Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 89 (16.11.1891)
- Date
- 1891-11-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1674 geholt werden. Nähere Auskunft über diese Wohlthätigkeits-Anstalt ertheiit Herr Hermann Abraham, Alte Jakobstraße 57/59. Berlin, 6. Nov. Von einem sehr verstärkten Anfall eines bedenklichen Fiebers wurde leider in dieser Woche die „N. Pr. Ztg." heimgesucht. Dieselbe betreibt jetzt den Judenhaß auf eigene Rechnung. Ihr graut nämlich vor dem Radikalismus der antisemitischen Bandenführer. Ihr gruselt vor den Folgen der Aufhetzung der ntedern Volksklassen, welche vor den Wappen an den eisernen Geldschränken nicht zurückbebt, wenn ihre Raserei den Gipfelpunkt erreicht. Darum verabscheut sie die Mittel der Antisemiten, die Erregung der Volksleidenschaften. Sie ruft die Regenten an, sie sollen in ihren Sold treten und ihr Handlangerdienste verrichten. Doch die Mittel sind so erbärmlich einfältiger Art, daß wir den Artikelschreiber nur als einen Fieberkranken bemitleiden, keineswegs aber glauben können, daß ein verständiges Mitglied der genannten Partei die Ausführung eines Tobsüchtigen ernst nimmt. „Haus Habsburg und seine Feinde". Dieser Titel prangt an der Spitze eines fettgedruckten Leitartikels. Ich hätte die Schreiberei überhaupt unberichtet gelassen, wenn mich nicht die dankbare Pietät veranlaßte, zu erfahren, wo die Feinde des geliebten Monarchen, der unzählige Male unsere Glaubensgenossen seiner Huld versicherte, zu finden sind. Doch bald mußte ich mich mit einem Gefühl des Abscheus dieser Windbeutelei abwenden, der nichts anderes aufzutischen wußte, als daß die Feinde des Hauses Habsburg tu den Reiheu der Juden zu entdecken find. Die österreichisch - ungarischen Leser des „Israelit" werden allerdings diesen Schwindel nur belächeln. Der Israelit des Kaiserstaates — das können wir mit gutem Gewiffen behaupten — spricht mit einer schwärmerischen Liebe und kindlicher Verehrung von seinem theuren Landesvater, die der Verleumder in der „R. Pr. Ztg." in seinen Reihen vergeblich suchen wird. Doch gleichviel, welcher Verleumder ist je wählerisch gewesen in den Mitteln den Gegner zu vernichten? Berlin, 9. Nov. Des bekannten französischen Antisemiten Eduadr Drumont neuestes Werk „Le testament d’un Antisemite“ ist in der „Kreuzzeitung" und im „Volk" einer überaus wohlwollenden Kritik unterzogen worden. In einer aus derselben Feder stammenden Serie von nicht weniger als neun Artikeln werden die Vorzüge des Buches, das unter den Drumont'schen Büchern in gewissem Sinne das meiste Interesse biete, gerühmt. Die Schilderung der zeitgenössischen Zustände Frankreichs, insbesondere des verderblichen Einflusses des Judenthums wird als eine sehr zutreffende charakterisirt. „Nur wo der Verfasser, wie im Kap. 4 (La question juive ä l’etranger) das Ausland schildern möchte, verliert er den Boden unter den Füßen und geräth ins Leere. Ueberdies aber reißt ihn sein blinder Deutschenhaß zu Aeußerungen fort, die wir auf das Schärfste verdammen und zurückweisen müssen." Diese Bemerkung läßt vermuthen, daß lediglich chauvinistische, gegen das Deutschthum im Allgemeinen gerichtete Aeußerungen in Frage kommen. In Wirklichkeit liegt die Sache aber anders. Bei der Lektüre des vierten Kapitels gewinnt man die Ueberzeuguug, daß der von den beiden christlich-couservativen Blättern in den Himmel gehobene Drumont bei seiner Darstellung deutscher Verhältnisse nicht blos von einem übertriebenen Deutschenhaß sich leiten läßt. Das könnte man dem Franzosen zu gute halten. Nein, wir haben es hier mit einem Pamphletisten schlimmster Art zu thuu. Das er Lessing und (nach dem „Univers") Hansemann zu Juden stempelt, kann nicht weiter auffallen; die Gewohnheit, mißliebige Personen christlicher Conftssion in Juden umzuwandeln, ist auch unseren Antisemiten eigentümlich. Auch darüber, daß Drumont den Finanzminister Miguel, über welchen er die albernsten Räubergeschichten erzählt, als einen „klibustier de baut vol“ titulirt, brauchen wir uns nicht zu wundern. Kommt doch Herr Miguel bei den deutschen Gesinnungsgenossen Drumont's nicht viel besser fort. Aber — und das erscheint uns als die Hauptsache — die Auslassungen Drumout's über die „Berjudung" der Zustände in Deutschland bestehen fast ausschließlich in einer unglaublichen Beschimpfung des regierenden deutschen Kaisers, welche (bei der Schilderung der Ursachen der Entlassung Stöckers) in dem Satze gipfelt: „Lleiodroeder deposa l’argent sur la table et le pacte tut conclu.“ — Die Rohheiten und Unfläthigkeiten im Einzelnen, wie sie auf Seite 140— 148 gegen die Person Kaiser Wilhelms II. geschleudert werden, sind auch nicht andeutungsweise wiederzugeben. Und Angesichts solcher Dinge glauben Blätter, welche bei jeder Gelegenheit ihre monarchische Gesinnung, ihre Königstreue zur Schau tragen, mit der obigen einschränkenden Bemerkung ihr Gewissen salvirt zu haben. Sie nehmen keinen Anstand, einer Schrift, welche von den schwersten Beleidigungen gegen den deutschen Kaiser strotzt, den Weg ins deutsche Volk zu bahnen. Und Alles das zum höheren Ruhm des Antisemitismus! (Aus Gräbner's „Mittheilnugen.")