Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 90 (19.11.1891)
- Date
- 1891-11-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1683 I läftina ist mir einmal und nur von einem Redner erwähnt worden. I Der perr Vertreter der pariser Allianz sagte nämlich, als er in einer I kurzen Uebersicht aller Kolonisationsprojekte auch Palästinas erwähnte:! „Der Boden ist jetzt bereits dort sehr theuer". Das ist die einzige Bemerkung, die über Palästina fiel, und sonst war von der ganzen Angelegenheit nicht mehr die Rede; eine Kolonisarionsdebatte, geschweige denn eine hitzige Debatte, in welcher sich Deutsche und Aus- >!änder'gegenüber gestanden wären, haben wir überhaupt nicht gehabt. Dies aber glaubten die Petenten — denn jene Ente ist durch nahezu I j die gesummte europäische Presse gegangen — und so meinten sie, sie { müßten den Franzosen und Engländern zu Pilse kommen, um Newvork zu beseitigen. Deshalb war, sagte ich schon, unsere Aufmerksamkeit bei der prüfuirg jener Petitionen keine geringere, und ebensowenig deshalb, weil die Gründe allergrößtentheils solche der Weltanschauung, der religiösen und nationalen Aspirationen sind. 111. £>., wie begründen die russischen Juden in den Petitionen, die an uns gelangt sind, ihren Wunsch, nach Palästina und nur nach Palästina geführt zu werden? Ich halte eine Mittheilung darüber an Sie aus doppelten Gründen für einen Akt der Gerechtigkeit. Erstens weil es sich doch hier um das Schicksal dieser Menschen handelt, weil sie hier keine Gelegenheit haben, uns durch einen Sprecher aus ihrer eigenen Mitte ihre Wünsche auszudrücken. Aber es ist auch ein Akt der Gerechtigkeit gegen unsere Kommission. Sie hat eben durch mich erklären lassen, die Gründe in diesen Petitionen seien säst durchweg solche der Weltanschauung. Gestatten Sie uns den Beweis dafür. Dieselben Gründe kehren in allen Petitionen wieder. Ls sind die folgenden: Die Petenten seien nicht bloß nach dem Glauben, sondern auch nach der Rationalität Juden und sie wollten beides bleiben. Daß sie auch in Amerika bei ihrem Glauben bleiben könnten, wüßten sie wohl, sogar fromm könnten sie dort bleiben. Aber ihre Nationalität würde verloren gehen, sie würden eine fremde Sprache annehmen müssen u. s. w., und das wollten sie nicht. In Palästina, auf ihrer Väter Boden, könnten sie auch ihre Nationalität behalten. An der liege ihnen auch unendlich viel und ihre Kinder sollten dieselbe Sprache — es ist, nt. p., das sogenannte „Iudendeutsch" gemeint — sprechen, wie sie selbst. 2. Ueberall kömtte inan des Glaubens wegen verfolgt werden, auch in Amerika, nur in Palästina nicht; dort herrsche Friede unter allen und darum auch kein Judenhaß. 5. Die Kolonien in Palästina blütheu, dort gehe es dett Meisten aus eigener Kraft vortrefflich, von dort kehre daher auch Niemand zurück, pingegen gehe es vielen Juden in Amerika schleckt und sie müssen heimkehren. 4. Die ganze russisch-jüdische Nation sehne sich nur nach Palästina, sonst nirgendwohin, und zwar schon aus religiösen Gründen. Angenommen, es ginge ihnen dort nickt gut, so wollten sie doch an den heiligen 'Stätten selbst bei Wasser und Brod glücklich sein. 5. Gegen Amerika spreche der Unterschied des gesammten Naturells und der Lebensgewohnheiten der dortigen Bevölkerung von der jüdischen. Anders in Palästina. Das deutsche Eentral-Komitee möge nicht vergessen, daß die russischen Juden selbst (Vrientalen seien und daß sic sich daher im Grient am wohlsten fühlen würden unter den anderen Grientalen, die dasselbe Tempareut und dieselben Lebensgewohnheiten hätten. 6. Die politischen Zustände in Palästina seien ihnen sympathisch, die Amerikas besorgnißerregend. „Namentlich muß das Uebermaaß an politischen Freiheiten unseren daran nicht gewöhnten Brüdern in mancherlei pinsicht in Amerika gefährlich werden, während diese Gefahr in Palästina völlig ausgeschlossen ist." 7. Jetzt gingen nach Palästina auch viele Reiche. Diese könnten den Armen helfen, so daß die Komitees dort viel weniger Sorge für die Armen haben würden, s. In Palästina, wo sie den Boden, den Gott ihren Vätern angewiesen, bebauen könnten, würden sie Bauern bleiben, weil sie es dort bleiben wollten, anderswo nicht. Nun, m. p., was von diesen Gründen spricht, objektiv genommen, sachlich für Palästina? Ich glaube, mein Referentenamt, welches mich zu vollster Objektivität verpflichtet, voll zu üben, wenn ich die beiden letzten Gründe als fachliche Gründe gelten laste. Das ethische Moment, welches dis Leute an den Boden fesselt, soll nicht unterschätzt werden. Der Umstand, daß viele wohlhabende Elemente nach Palästina gehen oder gehen würden, wenn keine