Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 90 (19.11.1891)
- Date
- 1891-11-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1884 für den denkenden Leser bleibt von all dem Gezeter doch nur die Thatsache als durch eigene Selbstbezichttgung der Schuldigen erwiesen bemerkenswerth, daß der Antisemitismus es gewagt hat, eine staatliche Einrichtung für seine Zwecke „mißbräuchlich" zu benützen. Ob das bisherige Verhaltender Behörden dieser Zeitkrankheit gegenüber die Dreistigkeit nicht geradezu ermuthtgt hat, wollen wir in diesem Zusammenhänge nicht weiter untersuchen. Berlin, 17. Nov. (Deutscher Reichstag). Zu einer Petition, betreffend die Revision des Wuchergesetzes nahm u. A. Böckel Gelegenheit, sich bemerkbar zu machen und verbreitete sich in seiner Weise über die verschiedenen Arten des Wuchers. Er bittet auch die Regierung, bet einer etwaigen Regelung des Hausirhandels besonders auch auf den Viehhausterhandel zu achten und verlangt schließlich eine Verschärfung des Wuchergesetzes. Staatssekrätär Bosse stellt eine Novelle zum Wuchergesetz in Aussicht. Nach einer größeren antisemitischen Debatte zwischen v. Liebermann und Rickert wird die Petition dem Reichskanzler als Material überwiesen. Königsberg, 1. Nov. Der jüngste Sohn des verstorbenen Geh. Kommerzienraths Simon, Herr Dr. Walther Simon, ist von der Stadtverordneten-Versammlung zum Mitglied des Stadtraths gewählt worden. Elberfeld, 15. Nov. Gestern beging hier der Rabbiner der Synagogengemeinde Elberfeld- Barmen, Herr Dr. Zacharias Auerbach sein 25 jähriges Amtsjubiläum. Nach einem Festgottesdienst in der Synagoge statteten der Vorstand und die Repräsentanten der Gemeinde, der Vorstand des Mendelsohn-Vereins und des israelitischen Wohlthätigkeitsveretns, sowie frühere Schüler dem Jubilar ihre Glückwünsche ab und überreichten ihm in Anerkennung seiner Verdienste kostbare Geschenke. Abends war ein Festessen, an dem etwa 400 Personen thetlnahmen. Köln, 5. Nov. Der Konstantinopeler Korrespondent der „Köln. Ztg." hatte eine Unterredung mit dem neuen Großvezier, welcher besonders betonte, das Verbot einer Massen-Einwanderung russischer Juden sei ausschließlich eine durch den prekären Gesundheitszustand, besonders Konstantinopels und anderer türkischer Küftenstädte, bedingte Nothwendigkeit. Wie sehr es dem warmen und menschenfreundlichen Herzen des Sultans auch widerstrebe, dieser Nothwendigkeit müsse er sich fügen. Der Korrespondent sagt, mit dem neuen Großvezier sei nicht bloß als mit einem Faktor zu rechnen, der zu verhindern vermöge, ihm sei auch die fördernde Kraft eigen. Pforzheim, 17. Nov. Vor einer Versammlung von etwa 450 Personen, die Herr Fabrikant Ferd. Kiehule mit beifällig aufgenommener Ansprache eröffnete, sprach Herr Pfarrer Gräbner gegen den Antisemitismus. Er nennt denselben den Ausdruck mittelalterlicher Unduldsamkeit und eine Geschäftsmache seiner Agitatoren. In zweistündigem Vortrag unterzog Redner die verschiedenen bisher sich selbst befehdenden Richtungen des Antisemitismus einer äußerst scharfen Kritik. Die programmatischen Forderungen desselben seien weder liberal noch national, noch überhaupt durchführbar, wie selbst die antisemitische Autorität, Heinrich von Treitschke, Nachweise. Die Judenfrage sei eine Raffen- und Religionsfrage. Als erstere fehle ihr schon insofern jede Berechtigung, da heutzutage kein einziger Deutscher mit Gewißheit sich zur reinen germanischen Rasse zählen könne. Die Religion soll nicht trennend, sondern verbindend sein. Die jüdische Religion entspreche durchaus dem Gesetz der chrtstlichen Nächstenliebe. Des Näheren sprach sich Redner aus über die Juden als Handwerker, als Träger deutscher Sprache in dem Osten des Reiches, über den Wucher und die gegenwärtig vom Antisemitsmus ausgebeuteten Fallimente Berliner Bankhäuser, deren Bloßstellung von jedem anständigen Juden mit Freuden begrüßt werde, weil auf diese Weise an den Tag trete, wessen Geschäfte reell und wessen unreell sind. Daß die hohe Aristokratie, die erklärte Todfeindin der Börse, doch auch im Stillen mit Papierchen arbeite, gehe aus dem Fall Wolff (Christ) und Hirschfeld hervor. Bet Besprechung der antisemitischen Presse, insbesondere der des Leipzigers Fritsche, gab Redner eine Blütenkese, die an Schmutz und Rohheit allerdings das Menschenmögliche leistet. Von den Gegnern meldete sich Niemand zum Wort. Mit einem begeistert aufgenommenen Apell an die Einigkeit und den Frieden des Zusammenlebens und einer Aufforderung, dem antisemitischen Treiben energischen Widerstand zu leisten, was in der Stadt Reuchlins doppelte Pflicht sei, schloß Redner mit einem Hoch auf das deutsche Vaterland. Herr Heinrich Bloch forderte jeden auf, seine Klagen vorzubringen, die er gegen irgend einen der hiesigen Juden vorzubringen habe und erklärte es als eine Schmach, daß man an dem hiesigen Platz, wo doch bisher die Juden in Eintracht mit anderen Konfessionen gelebt, diese wüste Agitation getragen habe. In gleichem Sinne äußerte sich Herr Kantor Bloch, der seinem tiefsten Bedauern Ausdruck gab, daß die jüdische Religionslehre, welche vom Staate anerkannt sei, und in welche jedermann Einsicht nehmen könne, in unqualifizirbarer Weise von jungen, lernbedürftigen Menschen in den Kot gezogen werde, während ganz allein nur das gelehrt werde, was auch das Chriftenthum als Recht und Sitte vorschreibe.