fraglich, welcher Richtung sich Herr Mosse mit seinem literarischen Machtgebote anschließen wird. Doch nicht allein für Berlin sind die Vorkommnisse in den hiesigen Gemeindebehörden von Belang. Die Provinztal-Gemeinden wetteifern im Nachahmen der großstädtischen Moden. So beeilte sich die Hauptstadt Schlesiens, den Damenchor, der hier bereits eingezogen, auch für dort vorzubereiten, ein Verstoß gegen unsere heiligen Sitten, den wir tiefernstlich beklagen. Bezüglich der Wahl des Herrn Löwenberg zum Synagogenvorsteher ist zu erinnern, daß dieser gesinnungstüchtige Gemeindevertreter dieses Amt bereits bis zum Jahre 70 in Ehren verwaltete, dasselbe aber niederlegte, als trotz seines energischen Protestes Herrn Dr. A. Geiger die Kanzel fn der Heidereuter Synagoge eingeräumt wurde. Dieser Behinderungsgrund ist allerdings nicht mehr vorhan-