äußerlichen Gründe dagegen sprächen, ist gleichfalls in Betracht zu ziehen. Aber die anderen Gründe? Ist es! vom Standpunkte dieser Versammlung, welche ja nicht in einer l galizischen Neste stattfindet und von der Sekre der „Lhassidim" ein berufen wurde, bereits parteiisch, wenn ich sage: die Scheu, ein fremde Sprache zu erlertren, der Wunsch, beim „Jüdisch-Deutsch" z bleiben und nicht bloß den jüdischen Glauben, sondern auch di jüdische Nationalität zu bewahren, können uns nicht als sachlich Gründe sür Palästina erscheinen?! (Beifall? Zwei Gründ sind thatsächlich unrichtig. In Palästina fehlt der Glaubenshaß nick es ist nickt richtig, daß dort allein Gottesfriede herrscht — im Geger theil, nirgendwo herrscht solcher peinlicher Streit der Konfessionen wi gerade in Palästina. Daß es ferner in Palästina allen den Jude, die dorthin gekommen sind, vortrefflich gegangen sei, auch dies i nickt wahr, was die Sehnsucht nach Palästina aus Gründen der R ligion betrifft, so ist dies ein Moment, welches in die Debatte zu zi hcn mir mein Amt als Referetrt verwehrt. Wie weit Sie dies M ment als sachlichen Grund für Anlegung von Kolonien betrachte wollen, sei Jedem von Ihnen überlassen. Aber die Pinneigung z orientalischen Sitten, die Abneigung gegen die amerikanische Frcihei das Bekenntniß. daß den russischen Juden die politischen Zuftänl der Türkei viel sympathischer seien als die der amerikanischenj Nein, m. p., das sind gewiß keine sachlichen Gründe sür paläftim das sind höchstens sachliche Gründe dafür, daß wir uns um so me! verpflichtet fühlen sollten, selbst wenn diese Sturm- und Drangzeitl lange vorüber sein werden, uns um die russischen Juden auch Friedenszeuen zu kümmern, damit bei ihnen andere, den mtfern vc wandte Anschauungen einziehen (Beifall.) Sonst aber ist aus diefc Punkten nichts zu schließen. Die sachlichen Gründe, um deren willk wir sür unser Theil davon abgesehen haben, dem deutsche Lcntral-Komitee sür feilte Kolonie Palästina zu empfehle waren die folgenden: 1' der Ferm an welcher den russischen Iud> den Eintritt verbietet. Derzeit mtd so laitge als dies Gesetz besiel ist ja ohnehin an die Sacke absolut nicht zu denken, welche I stände derzeit in Palästina herrschen, hierfür erlaube ich mir Ihn« im ausdrücklichen Aufträge der Konunissiou eine Stelle aus dem letzt Berichte der „Alliance Isra6!ite Universelle" vorzuleseu. (Redn verliest deit unseren Lesern bereits bekannten Theil des Juli-Bericht; Das zweite Motiv, welches mts für unsere Tolonie von palästii absehen läßt, besteht darin, daß der Grund und Baden in palästü sehr theucr ist. Was das Gstjordaulaud aulangt, so ist na Insorntationen, welcke wir voll sehr tüchtigen utrd kenntnißreich perren erhalten, die Beduinengefahr eine sehr große. Endlich glau ich, daß sich durch das Piuströmeu der Juden nach Palästina ik Lage dort nicht so günstig gestalten würde, wie die Freunde des Pi jects glaubcit. Ich will mich damit begnügen und nicht etwa 1 Frage aufwerfeu: angenommen, es gelänge, daß die Juden in f lästina, oder auch nur rings um das peilige Land, welches ja ni blos für unsere Glaubensgenossen ein solches ist. dorninirei:, wc dies nicht für die anderen Juden eine sehr bedenkliche Sache?! ) noch mehr, ist nicht fdboti der versuch, die Angelegenheit unter de Gesichtspunkt jüdisch-nationaler Aspirationen zu erledigen, recht < fährlich?! Und wäre etwa der Standpunkt: „wir fühlen uns n dem Glauben, nickt der Nationalität nach als Juden; wir opft unser Geld, unsere Kraft zur Rettung unglücklicher Glaubensbrüd Aber zur Befestigung der jüdischen Natioual-Idee wollen wir nick beitragen!" — wäre, jage ich, dies nicht auch ein berechtig Standpunkt?! Aber all dessen bedarf es ja hier nicht, um es als Gel der Nothwendigkeit erscheinen zu lassen, daß wir sür die von u zu begründende Kolonie von Palästina abgesehen! Die meis der oben genannten Gründe sprechen auch gegen Syrien, we Sie unserer leitenden Gesichtspunkte gedenken, welche ich Ihnen im erf Theil meines Berichts mitgetheilt, werdet! Sie begreifen, daß t auch dies Land nicht zu unserem Arbeitsgebiet erwählen könnt was Anatolien betrifft, so wurde dies project infolge des Entgeg kommens einer dortigen Eisenbahn-Gesellschaft eine weile bei r erwogen, wir konnten uns aber nicht dazu entschließen. Die politis Zukunft Anatoliens ist unsicher, der Rechtszustand der Gegenw traurig. Die Tscherkeffen sind in einigen Landstrichen thatsächl mächtiger, als der Pascha, und der Tribut, den sie fordern, noch groß h Ganz besonders energisch wurde in letzter Zeit in einigen Zeitung « sowie in directen Zuschriften an unsere Komitees von einem auf Lyp e *