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Der Israelit · 1891-11-19 · Heft 90 (19.11.1891) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 90 (19.11.1891)
Date
1891-11-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1685 _ Oester r.-Ungar. Monürchie. Budapest' Dieser Tage verschied hier nach längerer Krankheit das Mitglied des Oberhauses, Dr. Ignaz Hirschler, ein Mann von boher wissenschaftlicher Begabung und tadellosem Charakter. Hirschler war im Jahre 1823 zuPreßburg geboren. Er widmete sich der medicinischen Laufbahn und studirte in Wien und Paris. Nach den Unabhängigkeitskämpfen machte er sich in Budapest seßhaft und war bald einer der renommirtesten Augenärzte. Er vermochte es jedoch nicht als Jude durchzusetzen, daß er in den Fünfziger-Jahren als Privatdocent zu Vorlesungen an der Universität zugelassen werde, und versammelte daher einen großen Kreis von Hörern im Kinderspital, wo er seine Vorlesungen halten mußte. Er war auch vielfach literarisch thätig, und drei größere Werke über Augenheilkunde verbreiteten seinen Ruf weit über die Grenzen Ungarns hinaus. Als Cultusminister Baron Joseph Eötvös, mit dem er näher befreundet war, im Jahre 1868 die Rechtsverhältnisse der ungarischen Juden regeln wollte und den ersten jüdischen Landescongreß nach Budapest einberief, genoß Dr. Hirschler unter seinen Glaubensgenossen bereits so hohes Ansehen, daß er als Führer der Fortschrittspartei zum Präsidenten dieses Kongresses gewählt wurde. Ein Jahr später wählte ihn die Akademie der Wissenschaften zu ihrem Mitgltede, und 1878 wurde er für sein humanes Wirken mit dem Orden der Eisernen Krone ausgezeichnet. Rach der Reform des Oberhauses war er nächst dem Großgrundbesitzer Schwab der erste Jude, der gewissermaßen als Vertreter seiner Confession ins Oberhaus berufen wurde. Als Dr. Hirschler zum erstenmale daselbst erschien, eilte Graf Julius Andrassy auf ihn zu, reichte ihm beide Hände und sprach seine Freude aus, ihn als Mitglied des Hauses begrüßen zu können. Hirschler erwiederte, daß er die ihm widerfahrene Auszeichnung um so höher anschlage, als er sich genau erinnere, wie er in seiner Jugend in der Schule auf der Judenbank habe sitzen müssen. Im Oberhause ergriff Hirschler nur ein einzigesmal das Wort, und zwar, um die Regierung auf die Gefahren aufmerksam zu machen, welche durch die Verbreitung des Trachoms entstehen müssen. Er lebte während der letzten zwölf Jahre sehr zurückgezogen, ausschließlich seinen wissenschaftlichen und literarischen Neigungen zugewendet. Sein Hinscheiden erregt hier in allen Kreisen die lebhafteste Theilnahme. Der große folgenschwere Fehler im Leben Hirschlers war die Einberufung des Kongresses. Dem jüdisch-konfessionellen Leben entrückt, hatte dieser Mann keine Ahnung von den in religiöser Beziehung unter den Parteien im Schoße der Judenheit Ungarns-Siebenbürgen herrschenden weitgehenden Meinungs-Verschiedenheiten. Es dünkte ihn ein leichtes, alle Juden des Landes „unter einen Hut" zu bringen, oder eigentlich in den Rahmen eines und desselben Organisations-Statuts hineinzuzwängen. Doch während der Dauer des Kongresses mag Hirschler diesen großen Fehler seines Lebens selbst eingesehen haben, da alle An. strengungen des Kultusministers Eötvös nicht vermochten, die Orthodoxen in ihrer oppositionellen Stellung den Beschlüssen des Kongresses gegenüber auch nur für einen Augenblick schwankend zu machen. Nach Schluß des Kongresses zog sich Hirschler denn auch vom Kampfplatze gänzlich zurück. Er war eine zu „vornehme" Natur, um den später entbrannten leidenschaftlichen Partei-Kampf zu billigen! Rumänien. Jassy. 10. Nov. (Entdeckung eines Doppelmordes.) Abermals wurde hier ein Doppelmord entdeckt, der an einer im Centrum der Stadt wohnenden reichen Jüdin und an deren Sohn verübt worden ist. Das neue Verbrechen hat die Bevölkerung in große Aufregung versetzt. Die Thäter dieses Verbrechens, wie die Mörder der beiden kürzlich hier ermordeten Skopzen, sind noch nicht bekannt. Rußland. Petersburg, 2. Nov. Den Juden, welchen der Auffenthalt in Kiew gestattet worden war, weil ihre Kinder die dortige Universität bezw. die Gymnasien besuchen, ist ietzt, nachdem „Kiew Slowo", mitgetheilt worden, sie müßten die Stadt in kürzester Zeit verlassen. Petersburg, 6. Nov. Wie bereits berichtet, soll das von einer besonderen Kommission als neue Reichsrathvorlage bearbeitete Judengesetz auf dringenden Wunsch des Finanzministers vorläufig zurückgestellt worden sein. Man dürfte jedoch, so schreibt man der „Köln. Ztg.", fehlgehen, wenn man auf einen mehr als bald vorübergehenden Aufschub rechnet. Sobald Rußlands finanzielle Position stch bessert, ist auch eine Aufnahme der alten Judenverfolgungsgesetze mit Bestimmtheit zu erwarten, und man wird daher gut thun, nicht voreilig aus der jetzigen Maßnahme Schlüffe zu Gunsten Rußlands zu ziehen, so lange die russische Regierung nicht selbst bestimmte Erklärungen über eine veränderte Stellungnahme in ihrer Konfesfionspolitik abgegeben hat. Wegen der Rücksichten, welche Rußland gegenwärtig, wo es sich aus eigener Kraft nicht aus seinen Nothverhältniffen herausarbeiten kann, auf das Ausland zu nehmen hat, dürfte

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