Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 89 (16.11.1891)
- Date
- 1891-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1667 nicht unterdrücken konnte, fallen nunmehr die Antisemitenblätter mit wahrem Triumphgeheul über die Hirschfeld, Friedländer und Sommerfeld her, während Stöcker bereits eine Volksversammlung in Berlin zur Behandlung dieses Themas einberufen. Die gleichen Fälle Maaß und Schno eckel waren ihm, weil sie Christen betreffen, sehr unbequem, er half sich darüber hinweg mit dem geistvollen, den ganzen Mann charaktertstden Scherze: „Bei den Christen sei eben Maaß, die Juden aber seien maaßlos." Ueber diese Brücke voltigirte er gegen die Börse und .'die Juden, mit einer Rede bekannten Styls, höchstens noch etwas oberflächlicher als sonst. Im Großen und Ganzen stimmen die Urtheile der Presse darin überein, daß der Berliner „Krach" dem Antisemitismus neue Nahrung nicht gewähren könne. So schreibt eine bekannte Fachzeitung in Frankfurt a. M. Wenn ein Bäcker oder Tischler, wie dies ja jetzt so zahlreich in Deutschland vorkommt, regelrecht spekuliren, so hat sie nicht das Circular' eines Bankgeschäftes angelockt, sondern vor Allem die verborgen gehaltene Leidenschaft Geld um jeden Preis zu machen, und wenn Beamte oder pensionirte Militärs sich ihre Bankierstatt zu soliden Geschäften zum Kaufen oder Fixen halten, so wollen sie eben im Nu reich werden. Nachher zum Antisemitismus überzugehen, anstatt sich an die eigene Brust zu schlagen, ist ziemlich leicht. Es war dies im vorigen Jahrhundert der Fall, da die Londoner nach den Zontdsea's dudle über die Juden schrieen, deren es damals doch an der Börse gar keine gab und es ist dies jetzt in Paris der Fall, da die kindischen Franzosen den Russenrückgang weder auf die Verkäufe der durch den Nothstand doppelt geldbedürstigen Negierung in Petersburg zurückführen wollen, noch auf die Nentenkatastrophe bei der Ultimo-Liguidation, sondern einfach nach andern Sündenböcken suchen. Ein Berliner jüdisches Blait schließt seine Betrachtungen über den Fall: Das Judenthum muß jede Verantwortlichkeit für solche Vorkommnisse entschieden ablehncn. Es darf sich sagen, daß nur der Mangel an religiöser Unterweisung und die Abirrung von seinen Lehren jene Leute zu ihrer verbrecherischen Handlungsweise führen konnte, und daß die Verschwendungssucht und die Nachahmung junkerhaften Treibens mit der Entfernung vom Judenthum Hand in Hand zu gehen pflegt. Mögen unsere Väter und Mütter, unsere Söhne und Töchter die Lehren, welche das Leben hier mit so erschütternder Deutlichkeit ertheilt, beherzigen, und stets dessen eingedenk sein, daß nur wahre Religiösität zur wahren Bürgertugend führt. Die Zeitung, die dies schreibt, ist — „Die Allgemeine Zeitung des Judenlhums". „O möchten doch ihre Ohren tiören, was ihr Mund spricht." Vielleicht findet sie dann „das sogenannte Lernen" nicht gar so zwecklos und unfruchtbar." Darmftadt, 11. November. In der heutigen Sitzung der evangelischen Landes-Synode gab der Synodale, Ober-Pfarrer Dieffenbach-Schlttz, seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß durch einen Erlab des großherzoglichen Confistoriums, welcher den Geistlichen die Betheiligung an der anttsemittschen Agitation untersagt, die evangelischen Geistlichen Hessens allgemein als antisemitisch angesehen werden, weil einige derselben an der Bewegung theilgenommen. Der Präsident des Ober - Consistoriums, Geheimrath Dr. Goldmann, zeichnete es als eine Pflicht der oberen Kirchenbehörde, einen solchen Erlaß htnauszugeben, nachdem ein Geistlicher in einer Pfarrerversammlung offen erklärt habe: „Wir Alle sind Antisemiten," wobei er den Prälaten Dr. Habicht als „Ober-Antisemiten" bezeichnete. Hiemit war der Zwischenfall erledigt. Erwähnt sei nur, daß das Ober-Consistorium seit längerer Zeit wegen seiner Haltung gegenüber den Antisemiten in den Organen der Letzteren heftig angegriffen wurde, insbesondere richteten sich diese Angriffe gegen den Geheimrath Dr. Goldmann und auch gegen den Prälaten Dr. Habicht, weil der Letztere in der Ersten Kammer die wüste Agitation der Antisemiten verurtheilt hatte. Berlin. An unseren Gemeinde- und höheren Töchterschulen wirken die von der städtischen Schuldeputation bezw. den Direktoren berufenen jüdischen Religionslehrer. Wir verdanken diese Einrichtung der Loyalität der städtischen Behörden, welche diesbezüglich mehr leisten, als sie gesetzlich verpflichtet sind. Wie weit jedoch die Liberalität der Behörden geht, welche Anforderungen dieselben an die Befähigung des jüdischen Religionslehrerpersonals stellen, darüber ließe sich manch' Erstaunliches erzählen. Hier nur ein Fall zur Illustration. Eine Religionslehrerin tritt an einem der jüngsten jüdischen Feiertage in die Klasse und findet dieselbe auffallend leer. Verwundert fragt die Verblüffte die wenigen Anwesenden nach der Ursache der Lückenhaftigkeit. „Es ist doch heute „Feiertag", erwtedern die Kleinen. „Feiertag?" replicirt die Lehrerin der jüdischen Religion, „Was für Feiertag haben w ir heute?" „Sukaus" rufen die jungen Kehlen einmüthig. Da erkräftigt sich das schwache Gedächtniß des Vergeßlichen. Die Kindlein mögen doch wohl recht haben. — Ein Blick in den Kalender und zu spät erkennt die Repräsentantin der Religion , daß sie von diesen Dingen denn doch viel zu wenig verstehe, und daß sich nicht gezieme an die heiligsten Güter des Lebens heranzutreten, wenn man auf ihrem Boden eine Fremde ist, wenn man sowohl Wissen alS Praxis entbehrt. Der Wille der Behörden ist ein lobenswerther, die Ausführung läßt viel zu wünschen übrig. A. Breslau. Unsere Rabbinerfrage harrt noch immer einer endgültigen Lösung. Es sind noch viele